ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2008Zimt: Als Nahrungsergänzung nicht für Diabetiker geeignet

MEDIZINREPORT

Zimt: Als Nahrungsergänzung nicht für Diabetiker geeignet

Dtsch Arztebl 2008; 105(51-52): A-2743 / B-2333 / C-2245

Ammon, Hermann P. T.

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Die Hersteller von Zimtpräparaten werben damit, dass das Gewürz den Blutzucker senkt. Aber die pharmakologischen Effekte lassen sich zu wenig einschätzen, als dass eine therapiebegeleitende Einnahme zu empfehlen wäre.

Zimtpräparate werden Typ-II-Diabetikern als diätetische Nahrungsmittel oder Nahrungsergänzungsmittel angeboten, um die gestörten Stoffwechselfunktionen zu verbessern. Ob es sich bei dem Gewürz um ein Nahrungsmittel handelt oder um ein Arzneimittel, welches eine kostenspielige Zulassung erfordern würde, war bereits Gegenstand juristischer Streitereien. Allerdings kamen die Gerichte zu gegensätzlichen Auffassungen.

Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft und die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft sprechen sich gegen die Anwendung von Zimtpräparaten zur Behandlung des Typ-II-Diabetes aus. Auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte vertritt die Ansicht, Zimt habe den Charakter eines Arzneimittels. Als dieses ist das Gewürz indiziert bei Appetitlosigkeit, Verdauungsbeschwerden, Völlegefühl und Blähungen.

Im Wesentlichen werden zwei Arten von Zimt arzneilich verwertet: Cinnamomum zeylanicum und Cinnamomum cassia. Präklinische Untersuchungen zum Einfluss von Zimt auf den Glucosestoffwechsel ergaben folgende Befunde:
- An Ratten, bei denen durch hohe Fruktosegaben eine Insulinresistenz erzeugt wurde, führten 300 mg/kg/Tag eines Zimtextrakts zu einer Verbesserung der Glucosetoleranz (Qin 2004).
- Bei gesunden Ratten steigerte ein Zimtextrakt (300 mg/kg) die insulininduzierte Glucoseutilisation um 17 Prozent (Qin 2003).
- Bei gesunden Ratten bewirkte ein Zimtextrakt eine Verbesserung der Glucosetoleranz, hatte aber keine Wirkung auf den Blutzuckerspiegel.
In vitro steigerten wasserlösliche Polyphenolpolymere (vermutlich Katechine/Epikatechine) den insulinabhängigen Glucosestoffwechsel (Anderson 2004).
- Bei isoliertem Fettgewebe zeigten Inhaltstoffe des Zimts eine insulinähnliche beziehungsweise insulinverstärkende Wirkung (Imparl-Radosevich 1998; Khan 1990).
- Hydroxychalcone aus Zimt bewirkten insulinähnliche Effekte bei Fettzellen: Sie phosphorylieren den Insulinrezeptor, steigern die Glykogensynthese und die Glucoseaufnahme (Jarvill-Taylor 2001).
- Indische Autoren fanden heraus, dass Zimtaldehyd (Hauptbestandteil des ätherischen Öls) bei niedrig dosiertem Streptozotozin-Diabetes dosisabhängig den Blutzucker und HbA1C-Wert senkte. Darüber hinaus wurden in dieser Untersuchung auch erhöhte Cholesterin- und Triglyceridwerte vermindert.
Verschiedene Untersuchungen zum Fettstoffwechsel haben bisher ein uneinheitliches Bild ergeben:
- Bei gesunden und bei hypercholesterinämischen Ratten hatte Zimt keine cholesterinsenkende Wirkung (Sambaiah, Srinivasan 1991).
- Cinnamat (eine phenolische Verbindung des Zimts) hingegen führte bei hypercholesterinämischen Ratten zu niedrigeren Cholesterin- und Triglyceridwerten (Lee 2003).

Fasst man die Ergebnisse pharmakologischer Untersuchungen am Versuchstier und in vitro zusammen, so sprechen diese durchaus dafür, dass Zimt beziehungsweise seine Inhaltsstoffe in der Lage sind, die Glucoseaufnahme in periphere Gewebe zu erhöhen – sei es durch eine insulinähnliche Wirkung, durch eine Steigerung der Empfindlichkeit der Gewebe gegenüber Insulin beziehungsweise durch eine Erhöhung der Insulinsekretion. Diese pharmakologischen Effekte entsprechen denen der in der Therapie des Typ-II-Diabetes eingesetzten Antidiabetika, die Metformin, Glitazone oder Sulfonylharnstoff enthalten.

Als Arzneimittel für Diabetiker müssten die als harmlos erachteten Zimtpräparate allerdings langfristig angewendet werden, weshalb sich die Frage nach möglichen toxischen Wirkungen stellt. Bedenken bestehen vor allem wegen unterschiedlicher Cumaringehalte des Kassiazimts (Mar 2000). Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung hat wegen des zu hohen Cumaringehalts (Risiko Leberschäden, Krebs) vor der Verwendung von Kassiazimt in Backwaren gewarnt. Nach der Aromaverordnung sind nur 2 mg Cumarin/kg erlaubt (0,0002 Prozent). In zwei Präparaten von Zimtkapselherstellern zur Anwendung bei Typ-II-Diabetes wurden in diesem Zusammenhang 0,317 beziehungsweise 0,045 Prozent Cumarin gefunden.
- Über eine kanzerogene Wirkung von rohem Zimt bei Ratten (100 mg/Tag über zwölf Monate) berichteten Balachandran und Sivaramkrishnan 1995. Außerdem wurde auf die Möglichkeit allergischer Reaktionen durch Zimtöl oder Zimt in Kaugummi verwiesen (Perry 1990; Mihail 1992; Nadiminti 2005).
Auch wenn aus diesen Ergebnissen keine endgültigen Schlüsse gezogen werden können, so machen sie doch deutlich, wie wichtig es ist, Arzneimittel auf ihre Unbedenklichkeit zu prüfen.

Allergien und Hypoglykämie sind mögliche Risiken
Da Zimtpräparate Typ-II-Diabetikern als diätetische Nahrungsmittel beziehungsweise Nahrungsergänzungsmittel empfohlen werden, impliziert dies auch, dass sie zusätzlich zu den vom Arzt verordneten Antidiabetika eingenommen werden, um einen weiteren blutzuckersenkenden Effekt zu erzielen. Bei möglichen Nebenwirkungen ist vor allem an ein hypoglykämisches Risiko zu denken.

Dass eine blutzuckersenkende Wirkung von Zimt vorhanden sein kann, legen die Studien von Khan (2003) und Mang (2006) nahe. Es ist bekannt, dass orale Antidiabetika – insbesondere einige Sulfonylharnstoffe – in manchen Situationen selbst zu Hypoglykämien führen können. Schon aus diesem Grund ist eine zusätzliche Behandlung mit Zimtpräparaten problematisch.

Zimtpräparate kamen als diätetische Nahrungsmittel zur adjuvanten Behandlung des Typ-II-Diabetes in die Diskussion, nachdem eine klinische Studie aus Pakistan (Khan 2003) positive Effekte auf den Fett- und Zuckerstoffwechsel bei Typ-II-Diabetikern gezeigt hatte. Je zehn Patienten wurden täglich mit ein, drei oder sechs Gramm Kassiazimt in Kapseln behandelt, 30 Patienten erhielten Placebos. In den Verumgruppen waren die Blutzuckerwerte, Serumtriglyceride und das LDL-Cholesterin gesunken.
In einer weiteren Studie aus dem Jahr 2006 untersuchten Mang et al. den Einfluss eines wässrigen Zimtextrakts auf Plasmaglucose, HbA1C und Serumlipide bei Patienten mit Typ-II-Diabetes. Hierfür erhielten 33 Patienten vier Monate lang dreimal täglich eine Kapsel mit 120 mg eines wässrigen Extrakts (TC 112), welches einem Gramm Zimt entspricht: 32 Diabetiker nahmen zur Kontrolle dreimal täglich eine Kapsel Placebo ein.

Die Dauer der Zuckerkrankheit betrug in dieser Studie etwa sieben Jahre. 27,7 Prozent der Patienten erhielten zusätzlich Metformin, 12,3 Prozent Sulfonylharnstoffe, 4,6 Prozent Glinide, 1,5 Prozent Glitazone und 30,8 Prozent eine kombinierte Therapie. Für diejenigen Patienten, die keine zusätzlichen Antidiabetika einnahmen (23,1 Prozent), wurde lediglich eine Basistherapie mit Diät und/ oder körperlicher Betätigung verordnet. Der Nüchternblutzuckerspiegel wurde vor Beginn und vier Monate nach Beginn der Intervention bestimmt.

Er betrug vor Therapiebeginn 9,26 6 2,26 mmol/l in der Verumgruppe beziehungsweise 8,66 6 1,47 mmol/l in der Placebogruppe. Nach Therapieende wurden 8,15 6 1,65 beziehungsweise 8,31 6 1,62 mmol/l gemessen. Der HbA1C-Wert stellte sich zu Beginn der Intervention mit 6,86 6 1,00 beziehungsweies 6,71 6 0,73 dar. Bei diesem Parameter ergab sich nach Ende der Behandlung gegenüber der Placebogruppe kein signifikanter Unterschiede, ebenso wenig bei den Lipidparametern.

Als Ergebnis dieser Studie kann angenommen werden, dass das verabreichte Zimtpräparat innerhalb von vier Monaten bei Patienten, die gleichzeitig bereits unter der Therapie mit Antidiabetika beziehungsweise Diät und körperlicher Bewegung standen, zu einer etwa zehnprozentigen Senkung des Blutzuckerspiegels führte.

Den Anforderungen des Arzneimittelgesetzes genügen
In einer dritten klinischen Studie (Vanschoonbeek 2006) wurde zwölf Patienten mit Typ-II-Diabetes sechs Wochen lang täglich 1,5 g Kassiazimt verabreicht. Alle Patienten erhielten gleichzeitig orale Antidiabetika (Sulfonylharnstoffe, Metformin, Glitazone), die Kontrollgruppe Placebo plus orale Antidiabetika. In dieser Studie fand man keinen signifikanten Effekt von Zimt auf Blutzucker, Insulin, HbA1C, Cholesterin und Triglyceride.

Fasst man die bisher vorliegenden pharmakologischen und klinischen Daten zusammen, so sprechen sie trotz widersprüchlicher Ergebnisse bei den klinischen Studien nicht gegen Eigenschaften von Zimt, die beim Typ-II-Diabetes nützlich sein könnten. In diesem Fall müssten sie jedoch als antidiabetische Arzneimittel angesehen werden und den Anforderungen des Arzneimittelgesetzes genügen.

Den Patienten zu suggerieren, sie könnten mit Zimt als Adjuvans ihre Stoffwechselsituation verbessern, wird dem heutigen Standard der Diabetestherapie nicht gerecht. Es verleitet den Diabetiker eher dazu, seine Krankheit nicht mit dem nötigen Ernst zu betrachten und sich einer kontrollierten ärztlichen Behandlung zu verschließen. Dadurch erhöht er sein Risiko für die bekannten Folgeerkrankungen des Diabetes mellitus.
Prof. Dr. med. Hermann P. T. Ammon
Altpräsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft
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