ArchivDeutsches Ärzteblatt19/1997Apotheker: Kompetenz und Service sind gefordert

POLITIK: Leitartikel

Apotheker: Kompetenz und Service sind gefordert

Korzilius, Heike

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LNSLNS Die derzeitigen Diskussionen über mögliche Einsparungen bei der Verordnung und dem Vertrieb von Arzneimitteln lassen den Druck auch auf die Apotheker wachsen. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V. (ABDA) fürchtet Umsatzeinbußen, wenn die in den Neuordnungsgesetzen der Bundesregierung vorgesehene Möglichkeit kombinierter Honorar- und Arzneimittelbudgets für Ärzte Wirklichkeit wird. Zur Rettung ihres Berufsstandes beschwört sie deshalb ihre pharmazeutische Kompetenz, ein verbessertes Dienstleistungsangebot und nicht zuletzt eine fruchtbare Zusammenarbeit mit den Ärzten.


Unzufriedenheit und Unsicherheit über die Folgen einiger Neuregelungen des 1. und 2. Neuordnungsgesetzes zur Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (NOG) machen auch den Apothekern unter den Leistungserbringern zu schaffen. "Es wird viel Ärger geben", kommentierte Hans-Günter Friese, Präsident der ABDA, beim diesjährigen Pressegespräch in Berlin die erhöhten Zuzahlungen, die voraussichtlich ab 1. Juli für Versicherte der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) gelten. Die Apotheker, die mit dem Zuzahlungsinkasso beauftragt sind, hielten wie in der Vergangenheit den Schwarzen Peter, weil sie die Patienten aufklären müßten. Dabei sei die Höhe der Zuzahlungen von der Politik zu verantworten, und die Mehreinnahmen kämen den Kassen zugute. Probleme bergen nach Ansicht von Friese auch die kassenspezifischen Zuzahlungen, die nach Beitragssatzanhebungen fällig werden. Obwohl die Apotheker in der Lage seien, die Aufgabe mit entsprechender Computersoftware zu bewältigen, gebe es Unklarheiten bezüglich der Fristen und der zeitnahen Mitteilungen seitens der Kassen. Inwieweit der zusätzliche Verwaltungsaufwand die Beratungstätigkeit einschränke, sei noch nicht absehbar.
Echte Besorgnis bei den Apothekern erregen jedoch vor allem die sogenannten Strukturverträge, die im 2. NOG vorgesehen sind. Das Gesetz ermöglicht es beispielsweise Krankenkassen und Ärzteverbänden, Gesamtentgelte zu vereinbaren, die sowohl das ärztliche Honorar als auch die Kosten für veranlaßte Leistungen wie Arzneimittelverordnungen umfassen. Die Folgen dieser Verträge, so die Kritik der ABDA, hätten Patienten und Apotheker zu tragen. Viele Ärzte könnten versucht sein, ihren Verdienst aufzubessern, indem sie weniger verordneten. Friese fürchtet zudem um die Versorgungsqualität für die Patienten. Amerikanische Erfahrungen mit den dortigen Health Maintenance Organizations zeigten, daß die Aussteuerung sogenannter schlechter Risiken zu den Praktiken der Ertragssteigerung zähle.


Heilberufliche Allianz
Derzeit gibt es in den 23 Kassenärztlichen Vereinigungen jeweils verschiedene Arzneimittelbudgets. Das 2. NOG sieht vor, diese künftig durch arztgruppenspezifische Richtgrößen abzulösen. Dr. Frank Diener, Leiter der Grundsatzabteilung im Geschäftsbereich Wirtschaft und Sozialpolitik der ABDA, prognostiziert, daß durch diese Neuregelung die Arzneimittelverordnung innerhalb der GKV erheblich komplexer wird. Eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apothekern auf regionaler oder lokaler Ebene sei deshalb nötig: "Wir wollen eine heilberufliche Allianz für den Patienten, mit dem Ziel, daß das Budget- und zukünftig auch das Richtgrößenmanagement qualitätsgesichert erfolgen können." Die Apotheker wollten weg von einem angstgesteuerten Verordnungsverhalten der Ärzte hin zu rationalen Verordnungsstrukturen. Das Interesse der Ärzte an einer Zusammenarbeit mit den Apothekern ist laut Diener unter dem derzeitigen Kosten- und Leidensdruck erheblich gewachsen. Zum Beispiel diskutierten Apotheker und KVen in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt über einen Schnellinformationsdienst zur aktuellen Entwicklung der Arzneiverordnungen. Geplant sei, daß die Apothekenrechenzentren Daten auf KV- und Arztgruppenebene zur Verfügung stellen, da der gegenwärtige Datenaustausch zwischen Krankenkassen und KVen nur erheblich zeitverzögert erfolge. Außerdem werde eine Weiterentwicklung der Patienten-Chip-Karte anvisiert, um eine eventuelle Komedikation besser erfassen zu können. An einem entsprechenden Modellversuch in Neuwied nähmen derzeit 800 Patienten teil.
Sehen die Apotheker einer "heilberuflichen Allianz" relativ optimistisch entgegen, so bereitet ihnen das Thema "Versandhandel von Arzneimitteln", von dem sich die Krankenkassen erhebliche Einsparungen erhoffen, Kopfzerbrechen (vgl. DÄ, Heft 18). "Wir kämpfen seit Jahren gegen das Märchen von der teuren Vertriebsstruktur", rechtfertigt sich ABDA-Präsident Friese. Zum einen würden über den Apothekenpreis im Rahmen einer Mischkalkulation auch Dienstleistungen der Apotheker abgegolten. Zum anderen werde, im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, die Mehrwertsteuer auf Arzneimittel in voller Höhe aufgeschlagen. Eine Forderung an die Politik laute deshalb, die Mehrwertsteuer auf Arzneimittel zumindest um die Hälfte zu senken.


Imageförderung
Gegen den Versandhandel von Arzneimitteln sprechen nach Ansicht der ABDA neben den unvermeidlichen Umsatzeinbußen für die klassische Apotheke auch mögliche Gefahren für die Arzneimittelsicherheit. Ein Versandapotheker, der seine Existenzberechtigung und -sicherung nicht mehr in pharmazeutischer Kompetenz und Beratung suche, mache sich selbst austauschbar. Die ADBA will deshalb das Image des Apothekers als Heilberufler fördern. In diesem Zusammenhang stehen auch die Aktionswochen "Gesundheitstests aus Apotheken", die am 23. April begonnen haben. Hintergrund der Aktion ist, so Friese, daß Früherkennungsuntersuchungen viel zu wenig in Anspruch genommen werden. Laut Statistik unterziehen sich nur 40 Prozent der Frauen und 15 Prozent der Männer regelmäßig einer Krebsfrüherkennungsuntersuchung. Den "Check up 35" nehmen lediglich 11,2 Prozent der Berechtigten wahr. Um möglicher Kritik von seiten der Ärzte vorzubeugen, betont Friese, daß die Apotheker sich mit ihrer Aktion in keiner Weise in Konkurrenz zum Arzt stellen. Die (kostenpflichtigen) Tests aus der Apotheke, bei denen beispielsweise die Blutzucker- oder Cholesterolwerte bestimmt würden, stellten keine Alternative zu einer Untersuchung beim Arzt dar. Sie sollten lediglich erste Hinweise auf eventuelle Gesundheitsstörungen geben. Heike Korzilius

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