ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2008Gartenkunst: Renaissance oder Romantik – das ist hier die Frage

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Gartenkunst: Renaissance oder Romantik – das ist hier die Frage

Dtsch Arztebl 2008; 105(51-52): A-2767 / B-2351 / C-2263

Bischoff, Helmuth

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Hortus Palatinus: Würde der Schlossgarten als Renaissanceanlage wieder- hergestellt, wäre dies nur ein winziger Ausschnitt seiner Geschichte. Foto: Hortus Palatinus
Hortus Palatinus: Würde der Schlossgarten als Renaissanceanlage wieder- hergestellt, wäre dies nur ein winziger Ausschnitt seiner Geschichte. Foto: Hortus Palatinus
Die Geschichte eines Streits über den Hortus Palatinus am Heidelberger Schloss

Als Symbol der deutschen Romantik zählt das Heidelberger Schloss jährlich mehr als eine Million Besucher. Über den Schlossgarten begann im Herbst 2007 eine heftige Diskussion. Es geht um das Vorhaben der finanziell gut ausgestatteten Heidelberger „Stiftung Hortus Palatinus“, den Schlossgarten im Stil der Renaissance umzugestalten. Der Traum von Hans-Joachim Wessendorf, dem Gründer der Stiftung: Das, was im frühen 17. Jahrhundert durch den Architekten und Mathematiker Salomon de Caus als Hortus Palatinus geplant, begonnen und als „Weltwunder“ bestaunt worden war, sollte im Rahmen einer Kooperation der Stiftung und des Landes Baden-Württemberg vollendet werden. Die Vision, zu deren Verwirklichung zehn Millionen Euro an Stiftungsgeldern bereitlagen: Der Hortus Palatinus sollte mit Blumenrabatten, Brunnen, Fontänen, Gewölben und Galerien neu entstehen.

Neben dem Geld für die Gartenanlage winkte die Stiftung mit Finanzmitteln für ein neues Informationszentrum und für die Verbesserung der Infrastruktur. Bei so viel Spenderwillen bekam der damalige Finanzminister Baden-Württembergs und obere Schlossherr Gerhard Stratthaus feuchte Augen. Dass private Stifter bereit sind, viele Millionen in öffentliche Liegenschaften zu investieren, passiert nicht alle Tage. Gleich nach Bekanntwerden der Pläne signalisierte der Minister Kooperationsinteresse, unterließ es dabei aber, sich mit den Denkmalschützern seiner Behörden und mit unabhängigen Gartenhistorikern abzustimmen.

Als die Lokalpresse im Dezember 2007 bereits über die Zeitpläne des Gartenumbaus schrieb und der Kooperationsvertrag zwischen der Stiftung und dem Land nur noch eine Formsache schien, regte sich deutlicher Widerstand gegen das Projekt. Im Januar 2008 stellten sich das Landesamt für Denkmalpflege und das Referat Denkmalpflege im Regierungspräsidium gegen die Umgestaltungspläne. Sie verwiesen auf die „Charta von Florenz“ aus dem Jahr 1981, in der das Internationale Komitee für historische Gärten verfügte, dass bei Restaurierungen „nicht eine bestimmte Epoche der Anlagengeschichte auf Kosten einer anderen bevorzugt werden darf“.

Die Kritiker erinnerten daran, dass die Anlage des Gartens nach den Plänen von de Caus zwar 1616 begonnen, wegen des hereinbrechenden Dreißigjährigen Krieges aber nie vollendet wurde. Würde er jetzt als Renaissancegarten wieder- hergestellt, wäre dies nur ein winziger Ausschnitt seiner Geschichte, die vor allem durch die deutsche Romantik geprägt sei.

Große Teile der Heidelberger Professorenschaft, der Badische Heimatverein und die Akademie der Künste in Berlin schlossen sich den Vorbehalten an. Die badischen Denkmalschützer: „Der Hortus Palatinus, Garten des Kurfürsten Friedrich V., ist ein Denkmal aus der Geschichte Heidelbergs und seines Schlosses. Ihn heute wieder rekonstruieren zu wollen, ist der klägliche Versuch, fünf Jahre aus der Geschichte herauszugreifen und zum Anlass für eine vermarktungsfähige Kulisse zu machen. Das Heidelberger Schloss bildet als Ruine zusammen mit dem Landschaftsgarten der Romantik eine Einheit, die nicht zerstört werden darf.“ Die Direktorin der Sektion Baukunst der Akademie der Künste, Donata Valentien, verglich die Idee der Hortus-Restaurierung derweil mit dem Ansinnen, „Werke der Weltliteratur nachzuschreiben“. Bei so profunder Kritik konnte das Finanzministerium seine vorbehaltlose Kooperationsbereitschaft gegenüber der Stiftung Hortus Palatinus nicht aufrechterhalten. Vom Tisch sind die Verschönerungspläne allerdings nicht. Das Amt Vermögen und Bau Baden-Württemberg hat im Auftrag des Finanzministeriums einen europaweiten Wettbewerb zur Neugestaltung des Schlossgartens ausgeschrieben, die alle historischen Epochen und Schichten sichtbar machen soll.

Informationen im Internet unter: www.landeskunde-online.de, www. stiftung-hortus-palatinus.de.
Helmuth Bischoff
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