ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2009Interview mit Prof. Dr. med. Harald zur Hausen, Medizin-Nobelpreisträger 2008: Es ist meine Pflicht, die Impfung zu empfehlen

POLITIK: Das Interview

Interview mit Prof. Dr. med. Harald zur Hausen, Medizin-Nobelpreisträger 2008: Es ist meine Pflicht, die Impfung zu empfehlen

Dtsch Arztebl 2009; 106(1-2): A-12 / B-11 / C-11

Bördlein, Ingeborg

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Der Krebsforscher äußert sich zu Vorwürfen über Verflechtungen zwischen einem Pharmakonzern und dem Nobelpreiskomitee.

Am 10. Dezember 2008, dem Tag der Nobelpreisverleihung an Prof. Dr. med. Harald zur Hausen, ist in Schweden publik geworden, dass ein Jurymitglied des Nobelpreiskomitees im Aufsichtsrat von Astra-Zeneca sitzt. Der britisch-schwedische Konzern hält Patente für die beiden Impfstoffe gegen das humane Papillomvirus (HPV). Jetzt hat die Korruptionseinheit der Staatsanwaltschaft Voruntersuchungen eingeleitet. „Sveriges Radio“ hatte zudem berichtet, dass Astra-Zeneca Hauptsponsor der Stiftungstöchter Nobel Media (zuständig für die Vermarktung der Medienrechte der Nobelstiftung) und Nobel Webb (Betrieb der Website nobelprize.org) sei.

Wie und wann haben Sie von der Sponsorschaft durch Astra-Zeneca erfahren?
zur Hausen: Am 10. Dezember habe ich von der Sponsorschaft durch Astra-Zeneca gehört. Ich erhielt an diesem Abend eine Medienanfrage zu diesem Thema, die ich anfangs nicht verstand. Am folgenden Morgen wurden meine Frau und ich von der Dame, die uns als Attendant zugeordnet war, über die Situation detaillierter informiert. Mir war bis dahin unbekannt, dass Astra-Zeneca offensichtlich die Firma Medimmune aufgekauft hatte und damit auch über deren Patente Einnahmen aus dem Impfstoffverkauf erhält. Dies hat mich und die beiden Kolaureaten veranlasst, einen vorgesehenen Vortrag bei Astra-Zeneca abzusagen.

Glauben Sie, dass zwischen Ihrer Wahl zum Nobelpreisträger für Medizin und den Aktivitäten von Astra-Zeneca ein Zusammenhang besteht?
zur Hausen: Zunächst möchte ich sagen, dass die erhobenen Vorwürfe auch meine Person betreffen – wenn auch indirekt. Ich habe es als ziemlich unappetitlich empfunden, denn es ist ja ein sehr großes Gremium, das in Stockholm die Entscheidung trifft. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass dort eine Person – auch wenn sie im Aufsichtsrat von Astra-Zeneca sitzt – das gemeinsame Votum entscheidend beeinflussen kann. Mir gegenüber wurde verlautbart, dass die Entscheidung für mich nahezu einstimmig gefallen sei.

Sie haben den Nobelpreis für den wissenschaftlichen Nachweis bekommen, dass die HPV-Typen 16 und 18 zu Gebärmutterhalskrebs führen können. Warum setzten Sie sich als Grundlagenwissenschaftler darüber hinaus so vehement dafür ein, dass junge Mädchen und möglichst auch Jungen die HPV-Impfung erhalten?
zur Hausen: Einfach deswegen, weil ich sehe, dass hier in einem großen Umfang Krebsvorstufen und letztlich sicherlich auch Krebs verhindert werden können. Ich halte es für meine Pflicht, darauf hinzuweisen. Es ist schon etwas Spezifisches, dass hier eine Impfung gegen eine bestimmte Krebserkrankung möglich wird, auch wenn die Kritiker mit Recht sagen, dass der Krebs damit noch nicht unterdrückt worden sei. Ich sage, wohl aber die Vorstufen. Diese sind nun einmal eine essenzielle Komponente der Krebsentstehung. Insofern halte ich es auch als Mediziner für meine Pflicht, nachdrücklich auf die Impfmöglichkeit hinzuweisen.

Die HPV-Impfung wird von den Herstellern als Krebsimpfung „verkauft“. Ist das nicht zu verkürzt dargestellt?
zur Hausen: Das ist in der Tat so. Im Augenblick sollte man sie korrekterweise als Impfung gegen Vorstufen des Gebärmutterhalskrebses bezeichnen und nicht als Krebsimpfung. Es ist gleichwohl sehr wahrscheinlich, dass sie auch vor dem Zervixkarzinom selbst schützt. Aber das kann man erst in den nächsten 20 oder 30 Jahren klar aufzeigen.

Sie plädieren neuerdings dafür, den Impfzeitpunkt bei jungen Mädchen noch weiter vorzuverlegen. Warum?
zur Hausen: Weil sexuelle Erfahrungen auch in der Altersgruppe unter zwölf Jahren schon vorliegen können. Dies gilt besonders für einige Entwicklungsländer. Dort werden erste sexuelle Erfahrungen auch schon im Alter von neun Jahren gemacht. Deshalb sollte man gerade dort sehr, sehr früh impfen.

Die finanziellen Möglichkeiten für eine Impfung fehlen aber leider gerade in diesen Ländern. Der Impfstoff ist schlicht zu teuer. Sehen Sie Chancen, dass auf die Preisgestaltung Einfluss genommen werden kann?
zur Hausen: Ja, ich sehe diese Chancen. Ich glaube auch, dass die zahlreichen Kommentare zur Preisgestaltung, die Kollegen und ich selbst immer wieder in die Öffentlichkeit hineingetragen haben, schon zu einem gewissen Umdenken bei der Industrie geführt haben.
Wenn ich sehe, dass die Impfstoffe nach Mexiko heute schon deutlich reduziert verkauft werden, wenn ich höre, dass auch mit anderen Entwicklungsländern zurzeit Verhandlungen laufen, um die Impfstoffe deutlich verbilligt einzukaufen, wenn ich sehe, dass in England Glaxo offenkundig ein Angebot gemacht hat, den Impfstoff deutlich billiger als anderswo zu verkaufen, dann sehe ich schon die Möglichkeit, dass öffentlicher Druck dazu führt, dass die Hersteller die Preise senken werden.

Wie sehen Sie Ihren Einfluss?
Führen Sie selbst direkte Verhandlungen mit Pharmaunternehmen?
zur Hausen: Zur zweiten Frage: Nein. Zur ersten Frage: Ich hoffe, dass ein gewisser Einfluss da ist. Zurzeit stehe ich einer kürzlich gegründeten Initiativgruppe für Zervixkarzinome in der „International Union Against Cancer“ (UICC) in Genf vor. Diese hat das Ziel, Pilotprojekte zu entwickeln, um HPV-Impfungen in großem Umfang in Entwicklungsländern durchzuführen. Eine der Lokationen wird Tansania sein. Wir möchten dort ein Impfprogramm einleiten, das natürlich mit den örtlichen Gesundheitsbehörden abgestimmt und abgesprochen werden muss. Derzeit bemühen wir uns darum, die Impfstoffe möglichst kostenlos zu erhalten.

Warum Tansania?
zur Hausen: Wir wählten mit Tansania ein Land mit einer relativ hohen Inzidenz von Zervixkarzinomen. Voraussetzung ist zudem ein Land mit einer bestimmten Infrastruktur im Gesundheitswesen, um das Projekt sinnvoll durchführen zu können. Wir hoffen, dass diese primäre Initiative in Tansania auch auf andere Länder ausstrahlen wird. Es laufen auch ähnliche Pilotprojekte von der UICC in Nicaragua und Vietnam.
Die Fragen stellte Ingeborg Bördlein.
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