ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2009Leberchirurgie: Navigierte Metastasenresektion

MEDIZINREPORT

Leberchirurgie: Navigierte Metastasenresektion

Oldhafer, Karl J.

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Ausschnittsvergrößerung aus dem Navigationssystem. Sichtbar sind das patientenindividuelle 3-D-Modell der Leber mit eingezeichneter Resektionslinie sowie die aktuelle Position des navigierten Dissektors, um so mit dessen Spitze genau der geplanten Resektionslinie folgen zu können.
Ausschnittsvergrößerung aus dem Navigationssystem. Sichtbar sind das patientenindividuelle 3-D-Modell der Leber mit eingezeichneter Resektionslinie sowie die aktuelle Position des navigierten Dissektors, um so mit dessen Spitze genau der geplanten Resektionslinie folgen zu können.
Durch die Kombination bildgebender Verfahren mit einer neuartigen Navigationstechnik ist es erstmals gelungen, nicht tastbare Lebermetastasen zu entfernen.

Kolorektale Lebermetastasen sind der häufigste Grund für eine Operation an der Leber. Die chirurgische Entfernung der Metastase ist bislang die einzige Therapie mit der Aussicht auf Heilung. Auch in prognostisch ungünstigen Fällen kann man durch eine Operation für die Patienten einen deutlichen Überlebensvorteil erreichen. Zwar sind etwa 85 Prozent der Patienten mit Lebermetastasen bei Diagnose in einem technisch nicht resektablen Zustand, bei etwa 30 Prozent dieser Patienten kann durch Anwendung moderner, interdisziplinärer Therapiekonzepte jedoch eine Resektion ermöglicht werden.

Insbesondere die aktuellen Chemotherapeutika sind hier Erfolg versprechend, da sie die Metastase(n) verkleinern und somit in eine technisch resektable Situation bringen. Allerdings können sich die Tumoren auch dermaßen verkleinern, dass sie weder bei Röntgenuntersuchungen sichtbar sind noch während einer Operation ertastet werden können. Dieses Dilemma scheint nun gelöst.

Lebergewebe verändert: Form und Lage
Mit der Bildbearbeitungs- und Operationsplanungssoftware des Forschungszentrums MeVis Research in Bremen können die Metastasen in ihrer Ausdehnung vor der Chemotherapie auf ein Bild nach der Therapie übertragen werden und so ein Operationsvorschlag erstellt werden. Mit der Navigationstechnik des MiMed (Lehrstuhl Mikrotechnik und Medizingerätetechnik) der Technischen Universität München gelingt es zudem, diese Planung direkt in das Operationsfeld zu übertragen und so einen Tumor, den man nicht tasten oder sehen kann, sicher zu entfernen. Grundlage ist die – bei Hüftoperationen häufig eingesetzte – stereotaktische Navigation (www. somit-fusion.de).

Entwickelt wurde diese innovative Technik im Rahmen des durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts FUSION (Future Environment for Gentle Liver Surgery Using Image Guided Planning and Intra-Operative Navigation). Die besondere Herausforderung bestand darin, dass die Leber kein starrer Knochen ist, sondern ein weiches Organ, das seine Form und Lage ändern kann. Mittlerweile ist es gelungen, ein funktionsfähiges Navigationssystem („TUM Panel“) für die offene Chirurgie zu entwickeln.

Dies belegt das Beispiel eines 66-jährigen Patienten, dem von Prof. Dr. Karl J. Oldhafer und seinem Team (Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am AKH Celle) erstmals eine nicht sichtbare und nicht tastbare Lebermetastase entfernt werden konnte. Er hatte nach einer Darmkrebsoperation bei bekannten Lebermetastasen eine adjuvante Chemotherapie erhalten. Diese war so effektiv, dass es bildmorphologisch zu einer „Vollremission“ gekommen war. Vor der Operation wurde ein Resektionsvorschlag erstellt, der auf der Kombination der Tumorlokalisation vor Chemotherapie in Bezug auf das Gefäßsystem und der anatomischen Verhältnisse nach Chemotherapie beruht. Die Softwarelösung LiverAnalyzer war zudem in der Lage, das prognostisch relevante Restlebervolumen zu berechnen.

Um diesen Resektionsvorschlag auf die Leber zu übertragen, wurde der intraoperative Situs (über visuelle Kontrolle mittels Ultraschall) mit der computerunterstützten, individuellen Operationsplanung registriert. Dann konnte das Resektionsinstrument manuell vom Operateur unter ständiger visueller Rückkopplung mit dem virtuellen Bild, das simultan die Operationsplanung zeigt, entlang der geplanten Resektionslinie geführt werden.

Die Operation verlief komplikationslos. Bei der histopathologischen Aufarbeitung des Resektats fand man einen vier Millimeter großen Knoten, der histologisch zwar regressiv verändert war, aber noch vitale Tumorzellen enthielt.
Prof. Dr. med. Karl J. Oldhafer
Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie
Allgemeines Krankenhaus Celle
Lehrkrankenhaus der Medizinischen
Hochschule Hannover
Siemensplatz 4, 29221 Celle
E-Mail: www.chirurgie-celle.com

Die beteiligten Wissenschaftler:

Prof. Dr. med. Karl J. Oldhafer, Dr. med. Gregor A. Stavrou, Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie, AKH Celle

Dr. Holger Bourquain, Prof. Dr. Heinz-Otto Peitgen, MeVis Research, Bremen

Stefan Weber, Prof. Dr. Tim C. Lueth, Lehrstuhl für Mikro- und Medizingerätetechnik, TU München

Prof. Dr. med. Axel Wellmann, Dr. Peer Flemming, Pathologisches Institut Celle am AKH

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