ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2009Arztserien: Mehr Angst vor der OP, unzufriedener mit der Visite

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Arztserien: Mehr Angst vor der OP, unzufriedener mit der Visite

Tuffs, Annette

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Da wird dem Patienten angst und bange: Dr. House und sein Team nehmen einen Fall unter die Lupe.
Da wird dem Patienten angst und bange: Dr. House und sein Team nehmen einen Fall unter die Lupe.
Ob „Dr. House“, „Emergency-Room“ oder „In aller Freundschaft“: Wer häufig Krankenhaus- und Arztserien sieht, hat mehr Angst vor einem Klinikaufenthalt und ist unzufriedener, wie die Visiten ablaufen. Dieses Ergebnis seiner wissenschaftlichen Studie präsentierte Dr. Dr. med. Kai Witzel, Leiter eines Zentrums für minimalinvasive Chirurgie in Hünfeld und Mitglied der AG Medien der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Anfang Dezember 2008 in Berlin.

So ungewöhnlich die Studie, so wenig überraschend ist das Ergebnis. Denn TV-Serien aller Art leben von einer dramaturgischen Verdichtung, die einen OP bevorzugt zum Schauplatz von Beinahetragödien macht und die Visite zum kommunikativen Höhepunkt.

Dass Patienten mit überzogenen Erwartungshaltungen in die Klinik kommen, die ihren Ursprung in Krankenhausserien haben könnten, war die Beobachtung, die Witzel zu seiner Studie motivierte. Medienforscher sprechen von der „Kultivierungshypothese“: Menschen, die mehrere Stunden täglich fernsehen, sehen die Welt so, wie sie ihnen im Fernsehen vermittelt wird, werden dadurch „kultiviert“.

Der Mediziner und Kommunikationswissenschaftler Witzel und sein Team befragten 162 Patienten der chirurgischen Abteilung im St. Elisabeth Krankenhaus Hünfeld über einen Zeitraum von 15 Monaten zu ihren Fernsehgewohnheiten und zu ihrer Angst vor einer Operation an der Gallenblase oder eines Leistenbruchs. Die Patienten gaben vor und nach dem stationären Aufenthalt anhand eines Fragebogens unter anderem Auskunft darüber, wie viele Stunden pro Woche sie fernsehen, wie vertraut sie mit Arztserien sind und für wie realistisch sie das medizinische Umfeld in Krankenhausserien halten.

Die Studienergebnisse waren eindeutig: Patienten, die häufig Arztserien sehen, sind ängstlicher vor Operationen und unzufriedener mit der Visite. „Die im Fernsehen dargestellten operativen Eingriffe verlaufen nahezu immer dramatisch. Das steigert die Einschaltquote, hat jedoch mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun. Unsere Studie zeigt, dass Arztserienfans Schwierigkeiten haben, diesen Unterschied zwischen Fernsehen und Wirklichkeit für sich nachzuvollziehen“, so Witzel.

Doch was ist die Konsequenz aus dieser Studie? TV-Serien werden sich schwerlich der Realität anpassen; realistische Dokusoaps zu langweiligen OPs und Routinevisiten finden keinen Sendeplatz. Witzel möchte vielmehr die Visite, das ärztliche Gespräch mit dem Patienten aufwerten und diesem den nötigen Raum geben. „Wir müssen uns den Fernsehärzten in deren positiven Eigenschaften anpassen.“ In besserer Kommunikation und mehr Fürsorge für den Patienten sieht er einen Marketingvorteil für Krankenhäuser, die im Wettbewerb um Patienten bestehen müssen.

Welche Arztserie hält Witzel für die realistischste, und welche sieht er selbst am liebsten? Keine Frage, „Emergency Room“ sei am realistischsten, unter anderem weil die Ärzte wenig Zeit für ihre Patienten hätten, durch die Darstellung drastischer Fälle und Eingriffe würden eher Ängste ausgelöst. Persönlich zieht er das weniger realistische „Scrubs“ vor, „weil die Serie schön zeigt, mit welchen Problemen medizinische Anfänger zu kämpfen haben“. Annette Tuffs

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