ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2009Ärzte brauchen Unterstützung

MEDIZIN: Editorial

Ärzte brauchen Unterstützung

General Practitioners Need Support

Rabbata, Samir

Zu dem Beitrag: „AGnES: Hausarztunterstützung durch qualifizierte Praxismitarbeiter – Evaluation der Modellprojekte: Qualität und Akzeptanz“ von van den Berg, Meinke, Heymann, Fiß, Suckert, Pöller, Dreier, Rogalski, Karopka, Oppermann, Hoffmann
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LNSLNS Deutschland gehen die Ärzte aus, doch glücklicherweise nicht die Ideen, wie man die Folgen des Medizinermangels im ambulanten wie im stationären Sektor eindämmen kann. Eine Strategie ist es, Ärztinnen und Ärzte an Kliniken und in Praxen durch nicht ärztliches Personal zu entlasten. Schon heute übernehmen in zahlreichen Krankenhäusern medizinische Assistenten Aufgaben, die nicht unbedingt ärztlich sind. Die Kliniken sparen dadurch Geld und die Ärzte kostbare Arbeitszeit. Auch im ambulanten Bereich sind sogenannte Gemeindeschwestern zumindest in einigen Modellregionen längst in der Versorgungswirklichkeit angekommen.

Dass eine stärkere Einbeziehung von Praxismitarbeitern in die Versorgung die Zufriedenheit von Ärzten und Patienten verbessern kann, ist ein Ergebnis der Evaluation des Modellprojektes AGnES (Arztentlastende, Gemeindenahe, E-Health-gestützte Systemische Intervention) (1). Wie aus der nachfolgenden Studie hervorgeht, findet die Mehrheit der an dem Projekt beteiligten Hausärzte (38 von 42), dass sich das AGnES-Konzept entlastend auf ihre Tätigkeit auswirkt. Ebenso waren 37 von 42 Hausärzten der Meinung, dass die Hausbesuche der speziell geschulten Praxismitarbeiter die Compliance der Patienten fördert. Entsprechend gaben 658 der 667 Patienten an, dass die Fachkräfte kompetente Ansprechpartner für Gesundheitsfragen sind.

Bundesweite Umsetzung
Zwar steht eine Auswertung objektiver medizinischer Parameter zur Qualitätsmessung noch aus, dennoch zeigte sich die Politik mit dem 2005 von der Universität Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern initiierten Modellvorhaben zufrieden. Mittlerweile sind AGnES-Fachkräfte auch in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt tätig. Der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder, Bundesminister Wolfgang Tiefensee (SPD), kündigte an, dass das Projekt nach Auslaufen der Testphase zum 31. Dezember 2008 weitergeführt werden soll. Mehr noch: Es soll künftig auch in den alten Bundesländern zur Anwendung kommen. Die rechtlichen Grundlagen hierfür schuf die Koalition mit der Pflegereform. Demnach sollen qualifizierte Mitarbeiter des Praxisteams künftig Aufgaben im medizinischen Bereich und auch Hausbesuche auf Anordnung des Hausarztes übernehmen können. Nun kommt es darauf an, dass eine angemessene Bezahlung der Leistungen vereinbart wird. Noch sind sich aber die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Krankenkassen über die Höhe der Honorierung nicht einig.

Unabhängig von der Vergütungsfrage sehen Teile der Ärzteschaft AGnES aber auch Modellvorhaben wie Verah (Versorgungsassistentin in der hausärztlichen Praxis) oder MoPra (Mobile Praxisassistentin) kritisch. Sie befürchten einen Verlust von Kompetenzen. Auch sind manche Ärzte bei bestimmten Leistungen skeptisch, ob diese an das Personal delegiert werden sollten.

Konzentration auf Kernaufgaben
Der diesjährige 111. Deutsche Ärztetag hatte deshalb klargestellt, dass die therapeutische Gesamtverantwortung beim Arzt verbleiben müsse. Die Delegierten konstatierten aber auch, dass die sich ändernden Bedingungen eine stärkere Einbeziehung der Gesundheitsfachberufe in die Patientenbehandlung unverzichtbar machten. Die Ärzte brauchen also Unterstützung.

In der Evaluation des AGnES-Projektes betonen Studienleiter Prof. Hoffmann und Koautoren, dass es nicht Ziel des Konzeptes sei, hausärztliche Leistungsbereiche durch andere Berufsgruppen zu substituieren. Damit unterscheidet sich der Ansatz von Forderungen – insbesondere von Pflegeverbänden – nach einer vollständigen Übertragung ärztlicher Leistungsbereiche mit eigener Budgetverantwortung. Eine solche Substitution ärztlicher Leistungen würde erhebliche Probleme nach sich ziehen. So haben Patienten bei Leistungen, die unter Arztvorbehalt stehen einen Anspruch auf Behandlung nach Facharztstandard. Pflegekräfte, die ärztliche Leistungen alleinverantwortlich erbringen, können dem nicht gerecht werden. Haftungskonflikte wären im Schadensfall programmiert.

Die Delegation ärztlicher Leistungen bietet angesichts des Ärztemangels dagegen gleich zwei Vorteile: In strukturschwachen Gebieten können Ärzte gemeinsam mit ihren Praxismitarbeitern mehr Patienten behandeln und so die negativen Folgen des Ärztemangels abfedern. Entscheidender aber ist, dass sich Ärzte wieder auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren können, was den Arztberuf auch für Nachwuchsmediziner attraktiver machen dürfte.

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Samir Rabbata
Redakteur der politischen Redaktion
E-Mail: rabbata@aerzteblattberlin.de

General Practitioners Need Support

Dtsch Arztebl Int 2009; 106(12): 2
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0002

The English version of this article is available online: www.aerzteblatt-international.de
1.
Van den Berg N, Meinke C, Heymann R, Fiß T, Suckert E, Pöller C, Dreier A, Rogalski H, Karopka T, Oppermann R, Hoffmann W: AGnES: Hausarztunterstützung durch qualifizierte Praxismitarbeiter – Evaluation der Modellprojekte: Qualität und Akzeptanz. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(1–2): 3–9.
1. Van den Berg N, Meinke C, Heymann R, Fiß T, Suckert E, Pöller C, Dreier A, Rogalski H, Karopka T, Oppermann R, Hoffmann W: AGnES: Hausarztunterstützung durch qualifizierte Praxismitarbeiter – Evaluation der Modellprojekte: Qualität und Akzeptanz. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(1–2): 3–9.

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