ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2009Wolf Vostell: Letztes Projekt für Köln

KUNST + PSYCHE

Wolf Vostell: Letztes Projekt für Köln

Kraft, Hartmut

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LNSLNS Der Happening- und Fluxus-Künstler Wolf Vostell kehrte 1971 der Stadt Köln den Rücken, weil er sich in der damaligen Kunstmetropole nicht genügend gewürdigt und unterstützt fand. Im Weggang beteiligte er sich noch an der Diskussion um den Neubau für die Sammlung Ludwig, die seinerzeit im Wallraf-Richartz-Museum beheimatet war. Er schlug vor, das Museum in Form einer durchsichtigen Luftpumpe an die Hohenzollernbrücke zu hängen, die Dom und Hauptbahnhof mit der rechtsrheinischen Messe verbindet. Enttäuscht wie er war, sah er den Himmel über Köln als stets bewölkt an und empfahl, den Ventilansatz der Luftpumpe als Projektor zu gestalten. Auf diese Weise sollten die Bilder des Museums auf die Wolken über Köln projiziert werden – eine für die 60er- und 70er-Jahre typische Idee zur Demokratisierung der Kunst: Nicht einige wenige Interessenten sollten in den Genuss der Kunst kommen, sondern alle. Die Vorschläge von Wolf Vostell changieren dabei stets zwischen offenkundiger Fantasie und dem Wunsch nach Realisierung. Sie reichen von einer Krönung des Kaiserdoms zu Aachen mit einem Bügeleisen (1969) über die real vorgeschlagene, aber nicht verwirklichte Montage eines Starfighters auf dem Documenta-Gebäude in Kassel (1968) bis zur konkreten Einbetonierung seines alten Autos in Köln („Ruhender Verkehr“). Das „letzte Projekt für Köln“ ist zwischen diesen Polen anzusiedeln. Mit den heutigen Mitteln der Bautechnik erschiene es realisierbar, aber der sich enttäuscht von Köln abwendende Vostell glaubte selbst sicherlich nicht daran, dass seine Idee in Köln ernsthaft diskutiert würde. So blieb es bei einer „Objektfassung“ seines Vorschlags. Sie ist ein Dokument einer künstlerischen Fantasie, unabhängig von der Frage ihrer Realisierungschancen. Hartmut Kraft

Biografie Wolf Vostell
Geboren 1932 in Leverkusen. Nach einer Lehre als Fotolithograf (1950–1953) Studium an der Werkkunstschule Wuppertal sowie in Paris und Düsseldorf. Entstehung der „Décollage“ als Arbeitsprinzip, wobei von mehrfach überklebten Plakaten Teile abgerissen, ältere Schichten also freigelegt wurden. 1962 Mitbegründer der internationalen Fluxus-Bewegung, erste Happenings in Deutschland ab 1963. Einbetonierung eines Autos („Ruhender Verkehr“) in Köln 1969. 1978 Beteiligung an der Documenta 6 in Kassel. 1992 Retrospektive in mehreren Städten. 1998 gestorben in Berlin.

Literatur:
Wedewer R (Hrsg.): Vostell. Katalog zu den Retrospektiven in Bonn, Köln, Leverkusen, Mannheim, Mülheim. Edition Braus 1992.
Vomm W (Hrsg.): Wolf Vostell. Die Druckgrafik. Städtische Galerie Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2005.
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