ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2009Interview mit Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer: „Ja, Psychotherapie ist wichtig“

POLITIK

Interview mit Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer: „Ja, Psychotherapie ist wichtig“

Gieseke, Sunna; Rabbata, Samir

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LNSLNS Das Psychotherapeutengesetz ist am 1. Januar seit zehn Jahren in Kraft. Es wurde viel erreicht – es bleibt aber auch noch viel zu tun: Prof. Dr. Rainer Richter über Erfolge und Ziele der Psychotherapeuten.

Fotos: Georg Lopata
Fotos: Georg Lopata
Das Psychotherapeutengesetz ist jetzt am 1. Januar zehn Jahre in Kraft – sind Sie zufrieden mit dem Erreichten?

Richter: Zufrieden sind wir in jedem Fall. Wir sind sehr froh, dass der Gesetzgeber dieses Gesetz erlassen hat. Es ist jahrzehntelang darüber diskutiert worden. Das war damals etwas ganz Besonderes, dass der Gesetzgeber einen neuen, akademischen, approbierten Heilberuf geschaffen hat. Das Psychotherapeutengesetz ist insofern auch eine politische Wende, weil damit zwei neue Heilberufe geschaffen wurden: Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut.

Darüber hinaus wurde die Psychologie in einem Gesundheitssystem gestärkt, das maßgeblich durch biologische Krankheitsmodelle geprägt war und noch immer ist. Psychotherapie ergänzt diese somatischen Krankheitsmodelle um die psychosoziale Perspektive.

Durch das Gesetz wurde die Bezeichnung „Psychologischer Psychotherapeut“ geschützt.

Richter: Das ist ganz wichtig, denn bis dahin war es für Patienten nicht klar, an wen sie eigentlich geraten, wenn auf dem Schild „Psychotherapeut“ steht. Das Gesetz hat schlichtweg Klarheit geschaffen. Das waren meiner Meinung nach damals sehr undurchschaubare Verhältnisse.

Welche Vorteile haben die Patienten seither?

Richter: GKV-Patienten können sich sicher sein: Wenn sie sich an einen Psychotherapeuten wenden, ist klar geregelt, welche Art und welcher Umfang der Psychotherapie von den Kassen bezahlt werden. Sie wissen, dass derjenige, der sich Psychotherapeut nennt, eine qualifizierte Ausbildung hat, die staatlich festgelegt ist – ganz analog zu den Ärzten – durch eine Approbationsordnung. Außerdem wissen Patienten, dass diese Psychotherapeuten Pflichtmitglieder in einer Kammer sind und dieser Kammer die Berufsaufsicht obliegt. Der Berufsstand achtet darauf, ob alle so arbeiten, wie sie arbeiten sollen. Patienten wissen, dass sie sich an die Kammer wenden können, wenn sie Fragen haben oder sich beschweren möchten. Das gibt sehr viel Sicherheit.

Zusammenfassend könnte man sagen: Das Psychotherapeutengesetz hat Patientenrechte gestärkt und in einem bis dahin undurchschaubaren Psychodschungel verlässliche Transparenz geschaffen.

Hat sich auch das Bild des Psychologischen Psychotherapeuten in der öffentlichen Wahrnehmung verändert?

Richter: Ja, dazu hat das Gesetz auch beigetragen. Wobei dieser Prozess sicherlich noch nicht abgeschlossen ist. Man kann nicht sagen, dass große Teile der Öffentlichkeit über die Berufe oder auch die Fachdisziplinen informiert sind. Da gibt es sicher noch Aufklärungsbedarf. Zum Beispiel: der Unterschied zwischen einem Psychologischen Psychotherapeuten und einem Facharzt für Psychiatrie. Das wissen nicht alle Menschen.

Umfragen zeigen, dass immer mehr Menschen, die zum Beispiel unter Depressionen leiden, inzwischen eine Psychotherapie machen möchten.

Richter: Dieser Trend ist durch das Gesetz bestärkt worden. Der Gesetzgeber hat gewissermaßen gesagt: Ja, Psychotherapie ist wichtig. Und sie ist so wichtig, dass wir dafür sogar einen eigenen Beruf schaffen.

Es ist zudem für viele Patienten kein Makel mehr, einen Psychotherapeuten um Rat zu fragen. Da hat sich vor allem die Europäische Union verdient gemacht. Das Paradigma „There is no health without mental health“ wird die Gesundheitspolitik künftig nicht nur auf europäischer, sondern auch auf nationaler Ebene prägen.

Das Gesetz hat auch Auswirkungen weit in die Medizin hinein: Meine Wahrnehmung ist, dass die Psychiater und die Psychosomatiker heute in der Ärzteschaft ein besseres Standing haben, weil es ein Gesetz gibt, was sagt: „Die Versorgung psychisch Kranker und Psychotherapie sind sehr wichtig!“

Allerdings muss der Patient immer noch sehr lange Wartezeiten einkalkulieren, bis er bei einem Psychotherapeuten ein Erstgespräch erhält. Wie wollen Sie dieses Problem lösen?

Richter: Das ist ein Thema, das seit Jahren immer wieder diskutiert wird. Das Problem ist, dass niedergelassene Psychotherapeuten bisher für probatorische Sitzungen sehr wenig Honorar bekamen. Es gab KV-Bezirke, in denen Psychotherapeuten für 50 Minuten zehn Euro erhalten haben. Da kann man es den Kollegen nicht verdenken, dass sie solche Termine nur sehr limitiert angeboten haben. Die gute Nachricht ist: Vom 1. Januar an ist das anders.

Warum?

Richter: Durch die EBM-Reform ist klargestellt worden, dass diese diagnostischen Leistungen, die man ja kurzfristig anbieten muss, nun auch angemessen honoriert werden. Daher hoffe ich, dass ab dem neuen Jahr tatsächlich auch mehr Patienten kurzfristige Termine zur Diagnostik bekommen. Das sind zwar noch keine Therapieplätze, aber immerhin erhalten sie wenigstens ein Erstgespräch. In diesem kann abgeklärt werden, was sinnvoll ist und was nicht.

Das sind erste Schritte. In der Regel sind aber die Kapazitäten immer noch nicht vorhanden, um den Therapiebedarf zu decken.

Richter: Wir haben nach wie vor ein großes Versorgungsproblem. Die Zahlen sind dramatisch, insbesondere bei der psychischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Da werden wir sehen, wie die neue Mindestquote von 20 Prozent für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie tatsächlich umgesetzt wird. Wenn man sich überlegt, dass bei Kindern, die ADHS haben, knapp fünf Prozent überhaupt nur Psychotherapie bekommen und alle anderen entweder gar nicht oder nur medikamentös behandelt werden, da brauche ich keine statistischen Vorkenntnisse, um zu sehen: Da besteht eine dramatische Unterversorgung.

Sehen Sie also auch für die Zukunft keine wesentliche Besserung der Versorgung psychisch kranker Patienten?

Richter: Ich kann mir doch ausrechnen: Wenn ich in einem Bereich zehn oder 15 Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten mehr habe, dann wird es immer noch Engpässe geben. Und das im Zusammenhang mit der epidemiologischen Entwicklung der psychischen Erkrankungen. Die Zahlen der Kassen zeigen, dass zum Beispiel Arbeitsunfähigkeitstage und Frühberentungen aufgrund psychischer Störungen seit Jahren zunehmen. Dabei ist aber wichtig festzuhalten: Dies ist noch kein Beleg für eine globale Zunahme psychischer Störungen. Sie sind ein Indiz dafür, dass psychische Krankheiten diagnostiziert und behandelt werden.

Rechnet sich Psychotherapie auch volkswirtschaftlich?

Richter: Ja. Die ersten Kosten-Nutzen-Analysen stammen aus den 70er-Jahren. Die Analysen zeigen, dass Psychotherapie volkswirtschaftlich sinnvoll ist. Dazu gibt es inzwischen zahlreiche, auch neuere Studien.

Durch das Psychotherapeutengesetz wurden die Psychotherapeuten in das System der Kassenärztlichen Vereinigungen eingebunden. Wie fühlen Sie sich inzwischen dort aufgehoben?

Richter: Die Psychotherapeuten sind der Meinung, dass das Kollektivvertragssystem – gerade für die Psychotherapie – ein sehr wichtiger Rahmen war und immer noch ist. In dem Moment, wo man das Kollektivvertragssystem verlässt, kommt sehr viel mehr Konkurrenz ins Geschäft, was ja auch gewollt ist. Ich kann mir noch nicht vorstellen, dass man sich mit Patienten, die psychisch krank sind, in einem Gesundheitssystem, das wettbewerbsorientiert ist, so gut profilieren kann – auch nicht als Krankenkasse. Die Mehrheit der niedergelassenen Psychotherapeuten ist froh, dass es die KVen gibt. Gleichzeitig gilt: Psychisch kranke Menschen brauchen bessere integrierte Angebotsstrukturen und eine abgestimmte multiprofessionelle Versorgung. Vertragsformen – alte und neue – würde ich an der Umsetzung dieser Ziele messen.

Bereits jetzt gibt es neben dem Kollektivvertrag auch Selektivverträge. Welche Voraussetzungen müssten geschaffen werden, damit neue Versorgungsmodelle auch in der Psychotherapie für Patienten, Leistungserbringer und Kassen interessant werden?

Richter: Die Kooperation zwischen Ärzten und Psychotherapeuten könnte verbessert werden. Es ist nach wie vor schwierig bis unmöglich, dass zum Beispiel Psychotherapeuten im Krankenhaus Leitungsfunktionen übernehmen. Es gilt, viele hierarchische Strukturen zu überwinden. Verbessert werden müsste auch die multiprofessionelle Kooperation bei der Versorgung von psychisch kranken Menschen. Multiprofessionell heißt nicht, dass nur ein oder zwei Berufe beteiligt sind. Eingebunden werden müssen Pflegekräfte, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und auch Ärzte und Psychotherapeuten.

Haben Sie das Gefühl, dass sich auch die Politik in ihrer Wahrnehmung der Psychotherapie verändert hat? Dass Sie in der Politik akzeptierter sind?

Richter: Da kann ich mal mit einem klaren „Ja“ antworten. Das ist eine erfreuliche Entwicklung. Also einerseits werden wir als Berufsstand jetzt deutlicher von der Politik wahrgenommen. Aber wichtiger ist, dass die Politik zunehmend die Aspekte von psychischen Erkrankungen bei Gesetzen mit einbezieht.

Trotzdem kämpfen Sie immer noch mit Imageproblemen.

Richter: Ja, das ist richtig. Die gehen so weit, dass manche Experten nicht mehr von der Stigmatisierung psychisch Kranker, sondern von der Stigmatisierung der Psychiater sprechen.

Ich möchte noch ergänzen: Wir sind da manchmal von unseren eigenen Zahlen überrascht. Die Präferenzen für Psychotherapie als alternative oder ergänzende Behandlungsmethode zur Pharmakotherapie sind ganz erstaunlich. Psychotherapie ist ein langsamer und langwieriger Behandlungsprozess. Die Selbstaktivierungskräfte werden bei diesem Prozess angeregt, und daraus resultiert die langfristige Wirksamkeit. Psychotherapie als Ergänzung, damit ein schwer psychisch Kranker später im Leben wieder klarkommt und wieder Fuß fassen kann, ist gar nicht mehr wegzudenken. Und das ist bei den Patienten angekommen.

Mit dem Psychotherapeutengesetz wurde also in den letzten zehn Jahren viel erreicht. Welche Wünsche haben Sie denn für die Zukunft?

Richter: Das Gesetz ist tatsächlich, wenn wir uns die Entwicklung der letzten zehn Jahre ansehen, ein Meilenstein in der Entwicklung einer angemessenen Versorgung für psychisch kranke Menschen.

Aber ich wünsche mir, dass das große Potenzial der Psychotherapie besser genutzt wird. Dafür ist es notwendig, die multiprofessionelle Kooperation zu stärken, aber auch Veränderungen innerhalb der eigenen Profession anzuschieben. So stammt die Psychotherapie-Richtlinie aus einer Zeit lange vor dem Psychotherapeutengesetz. Auch die Psychiatrie-Personalverordnung ist geschaffen worden, als noch keiner es für möglich gehalten hat, dass es einen Psychotherapeutenberuf geben wird. Da stoßen wir jetzt an strukturelle Grenzen. Ich würde mir eine flexible Weiterentwicklung wünschen, aber das ist auch ein Appell an uns selbst. Das werden unsere Hauptaktivitäten der nächsten Jahre sein.

Die Fragen stellten Sunna Gieseke und Samir Rabbata.


Zur Person
Prof. Dr. Rainer Richter (61) ist seit 2005 Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer. Zudem ist der Psychoanalytiker seit 2003 Präsident der Psychotherapeutenkammer Hamburg. Richter studierte Psychologie an den Universitäten Göttingen und Basel und promovierte 1974 zum Dr. phil. Er habilitierte sich in den Fächern Medizinische Psychologie und Psychosomatik. Seit 1992 ist er Professor am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Inzwischen ist er ebenfalls in der Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie tätig. Zudem ist Richter seit 1999 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie.


Zehn Jahre Psychotherapeutengesetz
Das Psychotherapeutengesetz (PsychThG) trat am 1. Januar 1999 in Kraft. Es schuf zwei neue Heilberufe: die Psychologischen Psychotherapeuten und die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten.

Seither hat sich in der Versorgung psychisch kranker Patienten viel geändert: Diese können sich zum Beispiel überall in Deutschland direkt an einen Psychotherapeuten wenden. Durch das PsychThG ist das Delegationsverfahren entfallen. Das hat auch den Vorteil, dass man sich nur noch einer Person anvertrauen muss. „Psychisch kranke Menschen können heute auf ein flächendeckendes Netz an hoch qualifizierten Psychotherapeuten zurückgreifen“, sagte Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer. Damit sei das PsychThG ein Meilenstein in der Versorgung.

Zudem ist seither die Kostenübernahme durch Krankenkassen klar geregelt. Vor Inkrafttreten des Gesetzes konnten Patienten häufig nicht sicher sein, ob ihre Krankenkasse die Kosten für die Psychotherapie übernimmt.

Das Gesetz schuf die Grundlagen für ein psychotherapeutisches Berufsrecht mit hohen Ausbildungsstandards, Fortbildungsverpflichtungen und Berufsordnung. Inzwischen achten die Psychotherapeutenkammern darauf, dass Patientenrechte und Berufspflichten der Mitglieder eingehalten werden. Dies sorgt für mehr Transparenz. Mit dieser rasanten Professionalisierung der Psychotherapeutenschaft hat sich das Ansehen des Berufs in der Öffentlichkeit gewandelt – auch bei den Ärzten.

„Psychotherapie ist nachweislich wirksam. In der Praxis erhalten psychisch kranke Patienten jedoch häufig keine oder viel zu selten Psychotherapie“, so Richter. Defizite bestehen noch bei der Krisenintervention und längerfristigen Psychotherapien für chronisch kranke Menschen.
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