ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2009Abwanderung: Finkenwerder ist (fast) überall
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LNSLNS Keinesfalls sind in Hamburg nur einige wenige „ärmere“ Stadtteile wie Wilhelmsburg oder Finkenwerder betroffen. In HH-Eidelstedt – weder armer noch reicher Stadtteil – und der unmittelbaren Umgebung beobachte ich als niedergelassener Chirurg seit zwei Jahren Folgendes:

- Von fünf chirurgischen Sitzen sind drei weggebrochen, zwei wurden an ein MVZ verkauft.
- Von sechs orthopädischen Sitzen sind drei weggezogen – in bessere Stadtteile, zwei durch Gründung einer Filiale, einer durch Verkauf.
- Von 21 hausärztlichen Sitzen sind acht weggebrochen, zwei gingen an ein MVZ, vier in einen lukrativeren Bezirk, zwei Kollegen gaben einfach auf, als kleine Gegentendenz kamen jeweils als Jobsharing-Partner vier Kollegen hinzu, die alleinige Niederlassung hat keiner mehr gewagt. In meiner unmittelbaren Umgebung sind – mit mir – zwei Chirurgen und ein Orthopäde verblieben. Sie versorgen in Eidelstedt 32 000 Einwohner, in den angrenzenden Stadtteilen Stellingen, Lurup, Halstenbek und Rellingen – alle Stadtteile sind ohne Chirurgen oder Orthopäden – noch mal 86 000 Einwohner, in weiteren sieben angrenzenden Stadtteilen mit 250 000 Einwohnern ist nur der einzige – reichere – Stadtteil Flottbek gut besetzt sowie die Stadt Pinneberg.

Tatsache ist:

- Durch die Verlegung der Praxen in reichere Stadtteile geht ein gewisser Anteil des kassenärztlichen Leistungsvolumens verloren, die Patienten folgen ihren Ärzten nur zu einem verschwindenden Teil, oft weil das Geld für Bus und Bahn fehlt, oder einfach schon, weil sie verstanden haben, dass ihr Arzt sie eigentlich nicht will, weil sie „nur Kasse“ sind.

Nicht nur für meine Praxis bedeutet dies eine immense Zunahme der Behandlungsfälle und eine immense Erhöhung des Arbeitstakts mit erheblicher Überlastung des Personals, ständigen, zum Teil lautstarken Auseinandersetzungen über Termine und Wartezeiten. Durch die von Walter Plassmann beschriebene Erhöhung des Budgets (DÄ, Heft 45/2008) wird das nicht ausgeglichen, wenn der Preis dafür dann regelhaft ein zwölfstündiger Arbeitstag wird. Es ist davon auszugehen, dass nicht nur mein Stadtteil von einer solchen Entwicklung betroffen ist, die Finkenwerderisierung der kassenärztlichen Versorgung hat längst flächendeckend gegriffen und beschränkt sich keineswegs auf die wohnortnahe fachärztliche Versorgung . . . Die KVen besitzen genug Instrumente, die Leistungsverschiebungen zu analysieren und den Verbleib oder die Neuaufnahme der Tätigkeit in unterversorgten Stadtteilen zu planen und zu begleiten. Geht man von einer gewissen Konstanz der Volumina aus, lassen sich diese neuen Sitze ohne weitere Kosten aus dem Verzicht der neu geschaffenen Praxen in reicheren Stadtteilen und durch den Verzicht der MVZ auf einen Großteil der Grundversorgung querfinanzieren, man muss das nicht mal als „Sonderzulassungsbedarf“ bezeichnen.

Dr. med. Michael Kerneck, Eidelstedter Platz 21, 22523 Hamburg
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