ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2009NS-Euthanasie: Kind Knauer oder so ähnlich

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NS-Euthanasie: Kind Knauer oder so ähnlich

PP 8, Ausgabe Januar 2009, Seite 33

Jachertz, Norbert

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Die „Kindereuthanasie“ in der NS-Zeit wurde, so die herrschende Meinung, durch einen Leipziger „Fall“ angestoßen. Der Vater eines stark behinderten Neugeborenen habe bei Hitler um Gewährung des „Gnadentods“ nachgesucht. Hitler habe seinen Leibarzt („Begleitarzt“) Karl Brandt zur Beurteilung in die Universitätskinderklinik Leipzig geschickt, der habe sein Einverständnis mit der Tötung gegeben und wegen der Rechtsfolgen beruhigt. Das Kind sei sodann in der Klinik durch eine Injektion getötet worden. In der Folge sei in der Kanzlei des Führers die „Euthanasie“ an Kindern 1938/39 bürokratisch ausgearbeitet worden.

Der Leipziger „Fall“ ist in der Literatur als „Kind Knauer“ bekannt. Hans Hefelmann, der in der Kanzlei des Führers die „Kindereuthanasie“ verwaltete, nannte den Namen, er könne aber auch so ähnlich gelautet haben; auch Werner Catel, der Leipziger Klinikchef, erinnerte sich an den Fall Knauer. Catel will aber bei dem Brandt-Besuch in Urlaub gewesen sein. Die Injektion habe sein Assistent Dr. Kohl vorgenommen.

So weit, so bekannt. 1975 aber brachte der Journalist Philippe Aziz einen anderen Namen ins Gespräch, er will sogar mit den Kindseltern ein Interview geführt haben. Der Frankfurter Medizinhistoriker Benzenhöfer stützte sich in Veröffentlichungen, erstmals 1998 im Deutschen Ärzteblatt, darauf, musste aber 2007 zurückrudern. Er glaubt heute, von Aziz belogen worden zu sein. Der freilich kann nicht mehr befragt werden, er starb 2002, sodass dieser kleine Wissenschaftskrimi leider ungeklärt bleibt.

Benzenhöfer nimmt die unerfreuliche Geschichte zum Anlass, die Quellen zu den Anfängen der NS-(Kinder-)Euthanasie penibel zu sichten und lässt den Leser an diesem Werkstattprozess teilhaben. Das ist das eigentlich Interessante an dieser Veröffentlichung. Auf gedrängtem Raum erfährt man einiges über die Rolle der Kanzlei des Führers, deren Planungsgruppe für die „Kindereuthanasie“ und die Gründung des „Reichsausschusses zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“, schließlich auch die Vorbereitungen für die „Erwachseneneuthanasie“ (T4).

Die Untersuchung bestätigt, dass „der Führer“ unmittelbar an den Entscheidungen zur „Euthanasie“ beteiligt war. Sie lässt zudem erkennen, dass „Euthanasie“ nicht streng geheim gewesen sein kann. Denn am langwierigen bürokratischen Prozess waren Ärzte und Verwaltungsleute in derart großer Zahl beteiligt, und allen war klar, an was sie beteiligt waren, dass der als Euthanasie bezeichnete Krankenmord allenfalls formal als „geheim“ einzustufen ist. Norbert Jachertz

Udo Benzenhöfer: Der Fall Leipzig (alias Fall „Kind Knauer“) und die Planung der NS-„Kindereuthanasie“. Klemm & Oelschläger, Münster 2008, 152 Seiten, kartoniert, 14,80 Euro
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