ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2009Sexuelle Übergriffe: Neue Konzepte zur Abwehr notwendig

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Sexuelle Übergriffe: Neue Konzepte zur Abwehr notwendig

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Das Buch fokussiert eine empirische Nachuntersuchung zu der Studie derselben Autoren aus dem Jahr 1995. Damals, im Vorfeld der Gesetzgebung zum § 174 c Strafgesetzbuch, war die Erstuntersuchung von Becker-Fischer und Fischer ein wichtiger Beitrag, um das Dunkelfeld des sexuellen Missbrauchs in Psychotherapie und Psychiatrie wissenschaftlich aufzuklären. Heute, gut zehn Jahre später, haben dieselben Wissenschaftler mit dem weiterentwickelten Ansatz einer Onlinebefragung erneut versucht, Licht auf das dunkle Kapitel zu werfen. In eindrucksvoller Weise ist es ihnen gelungen darzustellen, wie gut ausgebildete Therapeuten und Ärzte zu Tätern mutieren. 77 missbrauchte Patienten haben ausführlich zu ihrem Missbrauch und zu ihren Folgeproblemen geantwortet.

Bedrückende Erkenntnis der Analyse ist: Es hat sich nicht viel geändert, seit sexueller Missbrauch in der Psychotherapie ein eigener Straftatbestand geworden ist. Erst wenige Täter-Therapeuten – oder sollte man hier nicht den Begriff „Sexualstraftäter“ verwenden – konnten rechtskräftig verurteilt werden. Der kleinen Zahl aktenkundiger Fälle steht eine Dunkelziffer von rund 500 betroffenen Patienten pro Jahr gegenüber. Pflichtlektüre sollte das Buch schon allein wegen der vielen nützlichen Hinweise für die Folgetherapien sein. Einfühlsam werden die seelischen Folgen der Patienten herausgearbeitet und die Belange der Opfer wieder in den Mittelpunkt gerückt.

Trotz der Verkammerung der Berufe der Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, der Etablierung von Ethikrichtlinien und Berufsgerichten in den Verbänden sowie der Weiterentwicklung in den Ausbildungsinstituten versteckt sich ein harter Kern von Wiederholungstätern unter uns Psychotherapeuten. Vielleicht hilft die Selbstreflexion dem Teil der Täter, die nicht vorsätzlich handeln, sondern aus eigener Betroffenheit und sexueller Verirrung Patienten missbrauchen. Motive, Tätertypen und seelische Abwehrformationen der Missbraucher werden ebenso detailreich dargestellt, wie Übergänge und Warnzeichen für ein Entgleiten und Misslingen solcher Therapien.

Das Buch rüttelt auf und macht deutlich, dass es neuer Konzepte der Prävention in der Ausbildung und Berufsaufsicht sowie in der Nachsorge der Patienten bedarf. Benedikt Waldherr

Monika Becker-Fischer, Gottfried Fischer: Sexuelle Übergriffe in Psychotherapie und Psychiatrie. Orientierungshilfen für Therapeut und Klienten. Asanger Verlag, Kröning 2008, 222 Seiten, kartoniert, 25,50 Euro
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