ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2009Psychoanalyse: Mutig eigene Schwächen betrachten

BÜCHER

Psychoanalyse: Mutig eigene Schwächen betrachten

Kattermann, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNSLNSLNS
Sigmund Freud sprach von der Psychoanalyse als einem „unmöglichen Beruf“. Tatsächlich beinhaltet das psychoanalytische Arbeiten eine Vielfalt von Paradoxien, von denen der Widerspruch zwischen äußerster Intimität und zugleich äußerster Diskretion und Abstinenz nur ein markantes Beispiel ist. Gerade psychoanalytische Behandlungen mit heute meist drei, früher oft vier oder sogar fünf Sitzungen pro Woche zeigen natürlich besonders deutlich auf, wie schwer der Umgang mit diesen Paradoxien werden kann und wie schnell der Therapeut in den Sog einer plötzlich schwer zu kontrollierenden Dynamik geraten kann.

Es wäre aber falsch, das Buch von Ralf Zwiebel, das die Schwierigkeiten der psychoanalytischen Position thematisiert, nur Psychoanalytikern zu empfehlen. Denn tatsächlich sind viele der beschriebenen Fallstricke dem psychotherapeutischen Beruf und der psychotherapeutischen Rolle generell inhärent. Mutig beleuchtet Zwiebel die vielschichtigen Herausforderungen psychotherapeutischen Handelns und die Verletzlichkeit des Analytikers, die sich in Angst, zum Beispiel vor dem eigenen Versagen, in Schuldgefühlen und Schamaffekten niederschlagen kann. Dabei zeigt er auf, dass das partielle Scheitern des Analytikers auch notwendiger Ausgangspunkt einer „katastrophischen Veränderung“ in der Behandlung sein kann: Die Krise bedeutet dann den Wendepunkt für ein neues Verständnis und neue Entwicklungschancen. In Abwandlung eines Gedankens von Winnicott fordert er entsprechend den „ausreichend schlechten Psychotherapeuten“. Dass problematische Situationen entstehen, ist nach seinem Verständnis also unvermeidbar, die eigentliche Herausforderung besteht vielmehr in einem sensiblen und für den Patienten förderlichen Umgehen mit Behandlungskrisen. Gerade hier ist ein intersubjektives Verständnis der Beziehung zwischen Therapeut und Patient unverzichtbar.

Zwiebel zeigt aber auch auf, dass Schwächen und eigene Lebenskrisen dazu führen können, dass sich Behandlungskrisen zu analytischen Katastrophen ausweiten, die destruktiv entgleisen und bisweilen nur noch durch den Therapieabbruch aufzulösen sind. Die damit verbundene Angst vor dem eigenen Versagen, vor Schuld- oder Schamgefühlen wird häufig abgewehrt und kann sich zum Beispiel in einer übermäßig „technischen Haltung“ äußern. Zwiebel plädiert dafür, diese „phobische Position“ immer wieder durchzuarbeiten. Damit verbindet sich auch die Forderung nach einer guten Selbstfürsorge und nach Schutz vor Selbstüberforderung.

Der Autor hat mit seinem Buch Mut bewiesen, die verletzlichen, geschwächten und „verrückten“ Anteile von Therapeuten anzusprechen und zu beleuchten, wie mit ihnen umgegangen werden kann. Seinen eigenen Anspruch, klar und anschaulich zu schreiben, hat er erfüllt. Überrascht hat allerdings, dass dieses Buch trotz der enormen Brisanz des Themas, das letztlich ja auch zu Fragen von Macht und Machtmissbrauch in der Psychotherapie führt, teilweise etwas angestrengt wirkt. Hier spürt man wohl die außerordentliche Mühsal, die der Blick auf die eigenen Ängste und Schwachstellen hervorruft. Vera Kattermann

Ralf Zwiebel: Von der Angst, Psychoanalytiker zu sein. Das Durcharbeiten der phobischen Position. Klett-Cotta, Stuttgart 2007, 222 Seiten, gebunden, 29,50 Euro
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote