ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2009Interview mit Prof. Dr. med. Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin: „Wir können uns keine Klinik leisten, die nicht zu den besten gehört“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Prof. Dr. med. Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin: „Wir können uns keine Klinik leisten, die nicht zu den besten gehört“

Dtsch Arztebl 2009; 106(3): A-63 / B-57 / C-57

Flintrop, Jens; Richter-Kuhlmann, Eva; Stüwe, Heinz

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Seit September 2008 leitet Karl Max Einhäupl das größte Universitätsklinikum Europas. Für seine zunächst fünfjährige Amtszeit hat sich der Neurologe viel vorgenommen.

Sie haben einmal gesagt: „Die Charité wird ein herausragendes europäisches medizinisches Zentrum, so wie sie es früher bereits war.“ Ist das Ihre Zielsetzung für die neue Aufgabe?
Einhäupl: Ich vermeide es im Moment, Superlative zu verwenden. Es gibt auch international keine einzige Einrichtung, von der man sagen kann, dass die von A bis Z top ist. Aber ich will schon, dass die Charité in einigen Feldern zur internationalen Spitze gehört. Dieses Ziel haben wir in einigen Bereichen übrigens bereits erreicht.

In welchen denn?
Einhäupl: In den Bereichen Immunologie und Tumormedizin sind wir wirklich sehr gut aufgestellt. Zudem bin ich mir sicher, dass die Charité bei der Behandlung kardiovaskulärer Erkrankungen ein großes Potenzial hat.

In welchen Gebieten ist die Charité außerdem an der Spitze?
Einhäupl: Die Charité ist sehr stark in den Neurowissenschaften. Sie wissen, es gibt NeuroCure; das ist einer der wenigen Medizincluster, die im Exzellenzwettbewerb ausgewählt wurden. Und wir waren einer der beiden Gewinner des Wettbewerbs um integrierte Forschungs- und Behandlungszentren, den das Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgeschrieben hatte. Für eine erste fünfjährige Förderphase erhalten wir rund 25 Millionen Euro, mit dem ein Zentrum für Schlaganfallforschung eingerichtet wird.

Aber wir sollten nicht nur auf den medizinisch-wissenschaftlichen Bereich schauen. In der Lehre war und ist die Charité Innovationsführer. Wir waren schließlich mit die Ersten, die die Modellstudiengänge auf den Weg gebracht haben.

Sind auch Bachelor- und Masterabschlüsse vorgesehen?
Einhäupl: Einen Bachelor-Arzt wird es nicht geben. Dass wir aber Bachelor-/Masterelemente oder sogar Bachelor-/Masterabschlüsse in bestimmten Bereichen einführen ist sicher denkbar – etwa für Medizinberufe oder auch im Bereich der Naturwissenschaften, die ja gar nicht wegzudenken sind aus der modernen Medizin. Bedenken Sie, dass etwa die Hälfte aller Absolventen in der Medizin später nicht ärztlich kurativ tätig ist. Unsere Gesellschaft kann diese Menschen offenbar auch gut in anderen Bereichen verwenden. Die Frage ist nur: Macht es Sinn, ein teures, komplettes Medizinstudium zu durchlaufen, um anschließend als Berater im Gesundheitswesen tätig zu sein?

Sie sprechen das Problem an, dass viele Ärzte nach dem Studium nicht in den kurativen Bereich gehen. Dies ist ein Auslöser für den viel zitierten Ärztemangel. Spürt die Charité davon schon etwas?
Einhäupl: Ich gehe davon aus, dass die Universitätskliniken, die ja einen starken wissenschaftlichen Nimbus haben, den Ärztemangel zuletzt spüren werden. Aber die Zahl der Bewerber ist durchaus geringer geworden.

Rechnen Sie denn mittel- oder langfristig mit Nachwuchsproblemen in der Forschung?
Einhäupl: Wenn überhaupt, dann für die Charité zuletzt. Aber Sorgen mache ich mir schon. Wir schaffen es nicht mehr in dem Maß, wie es notwendig wäre, den jungen Leuten den Beruf des Wissenschaftlers im Life-Science-Bereich attraktiv zu machen. Wir können nicht mehr aus dem Vollen schöpfen.

Welche Möglichkeiten gibt es, hier zum jetzigen Zeitpunkt gegenzusteuern?
Karl Max Einhäupl (62) folgte 1992 dem Ruf auf die Professur für Neurologie an der Humboldt- Universität Berlin. 2006 wurde er Ärztlicher Leiter des Charité-Centrums für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie. Von 2001 bis 2006 war er Vorsitzender des Wissenschaftsrats. Fotos: Georg J. Lopata
Karl Max Einhäupl (62) folgte 1992 dem Ruf auf die Professur für Neurologie an der Humboldt- Universität Berlin. 2006 wurde er Ärztlicher Leiter des Charité-Centrums für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie. Von 2001 bis 2006 war er Vorsitzender des Wissenschaftsrats. Fotos: Georg J. Lopata
Einhäupl: Das Interesse, Wissenschaftler zu werden, muss bereits in der Schule geweckt werden und darf dann während des Studiums nicht verloren gehen. Unsere Aufgabe ist es deshalb, den jungen Leuten ein Lehrangebot zu machen, das sie motiviert und nicht frustriert. Das Thema Lehre ist für die medizinischen Fakultäten von extremer Wichtigkeit.

Wie wollen Sie das Lehrangebot an der Charité weiter optimieren?
Einhäupl: Ich bin generell der Meinung, dass man die Qualität der Lehre wie die der Wissenschaft evaluieren muss, um dann auch die Mittel leistungsorientiert zu vergeben. Das Problem ist nur, dass Lehre viel schwerer zu überprüfen ist als Forschung. Selbst die Qualität der Krankenversorgung können Sie leichter evaluieren als die der Lehre. Wenn Sie Studenten nach der Qualität der Lehre fragen, erhalten Sie ein Wellness-Ranking.

Sie könnten bei der Besetzung von Professorenstellen künftig verstärkt auf die Lehrerqualitäten der Kandidaten achten. . .
Einhäupl: Sicher, aber das ist ein schwieriges Unterfangen. Denn wir suchen den besten Kliniker, den besten Wissenschaftler und den besten Lehrer. Da wird man immer Kompromisse machen müssen.

Das heißt, im Zweifel entscheiden weiterhin die wissenschaftlichen Qualitäten des Kandidaten?
Einhäupl: Wenn Sie an die Zukunft einer Universität denken, werden Sie immer geneigt sein zu sagen: Als Lehrer können wir ihn ersetzen, indem wir ihm einen Oberarzt zur Seite stellen. Als Wissenschaftler können wir ihn aber nicht ersetzen. Insofern liegt immer ein stärkerer Akzent auf der Forschung.

Wir können uns keine Klinik leisten, die nicht wissenschaftlich zu den besten gehört. Aber wir können uns in einer Klinik Leute leisten, die überwiegend Klinik machen, und andere, die überwiegend Forschung machen – und eben dritte, die überwiegend in der Lehre tätig sind.

Fällt damit nicht die Einheit von Forschung und Lehre auseinander?
Einhäupl: Die Einheit von Forschung und Lehre, die ja geradezu eine Berliner oder humboldtsche Tradition ist, kann meiner Ansicht nach nicht durchgehend in einer Person gefunden werden. Wesentlich für das Niveau der Lehre ist doch die Frage: Wie ist der Geist in der Klinik? Man muss also von der Einheit in einer Person zur Einheit in einer Institution kommen.

Themenwechsel: Die Haushaltsmittel wurden gekürzt, die Personalkosten steigen, die Energiekosten auch. Bei einer Milliarde Euro Umsatz hat die Charité 2007 acht Millionen Euro Verlust gemacht. Der Berliner Senat erwartet eine schwarze Null. Wie kann die Charité diese Herauforderung meistern?

Einhäupl: Wir schließen 2008 vermutlich mit einem noch etwas höheren Verlust ab. Aber auch das ist bei einer Milliarde Umsatz noch kein dramatisches Problem. Das Problem ist der Trend. Es sind vor allem die Instandhaltungskosten und die Wartungskosten für Haus- und Medizintechnik. Uns belasten aber auch die Beiträge zur VBL, der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder, die wir im öffentlichen Dienst bedienen müssen. Im Jahr 2008 sind dies 7,5 Millionen Euro. Dies ist zwar kein spezielles Problem der Charité. Die Charité ist nur dreimal größer als alle anderen.

Wie wollen Sie die Finanzen in den Griff bekommen?
Einhäupl: Wir müssen dafür sorgen, dass die Krankenversorgung in jeder einzelnen Klinik mit den DRG-Pauschalen bezahlt werden kann. Jede Klinik darf nur so viel Geld ausgeben, wie sie einnimmt. Umstellung auf Deckungsbeiträge und deckungsbeitragsorientierte Budgetierung – das ist das erste Dogma. Damit werden wir unsere operativen Kosten in den Griff bekommen.

Das Problem ist jedoch, dass die Infrastruktur der Charité erheblich teurer ist als die anderer Kliniken. Das liegt an den erfolgten Fusionen und den vielen Standorten. Durch die Fusionen haben wir zum Beispiel immer noch zu viel Verwaltungspersonal. Was die vielen Standorte betrifft, so sind wir dabei, Immobilien zu verkaufen und uns auf die drei Kerncampi zu konzentrieren.

Es sind also noch weitere Umstrukturierungen geplant?
Einhäupl: Ja. Wir werden an den drei Hauptstandorten drei unterschiedliche Schwerpunkte organisieren mit komplementären Portalkliniken.

Werden Kliniken oder Abteilungen geschlossen?
Einhäupl: Ja. Wir schließen Kliniken und Abteilungen, denen es voraussehbar nicht gelingen wird, wirtschaftlich auszukommen.

Ende 2008 wurde die Konvergenzphase des DRG-Systems abgeschlossen. Wie wirkt sich das auf die Charité aus?
Einhäupl: Positiv. Der neue landesweite Basisfallwert ist höher als unser bisheriger. Deshalb werden wir in der Krankenversorgung kein großes Problem haben. 2009 werden – von wenigen Ausnahmen abgesehen – fast alle Charité-Kliniken im grünen Bereich sein.

Kommen wir zur Kooperation mit Helios. Wie geht es da weiter?
Einhäupl: Wir hatten mit Helios eine institutionelle Kooperation – das heißt, die Helios-Kliniken in Berlin-Buch waren Charité-Kliniken, die aber von Helios geführt wurden. Daraus ergaben sich die bekannten Vorwürfe der Quersubventionierung. Um diesen Vorwürfen künftig entgegenzusteuern, wollen wir auf eine projektbezogene Kooperation übergehen. Wer mit Helios in einem wissenschaftlichen Projekt kooperieren möchte, muss zuvor einen Projektvertrag aufsetzen, der genau definiert, welcher Input von wem in dieses Projekt hineinkommt. Das zwingt auch zu einer Dokumentation des Ganzen. Im Moment ist man dabei, erste Projekte zu definieren und dann auch entsprechende Verträge zu machen. Der Vorstand hat nicht vor, die Kooperation mit Helios komplett zu kappen. Wir wollen sie aber auf andere Füße stellen und die Verantwortung genauer festlegen.

Aber Charité-Ärzte werden weiter an der Helios-Klinik forschen?
Einhäupl: Ja, im Rahmen der neuen projektbezogenen Kooperation. Das wird wahrscheinlich aber nicht mehr im bisherigen Umfang geschehen.

Unter die alte Rechnung wird einfach ein Schlussstrich gezogen?
Einhäupl: Nein. Das wird so nicht gehen. Ich bin der Öffentlichkeit und dem Parlament gegenüber verantwortlich. Letztlich werden Rechnungsprüfer oder sogar ein Gericht klären müssen, ob noch gegenseitige Forderungen offen sind.

Zum Abschluss: Wo sehen Sie Ihre größten Herausforderungen in Ihrer zunächst fünfjährigen Amtszeit? Auf der Seite der Wirtschaftlichkeit oder der Wissenschaft?
Einhäupl: Die Charité muss während meiner Amtszeit 45 Berufungen durchführen. Die kann man nur finanzieren, wenn der Krankenhausbetrieb wirtschaftlich arbeitet. Deshalb sage ich: Wir müssen die Kliniken wirtschaftlich machen. Und dann wird das Land Berlin sich entscheiden müssen, ob es weiterhin die Ressourcen zur Verfügung stellt, die der Charité die Möglichkeit geben, an die Spitze zu kommen beziehungsweise dort zu bleiben.
Die Fragen stellten Jens Flintrop, Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann und Heinz Stüwe.
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