ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2009Primäre Osteoporose – leitliniengerechte Diagnostik und Therapie: Im Individualfall unzuverlässig
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LNSLNS Dem interessanten Update der Kollegen Baum und Peters steht ein zeitgemäßeres Paradigma der Definition der Osteoporose entgegen: die Konsequenz der zivilisatorisch bedingten Minderbeanspruchung (1) des Skeletts. Der „Goldstandard“ DXA ist somit zur Frakturrisikoabschätzung ungeeignet, weil es sich primär nicht um ein krankheitsbedingtes Defizit handelt. Dies gilt synonym für den überflüssigen Fettvorrat, den wir herumtragen. Systematische Fehler der DXA können zu erheblichen Unter- oder Überschätzungen des Mineralgehaltes am untersuchten Knochen führen (2). Die WHO-Definition wurde falsch interpretiert. Ein Pionier der Densitometrie, sagte dazu (3): „Es muss klar sein, dass die T-Score-Kriterien der Welt­gesund­heits­organi­sation zur Anwendung in epidemiologischen Studien vorgeschlagen wurden, zum Vergleich zwischen Populationen. Sie waren nicht dafür gedacht, Diagnosen oder Therapieentscheidungen zu treffen".

Schlanke oder anorektische Individuen haben in DXA-Messungen oft ein hohes „Frakturrisiko“, während mittels quantitativer Computertomografie (QCT) am gleichen Wirbelkörper eine normale Bruchfestigkeit evident ist. Der T-Score ist deshalb zur Therapieentscheidung bedenklich. Auch durch eine noch so überwältigende Datenlage kann dies mit dem Hinweis auf den hohen „Evidenzgrad“ nicht relativiert werden, weil ja die Evidenzbasis bereits irreführend angelegt und interpretiert wurde.

Die Industrie hat in den vergangenen 20 Jahren fast ausschließlich DXA zur Evaluierung ihrer Osteoporosemittel einsetzen lassen. Die Methode ist für große Stichprobenumfänge zweifellos repräsentativ und valide, im Individualfall aber unzuverlässig. Dies wird nur zum Teil durch die DVO-Leitlinien berücksichtigt, wenn die Methodik dementsprechend eingesetzt wird und der Anwender versteckte individuelle Messfehler erkennen kann. Beim Diabetes mellitus wäre ein Gerät zur Messung des Glukosespiegels mit einer vergleichbar großen Fehlerbreite auffällig gefährlich.
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0039b

Prof. Dr. med. Dipl.-Min. Peter Schneider
Universitätsklinikum
Klinik und Polokilinik für Nuklearmedizin
Josef-Schneider-Straße 2
97080 Würzburg

Interessenkonflikt
Der Autor ist Mitglied der Organisation „Reko“ (Regionaler Expertenkreis Osteoporose).
1.
Frost HM, Schneider P, Schneider R: Osteoporosis a disease requiring treatment or osteopenia a physiologic state? – Behandlungsbedürftige Osteoporose oder physiologische Osteopenie? – WHO Definition im Gegensatz zum Utah Paradigma. Dtsch Med Wochenschr 2002; 127: 2570–4 MEDLINE
2.
Schneider P, Reiners Chr: Quantitative Bestimmung der Knochenmasse: heutiger Stand und Fallstricke der Methoden. Med Welt 1998; 49: 157–63.
3.
Dequeker J: Bone densitometry is not a good predictor of hip fracture. BMJ 2001; 323: 795–9. MEDLINE
1. Frost HM, Schneider P, Schneider R: Osteoporosis a disease requiring treatment or osteopenia a physiologic state? – Behandlungsbedürftige Osteoporose oder physiologische Osteopenie? – WHO Definition im Gegensatz zum Utah Paradigma. Dtsch Med Wochenschr 2002; 127: 2570–4 MEDLINE
2. Schneider P, Reiners Chr: Quantitative Bestimmung der Knochenmasse: heutiger Stand und Fallstricke der Methoden. Med Welt 1998; 49: 157–63.
3. Dequeker J: Bone densitometry is not a good predictor of hip fracture. BMJ 2001; 323: 795–9. MEDLINE

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