ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2009Rückenschmerzen: Viele Therapieverfahren nicht effektiv

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Rückenschmerzen: Viele Therapieverfahren nicht effektiv

Dtsch Arztebl 2009; 106(3): A-62 / B-56 / C-56

EB

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LNSLNS Rückenbeschwerden verursachen häufiger Arbeitsunfähigkeit als alle anderen Symptome. Nach den neuesten Untersuchungen hätten fast fünf Prozent der Bevölkerung Rückenschmerzen mit hoher Beeinträchtigung, sagte Prof. Dr. med. Jan Hildebrandt, Mitglied der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), auf dem 33. Interdisziplinären Forum „Fortschritt und Fortbildung in der Medizin“ der Bundes­ärzte­kammer in Berlin. Dadurch entstünden jährlich Kosten von durchschnittlich rund 7 116 Euro je Patient. Auch in der Rehabilitationsbehandlung stellen Rückenbeschwerden den größten Kostenfaktor dar.

„Die klassische medizinische Sichtweise stößt bei Rückenbeschwerden an ihre Grenzen“, erklärte Hildebrandt. „Die enorm verbesserten bildgebenden Möglichkeiten können spezifische Erkrankungen und die Ursache von Ischialgien klar darstellen, zum Verständnis von Rückenschmerzen haben sie jedoch nur einen sehr begrenzten Beitrag geliefert.“ Die Fülle an therapeutischen Ansätzen, ob klassisch konservativ, minimalinvasiv oder offen operativ konnte ebenfalls nicht zu einer entscheidenden Verringerung der Krankheitszeit beitragen. „Entsprechend haben sich bei wissenschaftlichen Untersuchungen die meisten Verfahren zur Behandlung akuter und chronischer Rückenschmerzen als nicht effektiv erwiesen“, sagte Hildebrandt. So habe man die Wirksamkeit der meisten Injektionen, wie muskuläre Infiltration oder Facettenblockaden, der Bettruhe, des Korsetts oder Bandagen und auch die von physikalischen Therapieverfahren wie Wärme- und Kälteanwendungen sowie Elektrotherapie, Bädern, Akupunktur und elektrischer Nervenstimulation bisher noch nicht nachweisen können. Auch Massage würde kontrovers diskutiert, sei aber allenfalls ebenso wie Chirotherapie nur schwach und lediglich in Kombination mit anderen Maßnahmen wirksam, so Hildebrandt.

Inzwischen setze sich jedoch in Deutschland allmählich ein Paradigmenwechsel durch, bei dem die frühzeitige Aktivität und körperliche Belastung zur Verhinderung einer Chronifizierung ebenso eine Rolle spielten wie die rechtzeitige Erkennung psychosozialer Belastungsfaktoren. „Die Patienten müssen dabei – unter kontrollierten Bedingungen – die Erfahrung machen, dass Bewegung und Belastung ihnen nicht schaden, sondern im Gegenteil zur Aufrechterhaltung des gesamten körperlichen Systems notwendig sind“, betonte der Experte. Ein sport- oder krankengymnastisches Training könne auf diese Weise auch zu positiven Verhaltensänderungen führen. EB
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