ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2009Krieg im Gazastrafen: Zivilisten in der Schusslinie

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Krieg im Gazastrafen: Zivilisten in der Schusslinie

Schuster, Christina

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Foto: dpa
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Seit Dezember bombardiert Israel den Gazastreifen. Die medizinische Versorgungslage der Bevölkerung wird immer dramatischer. Hilfsorganisationen schlagen Alarm.

Täglich sterben Menschen im Gazastreifen. Das palästinensische Ge­sund­heits­mi­nis­terium hat inzwischen mindestens 850 Tote und mehr als 3 000 Verletzte gemeldet – etwa ein Drittel der Opfer sind Kinder. In der vergangenen Woche hat sich die Lage dramatisch zugespitzt. Israel hat seine Bodenoffensive noch einmal verstärkt und auch Reservisten ins Kampfgebiet geschickt. Tage zuvor hatten israelische Soldaten einen Hilfskonvoi der Vereinten Nationen beschossen; in einer UN-Schule waren 40 Zivilisten von Raketen der israelischen Armee getötet worden. Mehr als 100 Menschen hatten dort Zuflucht gesucht.

„Wir sitzen hier in einem Käfig“
Eine Resolution des Weltsicherheitsrats, die ein sofortiges Ende des Krieges fordert, lehnten beide Seiten ab und kämpften unvermindert weiter. Die radikalislamische Organisation Hamas erkennt das Existenzrecht des Staates Israel nicht an und wird von der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten als Terrororganisation angesehen. Dennoch hatte die radikale Partei vor zwei Jahren die absolute Mehrheit im palästinensischen Parlament erreicht. Es folgten blutige Gefechte zwischen der Hamas und der geschlagenen Partei Fatah um die palästinensischen Autonomiegebiete – die Leidtragenden waren Zivilisten. Im Juli 2007 war es dann der Hamas gelungen, die Kontrolle im Gazastreifen zu übernehmen. Daher hat Israel eine Blockade verhängt und beschränkt seitdem die Einfuhr von Nahrungsmitteln, Medikamenten und Treibstoff. In der Folge kam es immer wieder zu gegenseitigen Raketenangriffen.

Nach dem Ende einer sechsmonatigen Waffenruhe war es im Dezember letzten Jahres erneut zu Angriffen seitens der Hamas gekommen. Israel beschoss daraufhin den Gazastreifen aus der Luft und marschierte im Januar auch mit Bodentruppen ein. Die israelische Außenministerin, Zipi Livni, gab an, Israel werde so lange weiterkämpfen, bis die Hamas aufhöre, Israel anzugreifen. Medienberichten zufolge haben sich die palästinensischen Kämpfer nun offenbar in Wohnhäusern verschanzt. Menschenrechtsorganisationen warfen auch der israelischen Armee vor, sich in Wohnhäusern zu positionieren, und beschuldigten beide Seiten, die zivile Bevölkerung als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen.

Die Ärzte sind völlig erschöpft
„Es ist im Moment absolut unerlässlich, dass die Konfliktparteien alles tun, damit Zivilisten nicht in die Schusslinie geraten“, sagt der Direktor des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) für operative Einsätze, Pierre Krähebühl. Zudem fordert das IKRK beide Seiten auf, medizinischen Rettungskräften Zugang zu den Verwundeten zu ermöglichen. „Verletzte sind gestorben, weil die Ambulanzen nicht rechtzeitig zu ihnen gelangen konnten“, berichtet Jakob Kellenberger, Präsident des IKRK.

„Wir sitzen hier in einem Käfig und werden von allen Seiten bombardiert. Es gibt keinen Strom, und Hunderttausende haben kein Trinkwasser“, klagt auch Dr. Aed Yaghi von der „Palestinian Medical Relief Society“ (PMRS) über die humanitären Missstände. Wie viele Tausende andere Gebäude im Gazastreifen hätten auch alle PMRS-Kliniken keine Glasscheiben mehr. Diese seien durch Bombardierungen der israelischen Luftwaffe zerbrochen. Immerhin haben die Konfliktparteien vergangene Woche eine tägliche Waffenruhe von drei Stunden vereinbart. Die Bevölkerung soll dann mit Lebensmitteln versorgt werden und Krankenhäuser die dringend benötigten Medikamente bekommen.

Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ meldete, dass die Krankenhäuser völlig überlastet seien. „Die sechs Operationssäle des Krankenhauses sind am Kapazitätslimit, mit je zwei gleichzeitigen Operationen pro Saal“, beschrieb Cécile Barbou von „Ärzte ohne Grenzen“ die Lage in einer der Kliniken, dem Shifa-Krankenhaus. Das medizinische Personal sei völlig erschöpft; man arbeite rund um die Uhr, um die Verwundeten zu versorgen. Zusätzlich kümmern sich etwa 20 Mitarbeiter um die Verletzten direkt in den Wohnvierteln. „Die Unsicherheit ist jedoch so groß, dass unsere Bewegungsfreiheit und die Möglichkeit zu helfen extrem eingeschränkt sind“, sagte Jessica Pourraz, Programmverantwortliche für Gaza. Angesichts der vielen Verwundeten, werde die medizinische Grundversorgung immer schwieriger.

Das Kinderhilfswerk UNICEF fordert sichere Zonen im Gazastreifen. „Mehr als die Hälfte der Bevölkerung von Gaza sind Kinder. Sie leiden als erste unter psychischem Stress“, erläutert Sigrid Kaag, UNICEF-Regionaldirektorin für den Mittleren Osten und Nordafrika. Viele Kinder stünden unter Schock oder seien traumatisiert.
Christina Schuster
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