ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2009Universität Witten/Herdecke: Rettung in letzter Sekunde

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Universität Witten/Herdecke: Rettung in letzter Sekunde

Hibbeler, Birgit

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Der Protest hat sich gelohnt: Ende Dezember 2008 demonstrierten Wittener Studenten vor dem Landtag in Düsseldorf für den Erhalt ihrer Hochschule. Foto: ddp
Der Protest hat sich gelohnt: Ende Dezember 2008 demonstrierten Wittener Studenten vor dem Landtag in Düsseldorf für den Erhalt ihrer Hochschule. Foto: ddp
Die Pleite der Universität Witten/Herdecke ist zunächst abgewendet. Doch die nächste Krise kommt bestimmt, wenn an der ältesten privaten Hochschule Deutschlands alles beim Alten bleibt.

Es sah wirklich alles danach aus, als würde das Land Nordrhein-Westfalen (NRW) diesmal ernst machen. Ende Dezember 2008 gab das Innovationsministerium in Düsseldorf bekannt: Die Landesregierung dreht der privaten Universität Witten/Herdecke (UWH) den Geldhahn zu. Die Förderung von 4,5 Millionen Euro für 2008 werde einbehalten. Zuwendungen in Höhe von drei Millionen Euro aus dem Jahr 2007 müsse die Universität zurückzahlen. Minister Andreas Pinkwart (FDP) teilte mit, die Universität führe ihre Geschäfte „nicht ordnungsgemäß“ und habe keinen „verlässlich testierten Wirtschaftsplan“ vorgelegt. Der ältesten privaten Hochschule Deutschlands drohte die Insolvenz.

Doch dann, nur wenige Tage später, hatten sich die Wogen schon wieder geglättet. Von Gesprächen „in konstruktiver Atmosphäre“ war seitens des Ministeriums die Rede. Neue Sponsoren sicherten die Zahlungsfähigkeit der Hochschule über den Jahreswechsel hinaus zu. Zu diesen „potenziellen strategischen Partnern“ zählen der Heidelberger Bildungs- und Gesundheitskonzern SRH, die Darmstädter Software-AG- Stiftung und der Gemeinnützige Verein zur Entwicklung von Gemeinschaftskrankenhäusern, Herdecke. Die Geschäftsführung der UWH war unterdessen zurückgetreten, hatte jedoch alle Vorwürfe zurückgewiesen. Auch der Mitgründer der Hochschule und FDP-Politiker Konrad Schily erklärte, die Universitätsleitung habe keine Fehler in der Haushaltsplanung gemacht: „Es hat sich höchstens um Formfehler gehandelt.“ Trotzdem haben sich nun Wirtschaftsprüfer die Finanzen der Universität vorgenommen. Ergebnisse sind bislang nicht bekannt – auch nicht, ob das Land NRW die Hochschule weiterhin fördern will.

Die UWH hat sich von der Elite-Universität zum Problemfall entwickelt. Sie hangelt sich von Krise zu Krise. Erst im August 2008 verabschiedete sich der neu gewonnene Hauptsponsor, die Düsseldorfer Unternehmensberatung Droege International Group AG. Für das Scheitern der Zusammenarbeit macht die UWH die Firma Droege verantwortlich. Diese hingegen warf der UWH schon damals undurchsichtiges Finanzgebaren vor.

Aber nicht nur mit dem Geld, sondern auch mit den Inhalten gab es in den letzten Jahren immer wieder Schwierigkeiten, etwa als der Wissenschaftsrat 2005 die Qualität der medizinischen Forschung und Lehre kritisierte. Die Universität bekam die Akkreditierung nur, weil sie eine Neukonzeption zusicherte: Neue Professuren wurden geschaffen, die Versorgungsforschung wurde ausgebaut.

Damals wie heute reagierte die Universität „überrascht“ auf die Kritik. Und es entstand der Eindruck, die UWH ruhe sich auf den Lorbeeren der Vergangenheit aus. In der Medizinerausbildung vertrat die Hochschule stets ein modernes, ganzheitliches Konzept. Problem- und praxisorientiertes Lernen setzte man in Witten schon um, als der Unterricht an staatlichen Fakultäten fast ausschließlich aus Vorlesungen bestand. Der Anspruch, Studierende nicht nur fachlich, sondern menschlich zu bilden, findet Unterstützung, selbst bei denen, die privaten Hochschulen sonst mit grundsätzlicher Skepsis begegnen. Dazu, dass es mit dem Verhältnis zu NRW nicht immer zum Besten stand, hat indes auch die UWH beigetragen. Mehrfach hat das Land beispielsweise die Hochschule aufgefordert, das Helios-Klinikum Wuppertal nicht mehr als ihr Universitätsklinikum zu bezeichnen. Doch weiterhin findet man diesen Begriff auf den Homepages der Universität und des Klinikums.

Nachdem die Rettung in letzter Minute wieder einmal geglückt war, forderte Pinkwart nun „mehr Transparenz und Zuverlässigkeit“. Daran wird sich der neue Geschäftsführer, der Ökonom Michael Anders, messen lassen müssen. Und auch daran, ob er ein besseres Händchen bei der Bindung von Sponsoren hat als sein Vorgänger. Er selbst war viele Jahre für einen der möglichen Sponsoren, die Software-AG-Stiftung, tätig. Angesichts der Finanzkrise dürfte es für private Hochschulen in absehbarer Zeit nicht einfacher werden, Geldgeber zu finden.
Dr. med. Birgit Hibbeler
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