ArchivDeutsches Ärzteblatt19/1997Osteoporose-Spezialsprechstunde: Hohe Zufriedenheit

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Osteoporose-Spezialsprechstunde: Hohe Zufriedenheit

Meye, Maria Rita

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LNSLNS Osteoporose-Patientinnen und -Patienten fühlen sich oft mit ihrer Krankheit nicht ernst genommen und haben den Eindruck, Therapien würden "einfach mal ausprobiert”. Außerdem beklagen sie, daß Fragemöglichkeiten in der Sprechstunde zu kurz kommen. Solche Wünsche nach zusätzlicher ärztlicher Hilfestellung haben die Ärzte der Bezirksstelle Paderborn aufgegriffen und in Kooperation mit der Osteoporose-Selbsthilfegruppe vor Ort eine Spezialsprechstunde erprobt

Zehn niedergelassene Ärzte führten im Frühjahr 1995 außerhalb der Sprechstunde 83 Beratungen für Osteoporose-Selbsthilfegruppenmitglieder durch. Nach dem Beratungsgespräch füllten Ärzte und Patienten (81 Frauen und zwei Männer) je einen Fragebogen aus und machten Angaben zum Beispiel zu den Beratungsanlässen, zur Zufriedenheit mit dem Gespräch und zur subjektiven Erfolgseinschätzung.


Patienten noch zufriedener als Ärzte
Auf die Frage "Waren Sie insgesamt zufrieden mit dem Beratungsgespräch?" antworteten nach 66 Prozent der Beratungen die Ärzte mit "ja" und nach 22 Prozent der Gespräche mit "überwiegend". Besonders gut fanden sie das Interesse der Patientinnen und Patienten, das zum Beispiel in einer gezielten Fragestellung zum Ausdruck kam, die angenehme Gesprächssituation oder auch die sportlichen Aktivitäten der Betroffenen.
Die Patientinnen und Patienten waren zu 87 Prozent "zufrieden" mit der Beratung und zu 11 Prozent "überwiegend zufrieden". Sie schätzten vor allem die gute Qualität des Beratungsgesprächs sowie die ausreichend zur Verfügung stehende Zeit, wie die Begründungen zeigen:
- "Der Arzt hörte zu und gab verständlich Auskunft."
- "Die ruhige, fachkundige Beratung."
- "Die freundliche Art des Arztes."
- "Die Möglichkeit, ohne Zeitdruck sprechen zu können."
- Eine Patientin lobte einen ganz anderen Aspekt: "Ein Arzt, der zugab, daß sein Wissen begrenzt ist."
Die große Zufriedenheit der Beratenen spiegelte sich im Laufe der Befragung noch an anderer Stelle wider. Zum Beispiel wurden in einem hohen Ausmaß Patienten-Erwartungen erfüllt (für 76 Prozent uneingeschränkt und für 20 Prozent "überwiegend"). Die Erläuterungen der Ärzte waren für 90 Prozent der Patienten völlig verständlich; sie fühlten sich auch zu 84 Prozent vom Arzt mit ihren Problemen verstanden (außerdem neun Prozent "überwiegend"). 51 Prozent der Patientinnen und Patienten gaben an, neue Informationen über medizinische Zusammenhänge beziehungsweise Krankheitsbewältigung erhalten zu haben (übrigens: auch die Ärzte hatten inhaltlich etwas von der Beratung; nach 23 Prozent der Beratungen gaben sie an, selbst durch das Gespräch etwas Neues über das Krankheitsbild oder seine Bewältigung im Alltag erfahren zu haben). 44 Prozent der Patientinnen und Patienten hatten den Eindruck, daß sie mit manchen Problemen ihrer Krankheit jetzt besser zurechtkommen können, 28 Prozent zumindest "teils/teils". Dies wurde vor allem mit der Aufklärung beziehungsweise ausführlichen Beratung begründet.
Als Beratungsanlässe und interessierende Themen nannten Ärzte und Patienten in erster Linie Fragen zur medikamentösen Therapie bzw. zu Schmerzen und Gelenkentzündungen und sonstigen Krankheitszusammenhängen. Ein häufig notiertes Anliegen war auch der Wunsch nach Überprüfung der Therapie.
Die durchschnittliche Gesprächsdauer von 18 Minuten wurde von fast 90 Prozent der Befragten uneingeschränkt als ausreichend bezeichnet, um eine individuelle Osteoporose-Beratung durchzuführen.


Unterschiedliche Beurteilung
Im Rahmen einer vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung ist die Qualität des Sprechstundengesprächs ein wesentlicher Aspekt. Da diese Qualität auch von erfolgreichen Verständigungsprozessen abhängt, wurde im Rahmen der Studie zum Beispiel untersucht, wie es mit der ärztlichen Wahrnehmung der Patientenmeinung aussieht. Insgesamt wurden Gesprächsqualität und Gesprächsinhalte mehrheitlich recht gut übereinstimmend wahrgenommen. Interessant ist, daß im Vergleich zur Sicht der Patientinnen und Patienten die Ärzte in der Regel den Beratungserfolg etwas unterschätzten. Nur der Informationszuwachs für die Beratenen wurde tendenziell überschätzt. So gaben die Patientinnen und Patienten zum Beispiel häufiger an, alles verstanden zu haben, was der Arzt gesagt hat, und sie fühlten sich auch häufiger mit ihren Problemen vom Arzt verstanden, als dieser den Eindruck hatte. Optimistischer urteilten die Patienten zudem bezüglich der zukünftigen Möglichkeiten, die Krankheit besser zu bewältigen. Außerdem sahen sie ihre Erwartungen öfter erfüllt, als die Ärzte glaubten.


Anspruchshaltung wird überschätzt
Diese per saldo positivere Einschätzung auf Patientenseite läßt sich dadurch erklären, daß Ärzte die Anspruchshaltung der Patientinnen und Patienten tendenziell überschätzten und von daher auf eine etwas geringere Zufriedenheit schlossen. Außerdem mag dabei der eigene hohe Anspruch an den Behandlungserfolg eine Rolle spielen, wohingegen die Patienten vielleicht schon eine gute Beratung hinsichtlich der Behandlungsmöglichkeiten außerordentlich wertschätzten.
Andererseits vermuteten die Ärzte häufiger, daß die Beratenen neue Informationen über medizinische Zusammenhänge beziehungsweise Krankheitsbewältigung im Alltag erhalten haben, als die Patienten dies angaben (vgl. Grafik).
Es scheint so, daß in gut einem Viertel der Gespräche den Patienten Sachverhalte erläutert wurden, die sie schon wußten. Ob dies als überflüssig oder als willkommene Bestätigung des vorhandenen Wissens empfunden wurde, muß offenbleiben.


Spezialsprechstunde: Zur Nachahmung empfohlen
Außerdem ließ es sich nicht nachprüfen, ob zum Beispiel die Patientinnen und Patienten wirklich genau das verstanden haben, was der Arzt gemeint hat, und ob der Optimismus bezüglich der künftigen besseren Krankheitsbewältigung angesichts der Alltagsrealitäten aufrechterhalten werden konnte. Immerhin signalisieren diese subjektiven Erfolgseinschätzungen aber, daß außerhalb des üblichen Sprechstundenalltags in einer Gesprächssituation ohne Zeitdruck in hohem Maße Patientenbedürfnisse nach ärztlicher Zuwendung und Information erfüllt werden konnten. Das Angebot der Spezialberatung fand sowohl bei Ärzten als auch bei Patienten eine hohe Akzeptanz. Durch eine solche Ergänzung des Spektrums therapeutischer Nachsorgemöglichkeiten wird das Arzt-Patienten-Bündnis ebenso verbessert wie die Laienkompetenz der Patienten im Sinne einer besseren Krankheitsbewältigung im Alltag.
Die Ärzte können aber nur dann eine umfassende Betreuung chronisch Kranker leisten, wenn die Gesellschaft bereit ist, mehr Verantwortung für diese Patientengruppe zu übernehmen. Dazu gehört der politische Entschluß, zeitintensive Beratungen als zukunftsweisenden Weg der Patientenführung zu finanzieren, ebenso wie die ärztliche Bereitschaft, sich bei der Betreuung chronisch Kranker neu zu orientieren in dem Sinne, daß psychosoziale Aspekte zur Verbesserung der Lebensqualität stärker einbezogen werden und die Kooperation mit Selbsthilfegruppen intensiviert wird.


Dipl.-Volkswirtin Maria Rita Meye
Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland
Herbert-Lewin-Straße 5
50931 Köln
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