ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2009Studium: Lauft Studenten, lauft!
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Lauft, Medizinstudenten lauft, bevor ihr durch Gewohnheit oder altersbedingte Trägheit nicht mehr in der Lage seid, dieses Land zu verlassen, das euch zwar das Studium bezahlt hat, das euch aber als Arzt nicht mehr will. Lauft, denn sonst werdet ihr erdrückt von einer Bürokratie, die ihren Namen als Herrschaft des Büros, der unzähligen Verordnungen und Gesetze verdient. Eure Lebensspanne wird nicht reichen, sie alle zu lesen, selbst wenn ihr nichts anderes tätet . . . Lauft, denn sonst werdet ihr jährlich neue Gebührenordnungen erlernen müssen, die immer mehr kontrollieren, aber immer weniger bringen. Man ist gezwungen, durch eine Vielzahl von Zusatzverträgen den Stand seiner Einnahmen zu halten oder durch zusätzliche Ausbildungen das persönliche Budget zu erhöhen, daher lauft, Medizinstudenten lauft, denn für diese Zusatzausbildungen werdet ihr gnadenlos abgezockt. Tausende von Euro müsst ihr noch ausgeben für Balint, Chirotherapie, Akupunktur, ja selbst die quasi zwangsweise Fortbildung fürs Hautkrebs-Screening kostet über 200 Euro. Lauft, und zwar schnell, denn das Schlimmste habe ich noch nicht erwähnt: Das Damoklesschwert der Regressdrohung. Es wird über euch hängen, solange ihr niedergelassen seid. Wenn es auch fast nie fällt, so ist es immer gegenwärtig. Denn man haftet für Medikamente, physikalische Therapie, die man zu viel verschrieben hat, mit seinem persönlichen Vermögen. 100 000 Euro sind schnell beisammen . . . Lauft schnell, denn eure tägliche ärztliche Tätigkeit wird die Diskussion mit den Patienten sein, warum sie ihre gewohnten Medikamente nicht mehr bekommen, da sie von der Apotheke gegen andere ausgetauscht werden. Denn die Krankenkassen schließen mit einzelnen Pharmafirmen Verträge, deren Medikamente dann von den Apotheken abgegeben werden müssen. Verträge, deren Inhalt niemand kennt . . . Diese Diskussionen sind für alle Beteiligten unwürdig, besonders für den Patienten als Bittsteller, aber auch für den Arzt und Apotheker als Staatsbüttel. Wären da nicht die Dankbarkeit der Patienten, denen man helfen konnte, das vertrauensvolle Lächeln eines Kindes, die Befriedigung, wenn man schwer kranke oder alte Menschen in ihrer letzten Lebensphase begleiten konnte, so könnte man verzweifeln. Aber noch bleibt ein kleiner Rest ärztlicher Tätigkeit. Noch freut man sich auf den nächsten Tag mit seinen Mitarbeitern und Patienten und verdrängt die zunehmende Einschränkung unserer eigentlichen Arbeit, verdrängt die Repression, der wir unterliegen . . .
Dr. med. Albrecht Blank, Zur Talsperre 6,
57250 Netphen
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