ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2009Klinikpfade: Noch oft missverstanden
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. . . Ohne die Bedeutung des Artikels auch nur im Geringsten schmälern zu wollen, bedarf er gewisser Korrekturen: „Clinical Pathways oder Critical Pathways sind“ (keineswegs nur, wie hier behauptet) „strukturierte Ablaufpläne, in denen Kernprozesse der Behandlung zeitlich geordnet dargestellt werden“, sondern weit mehr: Bei klinischen Behandlungspfaden geht es in der Logik der Netzplantechnik ums ergebnisorientierte Optimieren des arbeitsteiligen Behandlungsablaufs und dessen Standardisierung. In der Netzplantechnik ist der Critical Path der – hinsichtlich der Zeit (des Personaleinsatzes und der Kosten) – optimierte Weg zum Ergebnis. In der Krankenbehandlung ist dies der Weg von der (durch Anamnese und Untersuchung ermittelten) Ausgangssituation = Diagnose des Patienten über die Festlegung des Vorgehens (Indikation) bis zum Ergebnis des Behandlungsprozesses. Einschließlich eines patientenfreundlichen Vorgehens, das sich z. B. in einer vorzüglichen Information und allerlei zusätzlichen Serviceleistungen manifestiert. Ein solcher „Pfad“ sollte schon aus forensischen Gründen den besten gesicherten Stand der Erkenntnis auf dem Weg zum bestmöglichen Ergebnis widerspiegeln, dem der Patient dann auch nicht nur „ . . . idealerweise folgt“. Der richtige Pfad ist verbindlich – es sei denn, der Patient hat eine andere Krankheit! . . . Eine derartige Standardisierung der Behandlung wird von vielen deutschen Medizinern immer noch missverstanden als ein geradezu schändlicher Angriff auf die Therapiefreiheit. Dabei handelt es sich doch nur um eine – freiwillig verabredete und nicht oktroyierte – Festlegung aller Beteiligten auf das beste, weil derzeit aussichtsreichste Vorgehen angesichts der individuell ermittelten Ausprägung einer bestimmten Erkrankung und der sich daraus ergebenden Prognose. Die strikte Ergebnisorientierung (zumindest des richtig verstandenen Pfadansatzes und nicht nur neuer Formulare) verhinderte weit zuverlässiger als heute, dass nur eine vorgegebene Schrittfolge blind abgefahren wird . . . Das Ziel der „Erfindung“ klinischer Behandlungspfade war keineswegs in erster Linie ein ökonomisches: Es ging den Pionieren zunächst einmal darum, die Wahrscheinlichkeit eines Behandlungsergebnisses durch die Minimierung von Abweichungen auf dem Wege dorthin zu gewährleisten und dies auf einfache Weise auch noch zuverlässig zu belegen. (Hier macht das Wort „Qualitätssicherung“ auf einmal wirklich Sinn) . . . Wer die arbeitsteilige (nicht nur chirurgische) Behandlung einer wachsenden Zahl von Erkrankungen auf diese Weise immer „stromlinienförmiger“ macht, vermeidet so Um- und Irrwege, Wartezeiten und alle sonstigen Arten von Verschwendung, die in der Krankenhausbehandlung heute typisch sind. Auch die Dokumentation schnurrt so auf einen Bruchteil des bislang Unausweichlichen zusammen. Das senkt die Fallkosten und verschafft eine Menge Freiraum für eine individuellere Behandlung sowie deutlich bessere Arbeitsbedingungen für Ärzte, Pflegekräfte und viele andere Beschäftigte mit unmittelbarem und mittelbarem Patientenkontakt. Ganz nebenher wird eine solchermaßen besser gemachte Behandlung auch noch kostengünstiger und damit wertvoller . . .
Prof. Dr. Rolf Hildebrand,
Dr. Hildebrand & Partner GmbH, Nestorstraße 11, 10709 Berlin
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