ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2009Frühgeborene: Vorenthaltener Fortschritt
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Die Autoren zitieren den Abschlussbericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) über den Zusammenhang zwischen Leistungsmenge und Ergebnis bei der Versorgung von Frühgeborenen, in dem „die Daten bezüglich der primären Zielgröße Mortalität unter Berücksichtigung der Studien- und Publikationsqualität sowie ihres Populationsbezugs deutliche Hinweise auf einen statistischen Zusammenhang geben, der sich als Trend einer Risikoreduktion mit steigender Leistungsmenge darstellt. Insbesondere die Studien mit deutschen Versorgungsdaten von Bartels 2006 und Heller 2008 zeigen einen signifikanten statistischen Zusammenhang zwischen Leistungsmenge und Ergebnisqualität.“ Sie weisen darauf hin, es handele sich um eine statistische Assoziation ohne Beweis des Kausalzusammenhangs und schlussfolgern, dass eine evidenzbasierte Mindestmenge nicht festgelegt werden kann. Wenn deutsche Politiker dieser Argumentation immer folgen würden, wäre niemals die Anschnallpflicht im Straßenverkehr eingeführt worden, denn eine beweisende randomisierte Interventionsstudie zu dieser Fragestellung hat es nie gegeben. Bei der Anhörung im IQWiG wurde die Durchführung einer Interventionsstudie als ethisch nicht vertretbar eingestuft. Ohnehin wäre nicht zu erwarten, dass Eltern nach Aufklärung ihre Zustimmung zur Teilnahme an einer solchen Studie geben. Basierend auf der beschriebenen Assoziation wurde aber in Nordamerika und in vielen europäischen Ländern in den letzten 20 Jahren die Versorgung von Hochrisikofrühgeborenen zentralisiert, ohne dass die von den Autoren geforderte Evidenz zur Verfügung stand. Ist eine Beweisführung mittels Interventionsstudien aus ethischen Gründen unmöglich, muss eine Entscheidung auf niedrigerer Evidenzstufe getroffen werden. Wer beweisende Evidenz fordert, aber keine Stellung zur Machbarkeit solcher Studien bezieht, versucht mit Scheinargumenten den deutschen Frühgeborenen und ihren Eltern einen Fortschritt vorzuenthalten, den andere Länder ihren Patienten längst anbieten.
Literatur bei den Verfassern
Prof. Dr. Helmut Hummler, Klinik für Kinder- und
Jugendmedizin, Universitätsklinikum Ulm,
89070 Ulm
Hans-Jürgen Wirthl, Kiefernstraße 21 a,
55246 Mainz-Kostheim
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