ArchivDeutsches Ärzteblatt19/1997Pharmamarketing: Ärzte als williges Werkzeug

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Pharmamarketing: Ärzte als williges Werkzeug

Eckardt, Volker F.

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LNSLNS Bei der vor kurzer Zeit in dieser Zeitschrift geführten "Helicobacter-pylori-Diskussion" wurde leider ein Aspekt schamhaft verschwiegen, nämlich die Verquickung von medizinischer Aufklärung und pharmazeutischem Marketing.
Wenn angesehene Ärzte sich in ganzseitigen Anzeigen ablichten lassen und für bestimmte Arzneimittel werben, ohne erkennen zu geben, wer die Kosten der Kampagne trägt, dann werden wir zumindest unzureichend informiert. Es ist das Recht desjenigen, der aufgeklärt wird, zu erfahren, ob die Unabhängigkeit der Aufklärer gewährleistet ist. Dies hätte erfolgen können, indem die "Initiative für die neue Ulcus-Therapie" etwa mit folgendem Zusatz versehen worden wäre: "Die Unterzeichneten haben diese Aktion aus eigenen Mitteln und ohne die Unterstützung der für die genannten Medikamente verantwortlichen Firmen finanziert." Andernfalls hätte der Zusatz etwa so lauten müssen: "Die Anzeige wurde von der Firma X finanziert, und der Abgebildete hat dafür ein Honorar von XXXX DM erhalten." Bei einer solchen Vorgehensweise wäre es dem unbefangenen Betrachter möglich gewesen, die Ernsthaftigkeit und den Wert der Kampagne kritisch zu analysieren und richtig einzuordnen.


Abhängigkeiten der Vortragenden darlegen
Gewiß wird Fortbildung häufig durch die pharmazeutische Industrie finanziert, und Wissenschaftler erhalten nicht allzu selten für ihr diesbezügliches Engagement ein Honorar. Der Zuhörer hat aber ein Recht darauf, mehr über mögliche finanzielle Abhängigkeiten der Vortragenden zu erfahren. Das ist keinesfalls eine utopische Forderung, sondern ihr wird in den USA bereits nachgekommen. Dort müssen Vortragende schriftlich darlegen, von welchen Firmen sie Honorare erhalten, ob sie entsprechende Aktien besitzen oder gar Beraterverträge abgeschlossen haben (1). Es ist allerhöchste Zeit, daß auch bei uns den Zuhörern wissenschaftlicher Veranstaltungen derartige Informationen zugänglich gemacht werden, damit mögliche Interessenkonflikte und Voreingenommenheiten erkannt und Inhalte von Vorträgen kritisch gewertet werden können.
Abhängigkeiten zwischen Industrie und Ärzteschaft existieren nicht nur auf der Ebene sogenannter Meinungsbildner, sondern leider auch auf der der Rezeptblockbesitzer. Auf die Problematik der Vorteilsannahme durch Ärzte ist außerhalb der Bundesrepublik Deutschland in zahlreichen Artikeln aufmerksam gemacht worden (2-4). Hierzulande dagegen erscheint die ethische Fragwürdigkeit, größere Geschenke von der pharmazeutischen Industrie anzunehmen, trotz entsprechender Vorschriften unserer Berufsordnung, entweder nicht erkannt oder ignoriert zu werden.
Wer heute zu (internationalen) Kongressen an attraktive Orte fährt, wird sich über eine Vielzahl deutscher Kollegen wundern, die in Gruppen und unter der Obhut von Vertretern der Pharmaindustrie auftreten. Daß dieses Verhalten als ein normales Phänomen zu betrachten ist, wurde mir kürzlich bewußt, als mich ein Kollege auf der amerikanischen Gastroenterologentagung mit den Worten erschreckte: "Mit welcher Firma sind Sie eigentlich hier?" Seither trete ich jede berufliche Reise mit der Sorge an, man könne auch mich als Nutznießer fragwürdiger Einladungs-Praktiken verdächtigen, und ich ertappe mich selbst bei dem Gedanken, ob dieser oder jener geschätzte Kollege nicht auch zum Heer der Abhängigen gehört.
Manch einer wird sich fragen, warum ich mich denn über einen Umstand errege, der in der Wirtschaft gang und gäbe ist. Nun, Ärzte sind für gewöhnlich keine Wirtschaftsmanager und sind in ihrem Handeln ausschließlich dem Patienten verpflichtet. Diese Verpflichtung ist nur unzureichend erfüllbar, wenn die Rezeptur von der zuvor erfolgten Reise beeinflußt wird. Natürlich wird jeder Betroffene sagen, die ihm zugekommene Zuwendung bewirke keinerlei Verpflichtungen. Die Zuwendung würde indes nicht erfolgen, wenn die Industrie sich davon nichts verspräche. Und demjenigen, der trotz Zuwendung auf seiner Unabhängigkeit beharrt, muß zumindest eine parasitäre Verhaltensweise angelastet werden.


Notwendiges Engagement der Industrie
Um nicht mißverstanden zu werden: meine Kritik bezieht sich nicht auf das notwendige Engagement der pharmazeutischen Industrie in Wissenschaft und Fortbildung. Sie bezieht sich ausschließlich auf die problematische Vorteilsannahme gutsituierter Ärzte. Auch ist es keinesfalls fragwürdig, wenn jungen wissenschaftlichen Talenten aus Mitteln der Industrie Forschungstätigkeit und Kongreßteilnahme finanziert werden. Sie stehen nicht im Verdacht, dadurch in ihrer Handlungsfreiheit beeinträchtigt zu werden. Derartige Unterstützungen fördern die medizinische Wissenschaft und kommen damit indirekt unseren Patienten zugute. Ganz anders verhält es sich aber mit den Meinungsbildnern und Rezeptierern. Sie dürfen sich in derartige Abhängigkeiten nicht begeben und sich schon gar nicht an Arzneimittelreklamen wie der "Initiative für die neue Ulcustherapie" beteiligen.


Literatur
1. Ethics Document. American Society for Gastrointestinal Endoscopy. August 1992. Manchester, Massachusetts, USA
2. Council on Ethical and Judicial Affairs of the American Medical Association: Gifts to physicians from industry. JAMA 1991; 265: 501
3. Bricker EM: Industrial marketing and medical ethics. New Engl J Med 1989; 320: 1690-1692
4. Waud RD: Pharmaceutical promotions - a free lunch? New Engl J Med 1992; 327: 351-353


Prof. Dr. med. Volker F. Eckardt
Dotzheimer Straße 14-18
65185 Wiesbaden

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