ArchivDeutsches Ärzteblatt19/1997Ärztebesuche: Eine Ketzerin klagt an

THEMEN DER ZEIT: Glosse

Ärztebesuche: Eine Ketzerin klagt an

Ezeani, Elena

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LNSLNS Es ist doch merkwürdig: Es gibt Arztpraxen, in denen man - mit oder ohne Termin - nie länger als eine viertel bis eine halbe Stunde wartet. Es gibt andere, in denen man - trotz Termin - nie weniger als zwei Stunden zu warten hat.
Frage ich in diesen Praxen nach, bekomme ich fast immer folgende Erklärung (eine Entschuldigung habe ich bisher nur ein einziges Mal gehört): "Wir hatten Schmerzpatienten vorzuziehen."
Die Erfahrung besagt jedoch etwas ganz anderes:
Patienten mit akuten, kaum auszuhaltenden Schmerzen, denen keinerlei Wartezeit zugemutet werden darf, gibt es kaum - abgesehen davon, daß dieser Zustand subjektiv ist und schließlich auch der langfristig angemeldete Patient am vereinbarten Termin unter erheblichen akuten Schmerzen leiden kann.
Offensichtlich wird die Zeit, in der der Patient beim Arzt vorsprechen darf, eher zu kurz bemessen, geringer jedenfalls, als es der im Durchschnitt tatsächlich benötigten Untersuchungs- oder Beratungszeit entspricht - um auf keinen Fall Wartezeit für den Arzt entstehen zu lassen.
Vereinzelt werden sogar zwei Patienten zur selben Zeit bestellt; es könnte ja einer verspätet oder gar nicht kommen.
Welche Gründe aber auch immer dazu führen, daß Patienten länger als eine halbe Stunde auf den erlösenden Aufruf ihres Namens warten müssen - warum erscheint praktisch niemals eine jener organisationsmächtigen Tresenkräfte von sich aus im Wartezimmer, erklärt die Verzögerung und stellt anheim, die Praxis zu verlassen und eine halbe Stunde, eine Stunde oder eben auch zwei Stunden später wiederzukommen?
Ist es nicht denkbar, daß auch die Zeit von Patienten kostbar ist - und jedenfalls zu schade, um sie im wenig ermunternden Kreise der vielen Mit-Leidenden zu verdösen?
Das Ganze wäre ja nicht so nervtötend, wenn die Wartezimmer wenigstens ein Minimum an geistiger Anregung zu bieten hätten. Das übliche Angebot beschränkt sich jedoch auf Lesezirkelhefte, die meist nicht einmal dem unterschiedlichen Leseniveau, Unterhaltungs- oder Informationsbedürfnis der Patienten gerecht werden; Reklameposter und Infofolder der pharmazeutischen Industrie, bestenfalls aber Wechselrahmen mit - freilich nie gewechselten - Kunstgemälden.
Eine irgendwo noch hingequetschte Kleinkinderecke mit zerfledderten Bilderbüchern, einem
Minisortiment von Bauklötzen oder Legosteinen und längst demolierten Spielzeugautos sowie "beruhigende" Musikberieselung vom Band ergänzen manchmal die "Wartekultur" in Arztpraxen.
Warum jedoch nicht einmal etwas Neues in die Wechselrahmen? (Die steuerliche Absetzbarkeit sollte es doch - noch - möglich machen?)
Eine Pinnwand mit aktuellen medizinischen Nachrichten, Cartoons oder ähnlichem?
Eine für die jeweilige Praxis individuell zusammengestellte "Nachrichtenmappe für meine Patienten" oder auch nur der Anschlag eines "Wortes der Woche" - am besten an einer Tafel mit Kommentiermöglichkeit (und damit der Förderung von krankheitsunabhängigen Gesprächen der Patienten untereinander dienlich)?
Kaum auszudenken: ein PC-Probierplatz für Unerfahrene - oder gar ein Internet-Anschluß zum kurzweiligen Surfen?
Bis auf den letzten kosten sämtliche dieser Vorschläge nichts als ein wenig (den Patienten gewidmete) Zeit und Mühe, der letzte nicht mal das, sondern allenfalls "peanuts".
Es gibt sicher noch viel mehr praktikable Wege, Patienten die Wartezeit zu verkürzen - jedenfalls, was die Hauptwartezeit betrifft. Denn mit dem Verlassen des Wartezimmers ist es ja oft noch längst nicht getan: Dem Gespräch mit dem Arzt - immer in Eile, denn man spürt, man habe sich jetzt doch bitte kurz zu fassen -, diesem ersten Gespräch folgt üblicherweise die Verabreichung praxisgerechter Diagnose- und Therapiehäppchen an das leidgeplagte Individuum: Dazu hat es immer wieder einsame Viertelstunden in diversen, oft unterkühlten "MTA-Zellen" abzusitzen - in Labor-, Röntgen-, EKG-, Ultraschall-, Pflaster- und Verbandskabinen.
Brav schlucken wir alles, was uns nach und nach verordnet wird. Endlich aber dürfen wir, dankbar ob all des medizinischen Aufwands für unser Wohlergehen, die heiligen Hallen verlassen - und dem nächsten Allmächtigen bei der Rückkehr an unseren Arbeitsplatz die vorwurfsvolle Frage beantworten "Was haben Sie da eigentlich so lange getrieben?"
Ich aber frage ketzerisch:
Sind jemals irgendwo die Kosten berechnet worden, die privaten und öffentlichen Arbeitgebern durch die sinnlos verbrachte Arbeitszeit in den Wartezimmern vieler "Götter in Weiß" entstehen?
Warum werden diese Verluste allein von den Arbeitgebern und nicht auch von den verursachenden Ärzten getragen? Elena Ezeani
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