ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2009Mediation trifft Medizin: Konfliktlösung auf Augenhöhe

STATUS

Mediation trifft Medizin: Konfliktlösung auf Augenhöhe

Pilartz, Heinz

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Joker
Foto: Joker
Im Gesundheitswesen ist die Mediation (noch) wenig verbreitet.

Mediation ist ein Konfliktlösungsverfahren, das eine gerichtliche Auseinandersetzung verhindern kann. In sechs Verfahrensphasen – Arbeitsbündnis, Themenklärung, Bedürfnisklärung der beteiligten Parteien, Brainstorming, konkrete Lösungsformulierung und Nacharbeit – wird der konkrete Konflikt zwischen den Betroffenen in Begleitung eines allparteilichen Dritten begleitet. Dabei bedeutet allparteilich mehr als unparteiisch: Der Mediator sorgt für Augenhöhe der Gesprächspartner, was durchaus heißen kann, dass er auch schon einmal den einen oder den anderen unterstützt und stärkt. Im Arbeitsbündnis vereinbaren die Gesprächspartner Offenheit und Informiertheit – Grundvoraussetzungen für einen fairen Gesprächsablauf mit dem Ziel, eine nachhaltige Lösung zu finden, in der sich alle Beteiligten wiederfinden.

Im Gesundheitswesen sind viele Einsatzmöglichkeiten denkbar. So kommt es beispielsweise bei der Zusammenarbeit von Partnern in Gemeinschaftspraxen und Medizinischen Versorgungszentren immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten. Die entsprechende Verträge regeln in vielen Fällen nicht das, was später zum Konflikt wird: Medizinische Vorstellungen, Personalfragen, unterschiedliche Arbeitsgeschwindigkeit und Finanzfragen führen häufig zu Krisen in der Zusammenarbeit. Der damit verbundene Stress hat negative Auswirkungen auf die Patientenzahl und/oder die Arbeitsqualität. Im schlimmsten Fall ist die Zusammenarbeit nicht mehr möglich. Dann ist die Auseinandersetzung häufig sehr schwierig, nicht selten drohen erhebliche finanzielle Einschnitte.

Oft entwickeln sich Unstimmigkeiten langsam, fast unbemerkt.
Irgendwann unterbleibt der Gesprächskontakt, dringende Entscheidungen werden nicht mehr gemeinsam getroffen. Jeweils wird der andere als unfähig, unzuverlässig, unflexibel und übergriffig erlebt. Soll in einer solchen Situation ein Weg aus dem Dilemma gefunden werden, ist es kaum denkbar, ohne Hilfe eines Dritten ein erfolgreiches Gespräch zu führen. Der Mediator sorgt dann nicht nur für Gesprächs- und Themendisziplin, sondern stellt gezielte Fragen, um die Dynamik zu verstehen. Diese Fragen können umfassend und ohne unterbrochen zu werden beantwortet werden. Schon das führt im Verlauf zu wachsendem Verständnis füreinander, Missverständnisse können aufgedeckt werden, Verletzungen dürfen ausgesprochen werden. Der Mediator kennt die Tabus der Gemeinschaft nicht, hat aber im günstigsten Fall eigene Erfahrungen in der Arbeit in Partnerschaft oder gar Medizin. Damit kommen nicht selten Fragen auf den Tisch, mit deren Beantwortung Klärung stattfindet und eine gemeinsame Lösungsarbeit wieder denkbar wird. Ohne Klärung der belastenden Konflikte und Emotionen ist eine zukunftsgerichtete Arbeit oder eine sachliche Trennung nicht möglich. Die Formulierung großer Unterschiedlichkeiten muss einem gemeinsamen Weg dabei nicht widersprechen.

Speziell dann, wenn die Partner auch in Zukunft gemeinsam ihrer beruflichen Tätigkeit nachgehen wollen, selbstverständlich aber auch bei Personalfragen, Vertragsausgestaltung oder konzeptiver Planungen mit unterschiedlichen Vorstellungen, ist die Gesprächsbegleitung durch einen Mediator empfehlenswert. Bereits in der Frühphase der Planung oder zur Einstimmung auf ein verlässliches Konfliktlösungsverfahren kann eine präventive Mediation vor dem Start in die gemeinsame Selbstständigkeit sinnvoll sein.

Von der Begleitung der Verfahren vor der Beschwerdestelle für ärztliche Fehler bis zu zeitraubenden Beratungseinheiten in der Praxis wird viel zu selten an die Möglichkeiten der Mediation gedacht. Man denke nur an den Zeitaufwand, den die Kinder eines plötzlich versorgungspflichtigen Elternteils einfordern, wenn sie uneins sind: Mehrmals müssen die gleichen Fragen beantwortet werden, unterschiedlich gerichtete Anliegen der Geschwister sollen von ärztlicher Seite bewertet werden. Geschwister in einem solchen Konflikt zu motivieren, mithilfe einer Mediation eine gemeinsame Lösung zu erarbeiten, spart dem behandelnden Arzt Zeit und Nerven.

Weitere Anwendungsbereiche nur stichwortartig: Begleitung bei Verhandlungen, Regresse, Unstimmigkeiten zwischen Vertragspartnern, Personalprobleme, kollegiale Zusammenarbeit, Schnittpunkt zwischen Medizin und Betriebswirtschaft. Auch für Patienten empfiehlt sich die Mediation als probater Weg: Bei der Begleitung in Krisen- oder Ausnahmezuständen oder wenn ein gemeinsamer Weg der Partner „mit der Krankheit“ gesucht wird, wenn es in der Ehe kriselt und man sich nicht trennen will. Mediation bewegt eigentlich immer etwas. Wenn auch nicht in allen Fällen das erhoffte konsensuelle Ergebnis erzielt wird, wird der Umgang miteinander meist leichter. Es entsteht mehr Klarheit, Missverständnisse und Fehlinterpretationen können oft bereinigt werden. Das nicht selten hoch emotionale Klima entspannt sich. Immer wieder wird der gemeinsame Weg möglich oder findet eine Trennung nicht im „Kriegszustand“ statt.

Dazu kommt, dass Mediation in der Regel schneller zu einem Ergebnis führt als andere Konfliktlösungsstrategien. Sie ist finanziell überschaubar, und vor allem behalten die Gesprächspartner ihre Selbstverantwortung – das Verfahren entgleitet ihnen nicht.
Dr. med. Heinz Pilartz
Forum M, Fachgruppe Gesundheit,
Bundesverband Mediation e.V.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.