ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2009Von schräg unten: Waschanlage

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Waschanlage

Dtsch Arztebl 2009; 106(3): [120]

Böhmeke, Thomas

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Die kurze Mittagspause nutze ich, um mein vielfach gesprenkeltes Auto einer Schnellreinigung zu unterziehen – mit so einem erbärmlichen Auftritt würde ich noch nicht mal ein Minidarlehen bei einem Kredithai bekommen, würde höchstens ein Investmentbroker auf meinen Aktienverfall wetten. Nachdem sich die Gummitore der Schnellwaschstraße hinter meinem Gefährt geschlossen haben, fangen die Bürsten an zu rotieren, und mein Mobiltelefon meldet fehlenden Empfang. Ich genieße diesen Zustand zutiefst. Während ich, geschützt durch meine zweite blecherne Haut, entspannt und entrückt vor mich hin träume, wedeln unzählige Bürsten und Lappen um mich herum, ohne mich in irgendeiner Form zu belästigen. Ja, ich fühle mich geradezu uterin. Mütterlich umwedelt von lauter reinigenden Zotten. Und niemand kann diese Ruhe stören, um irgendwelche Fragen zu stellen. Keine Anrufe sind zu befürchten, deren Inhalt sich zwischen „Warum kriege ich keine teuren Medikamente mehr?“ und „Wir möchten Ihnen ein neues Serviceangebot aufschwatzen“ aufspannen. Verstehen Sie, hier ist der grundsätzliche Unterschied zu einem Besuch beim Friseur gegeben, der ständig versucht, mich in irgendwelche Gesprächsstrudel zu reißen; bei dem ich permanent in Angst lebe, als Arzt geoutet zu werden, um dann die umfangreiche morbide Familiengeschichte kommentieren zu müssen. Kostenfreies Konzil zwischen Kamm und Kahlrasur, sozusagen. Das ist der Grund, warum ich ausschließlich fremdsprachige Figaros mit mürrischen Blicken aufsuche, die minimale Mitteilsamkeit signalisieren. Und mich viel lieber in diese Waschanlage begebe, die obendrein die Geschwätzigkeit meines Mobiltelefons abwürgt und mich für einen kurzen Moment in eine pränatale Seifenblase taucht. Die Bürsten heben sich, der Schaum verfliegt, der Wagen ist sauber. Draußen entdecke ich ein Schild: Demnächst wird die Waschanlage modernisiert. Oje, hoffentlich verbessert sich damit nicht der Mobilfunkempfang. Wenn ich dann nicht mehr in meinem Auto sitzen und meinen fötalen Frohsinn frönen darf, haben sie mich als Kunden verloren.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe
in Gladbeck.
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