ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2009Demografie: Sterben die Deutschen wirklich aus?

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Demografie: Sterben die Deutschen wirklich aus?

Goddemeier, Christof

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Die demografische Krise ist in aller Munde. Manche sehen schon den Krieg von Alt gegen Jung voraus. Sinnvoll wäre ein unaufgeregterer Umgang mit dem Thema.

Methusalem war 187 Jahre alt, da zeugte er Lamech und lebte darnach 782 Jahre und zeugte Söhne und Töchter; seine ganze Lebensdauer betrug 969 Jahre, dann starb er“, heißt es im Buch Genesis (5,2527). Im Unterschied zum greisen Tithonos der griechischen Mythologie spricht das Alte Testament bei seinem Ältesten nicht von Schwäche und Greisentum, sondern von Fruchtbarkeit und Stärke. In seinem polemischen Buch „Das Methusalem-Komplott“ (2004) bläst Frank Schirrmacher zum Kampf gegen die Diskriminierung der Älteren in einer von „Jugendwahn“ bestimmten Gesellschaft. Sich zusammentun und kämpfen sollen die Alten, die sich solche Behandlung nicht länger gefallen lassen. Dabei meint Schirrmacher den Krieg Alt gegen Jung offenbar ganz wörtlich: „Wir müssen Selbstverteidigungsstrategien entwickeln, Methoden alternativer Kriegführung, die es einem erlauben, auch als schwacher Alter zu überleben: von der Partisanentätigkeit bis zum Hacker-Angriff.“ Seine Legitimation, dem Leser „berechtigte Angst“ einzujagen, zieht er aus demografischen Daten, die für ihn „zuverlässig“ wie der „Fahrplan der Stadtwerkebusse“ ein „unausweichliches Schicksal“ anzeigen. Tun sie das wirklich?

Zumindest sehen wissenschaftliche Vertreter der Zunft das auch anders. In dem Buch „Die Methusalem-Lüge“ (2006) nimmt der Sozialökonom Ernst Kistler sich der Mythen an, die sich um den „demografischen Wandel“ ranken. Die grafische Darstellung der sich verändernden Bevölkerung nach Alter und Geschlecht im letzten Jahrhundert ist wohl den meisten geläufig. Zu Beginn des Jahrhunderts noch ein schmucker Tannenbaum, zeigt diese Kurve 100 Jahre später ein gerupftes Bäumchen, das nicht mehr gesund aussieht.

Kein Mangel an Fachkräften
Dabei steht der Tannenbaum gerade nicht für eine „ideale Altersstruktur“, wie vielfach unterstellt wird. Vielmehr beschreibt die Pyramide einen Übergangszustand, in dem die Kinderzahl durch mehr Geburten und geringere Säuglingssterblichkeit wuchs, die Alten aber noch relativ früh starben. Als natürliches Bevölkerungsoptimum oder Ausgangspunkt für Abstiegsbewegungen ist sie damit willkürlich gewählt und nicht sachlich begründet. Für fünf bis 20 Jahre kann man sinnvolle Prognosen stellen. Darüber hinaus entwerfen Bevölkerungswissenschaftler lediglich Szenarien – Alternativrechnungen, die sämtliche denkbaren Entwicklungen als Wenn-dann-Aussagen aufzeigen. Solche Daten können missbraucht werden: Was Demografen als eine extreme Möglichkeit innerhalb einer Palette von Möglichkeiten gilt, erscheint dann als unumstößlich vorgezeichnete Entwicklung. Dabei leugnet Kistler weder, dass in Deutschland die Zahl alter Menschen künftig zunehmen wird, noch die Herausforderung, die das für die sozialen Sicherungssysteme bedeutet.

Doch führt der demografische Wandel schon bald zu einem spürbaren Mangel an Arbeitskräften? Von bis zu sieben Millionen fehlenden Erwerbspersonen ist die Rede. Laut Kistler gibt es dafür in den nächsten zwei Jahrzehnten keinen Hinweis: Der „Deutschland-Report“ (2006) der OECD prognostiziert bis 2030 sogar 2,3 Millionen Arbeitslose. Bis 2050 sollen die Zahl der potenziell Erwerbstätigen zwar um 7,3 Millionen auf 35,5 Millionen sinken, doch Produktivitätszuwächse und weitere Rationalisierungen können diesen langfristigen Rückgang teilweise ausgleichen. Zudem werden finanziell nicht mehr so gut gestellte Rentner vermutlich weniger Dienstleistungen und Güter und damit Arbeitskräfte nachfragen. Der immer wieder von Arbeitgeberseite beklagte „Fachkräftemangel“ oder „-bedarf“ ist Kistler zufolge empirisch kaum erfassbar.

Bedrohen alternde Belegschaften Deutschlands Produktivität und Innovationskraft? Die Hypothese vom automatischen Leistungsabbau im Alter ist überholt. Experten verweisen auf den Unterschied zwischen „fluider Intelligenz“ und „kristalliner Intelligenz“. Erstere steht für flexible, geschwindigkeitsabhängige Leistungen, die altersbedingt abnehmen, Letztere beschreibt eher den Erfahrungsschatz. „Dieses Potenzial kann mit dem Alter noch zunehmen“, sagt etwa die Arbeitsmedizinerin Gunda Maintz. Alles wird also darauf ankommen, die Arbeitswelt so zu gestalten, dass auch älter werdende Menschen darin zurechtkommen.

Vielfach wird der demografische Kollaps der Industriegesellschaften vorhergesagt. Diese Prognosen vernachlässigen aber zumeist das Anpassungsvermögen der Gesellschaften. Foto: dpa
Vielfach wird der demografische Kollaps der Industriegesellschaften vorhergesagt. Diese Prognosen vernachlässigen aber zumeist das Anpassungsvermögen der Gesellschaften. Foto: dpa
Ewig währender Untergang
Die Rente mit 67 Jahren löst Kistler zufolge keines der anstehenden Probleme. Vielmehr gehe es darum, Arbeitnehmer unter erträglichen Bedingungen bis zum 65. Lebensjahr zu beschäftigen, und sie nicht, wie heute üblich, deutlich früher in den Ruhestand zu verabschieden. Bis 2030 hat der Arbeitsmarkt bei weiterhin bestehender Arbeitslosigkeit ohnehin für länger arbeitende Menschen kaum Kapazitäten.

Die häufigste Befürchtung im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel lautet: je mehr Alte, desto höher die finanziellen Belastungen und Kürzungen bei denen, die im Erwerbsleben stehen. Ist die Überalterung der Gesellschaft also schuld an den leeren Kassen? Nein, meint Kistler. Anhaltend hohe Arbeitslosigkeit mit entsprechenden Steuerausfällen sowie immer mehr prekär Beschäftigte, die zur Finanzierung der Sozialkassen nichts beitragen können, seien Gründe für die schwierige Lage der öffentlichen Haushalte. Zudem wurde die deutsche Einheit in erheblichem Ausmaß mit Mitteln der Sozialversicherung bezahlt – zwischen 1991 und 1997 rund 283 Milliarden D-Mark. Dabei ist Kistler zufolge die Lage bis 2030 sogar günstig. Denn einem langsam steigenden Altenquotienten steht ein sinkender Jugendquotient gegenüber. Erst um 2030 wird dieser Gesamtquotient – auch Kinder und Jugendliche müssen von Erwerbstätigen versorgt werden – das Niveau von 1970 überschreiten. Dann werden auf zehn Personen im Erwerbsalter wieder mehr als sechs Personen im Nichterwerbsalter (Junge und Alte) treffen.

Nahezu alle Feuilletons beschwören inzwischen den bevorstehenden demografischen Kollaps der Industriegesellschaften. Kann man sich dem Thema Bevölkerung und demografischer Wandel nur noch in Form eines solchen Katastrophendiskurses nähern – als drohender Untervölkerung? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Historiker Thomas Etzemüller („Ein ewigwährender Untergang“, 2007). Ihm zufolge ist die Lage schon lange „dramatisch“. Die Prognosen der Jahre 1930, 1950 und 1990 ähneln sich auffallend: In 50 Jahren werde die Bevölkerung auf die Hälfte bis ein Drittel des jeweiligen Vorhersagejahres geschrumpft sein. Doch diese Prognosen sind bisher nicht eingetreten. „Wann kommt denn der Untergang, der seit 100 Jahren (. . .) angekündigt wird?“, fragt der Autor. Er skizziert zwei Modelle, die den Sachverhalt beschreiben: Eine nicht anpassungsfähige Gesellschaft setzt ausschließlich auf Fortschritt und Wachstum; folgt die demografische Entwicklung dem nicht, stört und durchkreuzt sie diese Wachstumsbewegung. Dem gegenüber akzeptiert eine anpassungsfähige Gesellschaft die demografische Entwicklung als nicht exakt vorhersagbar. Demografen liefern dann Alternativrechnungen, denen die Gesellschaft sich durch ständigen Umbau anpasst.

Wie in der Vergangenheit wird die Bevölkerung sich in Deutschland regional sehr unterschiedlich entwickeln. Der Osten Deutschlands verzeichnet nach 1990 und auch künftig einen deutlichen Bevölkerungsrückgang. Vor allem gut ausgebildete Frauen ziehen weg, weniger gut ausgebildete Männer bleiben und finden nur schwer eine Partnerin, mit der sie Kinder bekommen könnten. Dagegen steigt die Bevölkerungszahl in Hamburg, Bayern und Baden-Württemberg zunächst und soll 2050 etwa der des Jahres 2000 entsprechen; das Saarland und Nordrhein-Westfalen sollen in dieser Zeit rund zehn Prozent ihrer Einwohner verlieren. Einem Rückgang der Bevölkerung in den Industrieländern steht unterdessen ein globales Bevölkerungswachstum gegenüber, das gewaltige ökologische Probleme hervorgebracht hat. So rechnet der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg: „Pro Frau entfallen heute im Durchschnitt der Erdenbevölkerung (. . .) rund drei Kinder (. . .). Daraus ergibt sich sofort, dass die Kinderzahl pro Frau in Zukunft rasch fallen muss, weil sonst die gesamte Oberfläche des Planeten schon nach wenigen Generationen nicht genug Platz für alle hätte.“ Innerhalb von 20 Generationen kommt er auf knapp 20 Milliarden Menschen. Damit wird der Begriff der „optimalen Bevölkerungszahl“ fragwürdig. Ökologisch orientierte Naturwissenschaftler errechnen für mittel- und westeuropäische Verhältnisse eine kritische Obergrenze von 100 bis 120 Bewohnern pro Quadratkilometer. In Westdeutschland lebten 2000 auf einem Quadratkilometer 274 Menschen, in Ostdeutschland 140.

„Dreißig Jahre nach Zwölf“ war 2005 ein „Grundkurs Demografie“ der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ überschrieben. Kistler, Etzemüller und andere legen einen unaufgeregteren Umgang mit dem Thema nahe.
Christof Goddemeier
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1.
H. Birg: Die Weltbevölkerung. München, 2. Aufl., 2004.
2.
T. Etzemüller: Ein ewigwährender Untergang. Bielefeld 2007.
3.
E. Kistler: Die Methusalem-Lüge. München 2006.
4.
S. Kröhnert, F. Medicus, R. Klingholz: Die demografische Lage der Nation. München 2006.
1. H. Birg: Die Weltbevölkerung. München, 2. Aufl., 2004.
2. T. Etzemüller: Ein ewigwährender Untergang. Bielefeld 2007.
3. E. Kistler: Die Methusalem-Lüge. München 2006.
4. S. Kröhnert, F. Medicus, R. Klingholz: Die demografische Lage der Nation. München 2006.

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