ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2009Arztgeschichte: Der siebte Sinn?

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Der siebte Sinn?

Dtsch Arztebl 2009; 106(4): [168]

Dicke, Dorothee

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Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner
„Der ältere Herr ergriff ganz feierlich meine Hand, schüttelte sie und wünschte mir alles Gute für meine berufliche und private Zukunft.“

Manchmal geschehen Dinge, die man sich einfach nicht erklären kann. Und auch mit Abstand gesehen, glaubt man, dass irgendeine unbekannte Macht oder ein uns nicht bekannter siebter Sinn hier aktiv gewesen sein muss. Mir passierte so eine seltsame Geschichte während meines Pflegepraktikums, kurz nach Beginn des Studiums. Auf der Station des Krankenhauses, wo ich eingesetzt war, lag ein etwa 70-jähriger Patient, der aber noch sehr rüstig war. Er hatte eine Beinvenenthrombose und lag zu der Zeit am Heparinperfusor. Weitere Einzelheiten sind mir nicht mehr erinnerlich (was wahrscheinlich an meiner damaligen, noch reichlich eingeschränkten medizinischen Vorkenntnis lag). Für mich jedenfalls ergab sich der Eindruck eines nicht schwer kranken Patienten auf dem deutlichen Weg der Besserung. Keiner der behandelnden Ärzte oder Pflegekräfte machte sich Sorgen, er schien ein problemloser Fall zu sein.

In meiner Spätdienstwoche dann passierte es: Beim Abräumen der Tabletts für das Abendessen kam es wie so oft zu einem kleinen Plausch, der aber diesmal ganz anders endete. Statt des üblichen „Tschüss und bis morgen dann“ ergriff der ältere Herr ganz feierlich meine Hand, schüttelte sie und wünschte mir alles Gute für meine weitere medizinische und private Zukunft. Er hielt eine richtige Ansprache, die ich sehr bewegend in Erinnerung habe. Ich wiegelte verlegen ab und sagte: „Aber ich bin doch morgen Mittag wieder da, da sind Sie doch noch nicht entlassen, oder?“, woraufhin der Patient mir mit einem verschmitzten „Man weiß ja nie!“ antwortete. Er winkte mir durch die sich schließende Patientenzimmertür zu, während ich das immer schwerer werdende Essenstablett nun endlich auf dem Flur in den Geschirrwagen brachte. Nur kurz habe ich den Schwestern im Dienstzimmer das komische Verhalten des Herrn von Zimmer 21 erzählt, der sich so ganz offensichtlich offiziell von mir verabschiedet hatte, dann wurde die ganze Episode unter der Rubrik „manche Patienten sind eben komisch“ (obwohl er bisher zu dieser Sorte Patienten nicht gehörte) schnell wieder verdrängt.

Am nächsten Mittag kam ich etwas früher zum Dienst und fand die ganze Station in Aufruhr. Langsam zerstreute sich der Auflauf an Ärzten, Intensivpersonal und Schwestern, und auf meine Frage „Was war denn da los?“, entgegnete mir die Stationsschwester resigniert: „Herr . . . von Zimmer 21 ist tot. Schwester Gaby hat ihn leblos im Bett gefunden, und auch alle möglichen Reanimationsmaßnahmen haben nichts mehr genutzt. Er muss wohl plötzlich eine Lungenembolie bekommen haben. Heute Nacht und heute Morgen war jedenfalls noch alles in Ordnung.“

Sehr lange haben die Schwestern und ich nachfolgend noch sein „offizielles Abschiednehmen“ vom Vorabend diskutiert, hinreichend erklären konnte es jedenfalls niemand. Vielleicht haben manche Patienten doch eine gewisse Vorahnung vom nahenden Tod oder eben einen gewissen siebten Sinn?
Dr. med. Dorothee Dicke
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