ArchivDeutsches Ärzteblatt9/1996Alberto-Giacometti-Ausstellung in Rottenburg: „Wahrheit interessiert mich unendlich mehr“

VARIA: Feuilleton

Alberto-Giacometti-Ausstellung in Rottenburg: „Wahrheit interessiert mich unendlich mehr“

EX

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Schon im antiken Griechenland galt allein die Nachahmung als Kunst. Tausen-
de von Jahren später, im 20. Jahrhundert, verlieh der Schweizer Maler Alberto Giacometti (1901 bis 1966) diesem Kunstbegriff eine neue Bedeutung. Mit seinen Zeichnungen wollte er nichts kommentieren, sondern allein die Natur getreu abbilden. Der Kulturverein Zehntscheuer in Rottenburg zeigt in einer Ausstellung Ölgemälde, Zeichnungen, Grafiken und Plastiken des Künstlers. Die rund 70 Exponate aus der Sammlung Klewan in München geben einen Überblick über das Schaffen Giacomettis von den Vierzigern bis zu den Sechzigern. Max Ernst, Joan Miró, Hans Arp und Pablo Picasso waren Zeitgenossen Giacomettis. Er lernte sie im Paris der zwanziger Jahre kennen. 1930 zeigte eine Pariser Galerie Giacomettis Werke neben denen von Miró und Arp. Von 1926 bis 1934 schuf Giacometti post-kubistische und surrealistische Bilder. 1934 begann er wieder, nach der Natur zu zeichnen. Doch seine Arbeiten wurden weiter auf internationalen Ausstellungen zusammen mit surrealistischen Gemälden gezeigt.
"Er strebte danach, die Kunst, die in der Natur vorhanden ist, mit den Mitteln der Kunst aufzuspüren, das Verborgene freizulegen, um es dem Vergessen zu entreißen", sagte sein Freund und Biograph James Lord über Alberto Giacometti. Er wolle einfach das abbilden, was er sehe, sagte der Maler. "Kunst interessiert mich sehr – aber Wahrheit interessiert mich unendlich mehr." Er suchte Wahrheit in der Natur, und er versuchte, diese Wahrheit genau abzubilden. Giacomettis Leidenschaft war das Zeichnen. "Er zeichnete auf den Wänden seines Ateliers, seines Schlafzimmers, seiner Toilette. Er zeichnete auf den Seiten der Bücher, Zeitschriften und Zeitungen, die er gerade las, auf Papiertischdecken in Restaurants, auf alten Briefumschlägen, auf Pappkartons, auf Streichholzschachteln", berichtet James Lord. Giacometti "hätte tausend Jahre dabei verbringen können, dieselbe Sache zu zeichnen", ohne ihre Ausdrucksmöglichkeiten nur annähernd ausgeschöpft zu haben. Zufrieden mit seinen Arbeiten war Giacometti nie. Was ihm nicht gefiel, zerstörte er. Ein Teil dessen, was vor seiner Strenge bestand, ist voraussichtlich bis zum 17. März im Kulturverein Zehntscheuer in Rottenburg zu sehen: dienstags bis freitags von 15 bis 18, an Wochenenden und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. EX
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote