ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2009Griechenland: Gesundheitssystem ohne Perspektiven

POLITIK

Griechenland: Gesundheitssystem ohne Perspektiven

Neuber, Harald

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Im Dezember 2008 erschütterten schwere Unruhen Griechenland. Die Gründe liegen in einer verfehlten Sozialpolitik – mit Folgen auch für Ärzte und Patienten.

Als im Dezember eine Protestwelle Griechenland erfasste, dominierte zunächst ein einseitiges Bild die Berichterstattung. „Chaoten“ und „Krawallmacher“ seien es, die nach dem gewaltsamen Tod des 15-jährigen Schülers Alexandros Grigoropoulos in der Nacht zum 7. Dezember durch die Straßen gezogen seien. Nach und nach aber wurden die Hintergründe dieser spontanen Proteste publik: Griechenland leidet unter schweren sozialen Problemen, die in den vergangenen Jahren an Härte zugenommen haben. Besonders betroffen ist das Gesundheitswesen.

Fast ging in der Berichterstattung über die Proteste und nächtlichen Straßenschlachten eine andere Meldung unter: Ab Mitte Dezember drohten niedergelassene Ärzte in Griechenland, ihre Patienten nur noch gegen Barzahlung zu behandeln. Sie reagierten damit auf die kaum mehr vorhandene Zahlungsmoral der Krankenkassen. Diese schulden den Ärzten nach Medienberichten inzwischen 1,5 Milliarden Euro Honorar. Von dem Zahlungsrückstand betroffen sind auch Apotheken, private Labore und Medizinfirmen. Lieferanten warten auf Vergütungen von Krankenhäusern in Höhe von gut vier Milliarden Euro.

Spätestens seit der letzten grundlegenden Reform des griechischen Gesundheitswesens 1983 befindet sich das System in einer Dauerkrise. Ziel der Neugestaltung war es ursprünglich, eine einheitliche Versorgung in den städtischen und ländlichen Gebieten des Landes zu gewährleisten. Besonders außerhalb der Städte wurde von dem damals ins Leben gerufenen „Nationalen Gesundheitsdienst“ (ESY) ein Netz von Behandlungszentren errichtet. Knapp 200 dieser Gesundheitsstationen existieren bis heute. Mit ihnen sollte eine Grundversorgung, wenn auch auf niedrigem Niveau, für alle Bürger garantiert und der Privatisierung entgegengewirkt werden.

Weder damals noch in den folgenden Jahren wurde jedoch eine effiziente Finanzierung der staatlichen Gesundheitsversorgung erreicht. Die Kliniken der größten Sozialversicherungsanstalt IKA etwa – sie ist vergleichbar mit der deutschen AOK – bieten ihren rund 5,5 Millionen Mitgliedern einen schlechten Service und sind äußerst unbeliebt. Das bleibt nicht ohne Folgen: Nach Angaben der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) flossen bereits 2002 rund 47 Prozent der Gesamtausgaben für die Gesundheitsversorgung in Griechenland (9,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts) in den privaten Sektor. Es war die höchste Rate der damals noch 15 Mitgliedstaaten der Europäischen Union zuzüglich Israels. Auch das ist ein Grund dafür, dass die letzte große Gesundheitsreform Griechenlands nach 25 Jahren als gescheitert gilt.

Ärzteprotest: Bereits 2003 gingen in Griechenland die Krankenhausmitarbeiter auf die Straße, um ihre Forderungen nach höheren Löhnen durchzusetzen. Fotos: dpa
Ärzteprotest: Bereits 2003 gingen in Griechenland die Krankenhausmitarbeiter auf die Straße, um ihre Forderungen nach höheren Löhnen durchzusetzen. Fotos: dpa
Skandale und Korruption
Ein weiterer Grund ist das Missmanagement der Regierung. Kurz nach dem Amtsantritt des konservativen Ministerpräsidenten Kostas Karamanlis im Jahr 2004 erschütterte ein Finanzskandal seine Regierung. Mit Millionenbeträgen der IKA waren nicht nur Staatsanleihen aufgelegt worden, für den fragwürdigen Deal waren auch noch horrende Provisionen gezahlt worden.

Die Verluste in Höhe von mehreren Millionen Euro betrafen damals gleichermaßen die Rentenkassen wie die Etats für die Gesundheitsversorgung, die beide von der IKA verwaltet werden. Die katastrophale Situation im Gesundheitswesen lässt die Korruption gedeihen. Weil Tausende Planstellen für Ärzte und Pflegepersonal in den staatlichen Krankenhäusern angesichts der klammen Kassen nicht besetzt werden, gehören Bestechungsgelder zum Alltag. Wer einen guten Service oder einen raschen OP-Termin will, steckt dem behandelnden Arzt ein „Fakelaki“, einen kleinen Umschlag, mit Geldscheinen zu. Im Schnitt 500 Euro, schreibt der deutsche Griechenland-Korrespondent Gerd Höhler. Die Bestechlichkeit von Medizinern in staatlichen Krankenhäusern hat sich inzwischen zu einem ernsthaften Problem entwickelt.

Eine „soziale Erhebung“
Nachwuchsärzte, die sich gegen die unsittliche Praxis aussprechen oder Zahlungen ablehnen, werden von Kollegen zum Teil unter Druck gesetzt, weil sie mit ihrer Korruptionsverweigerung den lukrativen Nebenverdienst bedrohen. „Die Geburt eines Kindes in einem öffentlichen Krankenhaus zum Beispiel muss mit 1 000 Euro geschmiert werden“, berichtet Ellen Katja Jaeckel, die Leiterin des Athener Büros des Goethe-Instituts, in einem Interview über die auch im neuen Jahr andauernden Sozialproteste.

Doch auch ohne die Zahlungen sichern sich Klinikärzte ihren Verdienst. Wer in Griechenland im Krankenhaus vorstellig wird, wird oft am Nachmittag erneut in die Privatpraxis des behandelnden Arztes bestellt, um dort gegen Barzahlung behandelt zu werden.

Das hat auch Zachos Kamenídis erlebt. Er führt eine Klempnerfirma nahe Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt des Landes. Wie viele andere verweist auch er auf die verschleppten sozialen Probleme. „Die meisten Leute hier schlagen sich mit 600 oder 700 Euro durch“, sagt er. Vom Staat sei wenig zu erwarten. Für seine drei kleinen Kinder bekommt er im Monat 250 Euro Unterstützung. Als seine Frau das letzte Mal schwanger war, musste sie allein für eine Ultraschalluntersuchung in einer Privatpraxis 140 Euro bezahlen. In einem der staatlichen Krankenhäuser Thessalonikis war eine solche Untersuchung nicht zu haben.

Es sind solche Erfahrungen, die in Griechenland den zunehmenden Protest provozieren. Laut einer Umfrage sehen 60 Prozent der Bevölkerung in den jüngsten Demonstrationen eine „soziale Erhebung“. Die konservative Regierungspartei Nea Dimokratía (Neue Demokratie) hat zugleich erheblich an Rückhalt verloren. Nach Umfragen liegt sie inzwischen bis zu sechs Prozentpunkten hinter der linksliberalen PASOK, der zweiten großen Partei des Landes. Allerdings betrifft der Vertrauensverlust das gesamte politische System. Nach einer weiteren Umfrage der Zeitungen „Proto Thema“ und „Real News“ sind 37 Prozent der Griechen unentschlossen, wem sie im Fall der derzeit viel geforderten Neuwahlen ihre Stimme geben würden. Ein Rekordwert seit dem Sturz der Militärjunta 1974.

Die Arbeitslosenquote von rund 20 Prozent bei den 25- bis 30-Jährigen betrifft viele Akademiker. Besonders schwierig ist die Lage für Ärzte. Weil eine medizinische Karriere in Griechenland nach wie vor als Garantie für den sozialen Aufstieg gilt, ist der Andrang besonders groß. Die WHO bestätigt: Mit 4,5 Ärzten je 1 000 Einwohner hatte der Mittelmeerstaat schon 2001 eine der höchsten Arztdichten in der EU. Zugleich seien die Versuche gescheitert, mehr Krankenschwestern auszubilden.

Der Ansturm junger Mediziner auf die raren Stellen treibt seltsame Blüten. Nach dem Examen stürmen regelmäßig Hunderte fertige Medizinstudenten die Gesundheitsbehörden. „In Griechenland zählt nicht die Qualifikation bei der Vergabe von Ausbildungsstellen“, erklärt Maria Papadopoulos, „stattdessen wird nach Eingang der Anträge entschieden.“ Die Folgen sind lange Wartezeiten.

Ärzte gehen ins Ausland
„Ich hätte mich für meine Facharztweiterbildung in Gynäkologie zweieinhalb Jahre gedulden müssen, um das in Griechenland dafür zunächst vorgeschriebene Weiterbildungsjahr in Allgemeinchirurgie absolvieren zu können“, sagt die junge Ärztin. Danach hätte sie noch einmal zwei Jahre warten müssen, um die restlichen vier Jahre Weiterbildung in der Frauenheilkunde abzuleisten. Papadopoulos arbeitet inzwischen wie viele griechische Nachwuchsärzte in Deutschland. „In meinem Flugzeug nach Deutschland saßen vier Kommilitonen aus meinem Jahrgang“, erinnert sich Papadopoulos. Allein in deutschen Krankenhäusern kenne sie inzwischen etwa 20 griechische Assistenzärzte.

Ausländische Beobachter weisen auf den sozialen Sprengstoff hin, den solche Fehlentwicklungen bergen. „Noch nie war eine Generation so gut ausgebildet wie die heutige Jugend“, meint Jaeckel vom Goethe-Institut. „Und noch nie waren die Zukunftsaussichten so schlecht.“ Die Lösung sei allein ein korruptionsfreies System mit guten und gerechten Zukunftschancen, so Jaeckel gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Focus“. Auch Papadopoulos hält die Korruption für eines der Hauptprobleme. Sie kenne mehrere Fälle, in denen angehende Ärzte das Physikum umgangen hätten, weil sie die richtigen Kontakte gehabt oder Bestechungsgelder gezahlt hätten. „Am Ende bleibt ein Gefühl der Verbitterung“, sagt sie. Zwar habe sie ohnehin einen Teil ihrer Assistenzarztzeit im Ausland verbringen wollen, „aber es ist traurig, dass ich dazu gezwungen werde, weil mir meine Regierung keine Ausbildung in meiner Heimat bieten kann“.
Harald Neuber
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