ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2009Medikamentenmissbrauch im Freizeitsport: Muskeln auf Pump

POLITIK

Medikamentenmissbrauch im Freizeitsport: Muskeln auf Pump

Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Keystone
Foto: Keystone
Weil ich ein breiteres Kreuz haben will, nehme ich sie, und weil die Mädels drauf stehen“, sagt ein 14-Jähriger. Ein 15-Jähriger zuckt in dem Kurzfilm von Michael Sauer, Manfred-Donike-Institut für Dopinganalytik der Deutschen Sporthochschule Köln, nur die Achseln: „Nee, ich mache es nur für mich selbst – und für die Ausstrahlung.“ Die Jungen sprechen über die Einnahme von Anabolika durch Jugendliche in Fitnessstudios.

Sauers Film über einen Kölner Jugendclub, in dem nach Aussagen der dort Trainierenden mehr als 90 Prozent der männlichen Jugendlichen Wachstumshormone einnehmen, zeigt zwar ein Extrembeispiel. Doch er markiert gleichzeitig einen alarmierenden Trend: Es gibt Doping nicht nur im Spitzensport, sondern auch zunehmend im Freizeit- und Breitensport. Mehr und mehr Menschen sehnen sich nach Bewunderung und Respekt, die sie für wachsende Muskelberge zu bekommen meinen. Nach Schätzungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung greifen mittlerweile zwischen drei und fünf Prozent der Jugendlichen zu medizinisch nicht notwendigen Medikamenten, um den eigenen Körper vermeintlich attraktiver und leistungsfähiger zu machen. Gravierende Nebenwirkungen sind die Folge.

„Die Selbstzerstörung von Jugendlichen“
Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium will nun eine öffentliche Debatte über den Medikamentenmissbrauch Jugendlicher im Freizeit- und Breitensport anstoßen. Ende November 2008 lud Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt deshalb zu einer Diskussionsveranstaltung über diese Form des Medikamentenmissbrauchs durch Jugendliche in ihr Ministerium ein. „Sport soll guttun. Durch die Einnahme leistungsfördernder Substanzen wird jedoch das Gegenteil erreicht“, sagte Schmidt. Die Thematik sei zwar noch nicht im Bewusstsein der Gesamtbevölkerung angekommen, in den Kommunen werde sie durch den Deutschen Olympischen Sportbund jedoch bereits diskutiert. Besonders gefährlich sei es, dass bereits Heranwachsende diese Substanzen konsumierten. „Wir können das nicht hinnehmen“, betonte Schmidt. „Kein Schönheitsideal, kein äußerliches Image rechtfertigt die Selbstzerstörung von Jugendlichen.“

Dr. med. Carsten Boos, Facharzt für Orthopädische Chirurgie im schweizerischen St. Gallen, schätzt, dass rund 200 000 Jugendliche Anabolika im Freizeitsport konsumieren. „Sie nennen es ,Kur‘ und nehmen verschiedene Präparate kombiniert über einen Zeitraum von sechs bis acht Wochen ein“, erklärt er. Durchschnittlich würden sich die Jugendlichen zwei Einnahmezyklen unterziehen – meist bestehend aus Anabolika einerseits und Diuretika andererseits, die den Körper entwässern und die Muskeln deutlich unter der Haut abzeichnen lassen.

Schwarzmarkt in Form der organisierten Kriminalität
Boos befragte über Jahre hinweg in mehreren deutschen Bundesländern mehr als 450 Frauen und Männer in 58 kommerziellen Sportstudios zu Dopingmitteln. 22 Prozent der Männer und acht Prozent der Frauen gaben an, anabolwirkende Substanzen zu nehmen. Die Folgen: Akne, Hautrisse, übermäßiges Schwitzen, Gelenkschmerzen, erhöhte Reizbarkeit. Davon berichteten auch die Jugendlichen in Sauers Film ganz offen. Aber bereits schon eine einmalige „Kur“ kann zu einer verminderten Spermienproduktion des Hodens und zu Herzmuskelschäden bis hin zum Herzversagen führen.

In der Vergangenheit deckten oftmals Krankenkassen den illegalen Handel mit Dopingmitteln auf. So wurde beispielsweise ein Fall durch die DAK bekannt, bei dem auf den Vordrucken eines Zahnarztes Genotropin, ein Wachstumshormon für Kinder, mehrfach im Wert von jeweils 5 500 Euro verschrieben worden war. Obwohl die Patienten keine Kinder waren und dieses Medikament sonst nie von Zahnärzten verordnet wird, hatten es die Apotheken herausgegeben.

Heutzutage suchten Jugendliche jedoch meist keine Apotheke mehr auf, um an Anabolika zu gelangen. Der Schwarzmarkt in Form der organisierten Kriminalität blühe, bestätigte Boos. Zahlreiche Internetseiten bieten die verbotenen Mittel an. Die Bezahlung läuft über Kreditkarte, der Versand per Post. Eine „Kur“ ist für etwa 400 Euro zu haben.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema