ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2009Zwei Jahre „Hammerexamen“: Ruhe nach dem Sturm

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Zwei Jahre „Hammerexamen“: Ruhe nach dem Sturm

Meißner, Marc

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Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne
Die zweite Ärztliche Prüfung (M2), von Studierenden als „Hammerexamen“ bezeichnet, findet seit Herbst 2006 statt. Vor der Einführung protestierten Studierende und Standesorganisationen, doch heute scheint die M2-Prüfung etabliert zu sein.

Vor gut zwei Jahren mussten Medizinstudierende erstmals das sogenannte Hammerexamen ablegen. Dieser zweite Abschnitt der Ärztlichen Prüfung (M2) findet nach dem praktischen Jahr (PJ) statt und ersetzt die vorherigen drei Staatsexamen.

Bundesweite Demonstrationen, Petitionen und Unterschriftenaktionen – mit allen Mitteln protestierten Medizinstudierende, Marburger Bund und Bundes­ärzte­kammer gegen die Einführung des Hammerexamens. Sie forderten eine Splittung in eine schriftliche Prüfung vor und eine mündliche, praxisorientierte Prüfung nach dem PJ. Doch ohne Erfolg: Im Oktober 2006 fanden die ersten M2-Prüfungen statt. Fast jeder Zehnte bestand nicht. Verglichen mit dem vorherigen zweiten Staatsexamen war die Durchfallquote doppelt so hoch. Bei Studierenden, die in der Regelstudienzeit die Prüfung ablegten, stieg sie sogar auf das Fünffache.

Zwei Jahre und vier M2-Prüfungen später hat sich die Aufregung um das „Hammerexamen“ gelegt. Die Studierenden haben sich mit der neuen Prüfungssituation arrangiert. Die Fachliteratur hat die neuen Fragetypen aufgenommen und sich den neuen Inhalten angepasst. Zahlreiche kostenpflichtige und universitätsinterne Repetitorien werden angeboten, in denen das notwendige Wissen in geballter Form wiederholt werden kann. Das spiegelt sich auch in den Durchfallquoten wider: Nur fünf Prozent der Teilnehmer schafften im Herbst 2008 die Prüfung nicht, was dem Niveau vor der Einführung der M2-Prüfung entspricht.

„Das Hammerexamen hat sich nicht als Hammer erwiesen“, sagt Dipl.-Psych. Prof. Dr. med. Jürgen Neuser, Direktor des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen. Allerdings schnitten Studierende mit höheren Semesterzahlen bei der M2-Prüfung etwas schlechter ab, als bei den vorherigen Examen, während Studierende, die in der Regelstudienzeit zur Prüfung anträten, sich verbessert hätten. Neuser führt dies auf die geänderte Approbationsordnung zurück. „Die Fakultäten haben einiges geleistet, um die Aprobationsordnung umzusetzen und die Studenten auf die klinischen Bezüge in der Prüfung vorzubereiten.“ Davon könnten Studierende mit höheren Semesterzahlen noch nicht so profitiert haben wie ihre Nachfolger.

Auch vonseiten der Bundes­ärzte­kammer und des Marburger Bundes gibt es derzeit wenig Kritik am Hammerexamen. Eine Splittung wird nicht mehr unbedingt befürwortet. „Wir sind hin und her gerissen“, berichtet Patrick Weinmann, Vorsitzender des Sprecherrats der Medizinstudenten im Marburger Bund. „Beide Varianten haben ihre Vor- und Nachteile.“ Die derzeitige Regelung der M2-Prüfung sorge beispielsweise für mehr Flexibilität bei der Wahl eines Ausbildungskrankenhauses für das PJ, betont Weinmann. Bei einer Splittung der Prüfung, mit einem Examen vor dem PJ, würden diese Plätze notenabhängig vergeben werden. „Viele Dozenten sind allerdings eher für eine Splittung“, sagt Weinmann. Denn seit dem Hammerexamen kommen die Studierenden oft mit schlechteren Kenntnissen in die Klinik. Ohne eine umfangreiche Prüfung vor dem PJ – wie früher mit dem zweiten Staatsexamen – müssen die Studenten nicht mehr sämtlichen theoretischen Stoff des Studiums wiederholen. Einige Fakultäten haben darauf schon mit PJ-Eingangsprüfungen reagiert: Die Universität Regensburg führte beispielsweise einen schriftlichen Test vor dem PJ ein, während an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg eine mündlich-praktische Prüfung verlangt wird.

Darüber hinaus richtet sich die Kritik an der M2-Prüfung hauptsächlich gegen die Aufgabenstellung. Weinmann kritisiert, die Prüfungsinhalte seien oft wenig praxisorientiert, und manches Thema werde auf Facharztniveau abgefragt. „Es ist tatsächlich so, dass Kliniker das eine oder andere, mit dem sie täglich konfrontiert werden, für examensrelevant halten, was zu fachspezifisch ist“, räumt Neuser ein. Aber man sei sensibilisiert für dieses Problem und bemüht, solche Fragen nicht in die Prüfung zu nehmen. „Diese Kritik kommt auch dadurch zustande, dass die Sachverständigen, die die Fragen stellen, täglich mit Sachverhalten umgehen, die noch nicht in den Lehrbüchern enthalten sind“, erklärt Neuser. „Darauf versuchen wir natürlich Rücksicht zu nehmen.“

Trotz des Hammerexamens bestanden im Herbst 2008 95 Prozent der Teilnehmer. „Unsere Medizinstudierenden sind sehr gut“, so Neuser. „Bei den Regelzeit-Studierenden liegt die Durchfallquote bei gerade mal ein Prozent.“ Dr. rer. nat. Marc Meißner
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