

Das Café „Nosztalgia“ wird seinem Namen gerecht, innen wie außen: Weinlaub rankt an einem alten Gemäuer hoch, das den Hof begrenzt, die Stühle sind aus schwerem Eisen, weiß gestrichen und mit Blumen verziert. Balkone, Gänge und Gewölbe bilden den Rahmen dieses traditionsreichen Restaurants. Tibor Elias schenkt ein zweites Glas Tokajer ein und schmettert mit markanter Stimme ein fröhliches „Egészegére... Prost!“ Tibor, der singende Wirt, war in jüngeren Jahren ein gefeierter Operntenor, sein Lokal ist einer der beliebtesten Treffpunkte im Herzen der Künstlerstadt Szentendre, eine halbe Autostunde von Budapest entfernt.
Imre Szakasz, ein renommierter Maler, setzt sich an unseren Tisch und bestellt ein Stück jener Torte, für die das „Nosztalgia“ berühmt ist. Das Rezept verrät der Lokalbesitzer nicht. Klar ist nur, dass sie viel Marzipan enthält, Kirschen, dicke Sahne und manchmal, wenn Tibor seine Stamm- und Ehrengäste selbst bedient, auch noch einen Schuss Obstler. Szakasz, der Leiter des Vereins „Künstlerkolonie“, war gerade beim Bürgermeister, um mit ihm zu besprechen, wie das Niveau der Souvenirläden an der Touristenmeile angehoben werden kann: mehr ambitionierte Kunst, weniger austauschbarer Kitsch, das wünschen sich hier alle.
Szentendre, ungarisch für Sankt Andreas, heute ein liebenswertes und an manchen Sommerwochenenden arg überlaufenes Städtchen, ist alt, sehr alt. In allen Ecken findet man ein Stück Geschichte: Die Türken kamen und gingen, und als sie im 17. Jahrhundert n. Chr. auch Belgrad erobert hatten, flüchteten Tausende Serben nach Szentendre, bauten Häuser wie zu Hause und einen eigenen Dom. Einwanderer aus Bosnien und Dalmatien hatten ihre eigenen Viertel. Um 1750 stellten griechische Kaufleute, wohlhabender als alle Immigranten vor ihnen, mit ihrem orthodoxen Gotteshaus eine der schönsten Rokokokirchen des Landes an den Hauptplatz.
Die Auslagen der kleinen Geschäfte bersten vor kulinarischen Köstlichkeiten und anderen Mitbringseln: Paprika in allen Rottönen, meterweise Salami, Trachtenpuppen und Csardasfürsten, gemalt, geschnitzt und aus Ton geformt.
Aber was hat die Maler, was hat die vielen anderen Künstler schon vor gut 80 Jahren nach Szentendre gezogen? Wie ist in diesem Städtchen eine Künstlerkolonie entstanden, die heute zu den anerkanntesten in ganz Europa zählt?
Künstlerkolonie
Szentendre:
Orte wie das Café
„Nosztalgia“
(rechts) und die
„Kunstmühle“ mit
ihren Galerien, in
denen Maler wie
Imre Szakasz (links)
ihre Werke ausstellen,
prägen den
Charme des Städtchens.
Fotos: Bernd Schiller
Er ist heute 75 Jahre alt und freut sich darüber, wie gut Szentendre inzwischen mit der europäischen Kunstwelt vernetzt ist. „EuroArt“ heißt die Vereinigung der Künstlerkolonien aus 21 Ländern, vier davon in Ungarn, 16 in Deutschland. Man tauscht sich aus, besucht sich, veranstaltet gegenseitige Ausstellungen. Imre Szakasz, Vizepräsident dieser Vereinigung, arbeitet meistens in aller Ruhe in seinem Atelier in der eigentlichen Künstlerkolonie. Diese versteckt sich hinter dicken Mauern am Stadtrand vor dem Lärm auf der Touristenmeile.
In der „Kunstmühle“ hingegen und in vielen kleinen Galerien und Werkstätten freuen sich Maler wie Pal Deim (in der Paprikabiro-straße), die Keramiker Terez Urban und Laszlo Borsody (in der Kigyo-straße) oder die Weberin Anna Pauli (am Bükkös-Part) über interessierte Gäste. Natürlich trifft man das bunte Völkchen bei Tibor, dem Tenor und Tortenmeister. Und erst recht bei Attila Eckensberger, dem Hausherrn im „Korona“ am Föter, dem Platz im Herzen der Stadt.
Die Künstler lieben ihren Attila. Der Wirt ist ihnen ein vielfältiger Förderer, würzt Vernissagen mit pfeffrigen Häppchen, füttert auch schon mal mittellose Maler durch, vermittelt hier ein Bild und dort eine Plastik an einen Käufer oder Galeristen aus Budapest. Und weil dieser Attila ein weites Herz hat und heute sogar den Journalisten ins Künstlervolk eingemeindet, geht mein Palinka, das Schnäpschen, das man in Ungarn stets vor dem Essen trinkt, an diesem Abend auf seine Rechnung.
Bernd Schiller
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