ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2009Morbi-RSA: Gerangel um „korrekte“ Codierung

POLITIK

Morbi-RSA: Gerangel um „korrekte“ Codierung

Meißner, Marc

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Auf gesetzwidrige Weise beschaffte Daten werden nicht berücksichtigt. Josef Hecken, Präsident des Bundesversicherungsamts Foto: Becker & Bredel
Auf gesetzwidrige Weise beschaffte Daten werden nicht berücksichtigt. Josef Hecken, Präsident des Bundesversicherungsamts Foto: Becker & Bredel
Mit der Einführung des Gesundheitsfonds werden die Beiträge der GKV-Versicherten morbiditätsabhängig verteilt. Dies macht nicht nur kranke Mitglieder für die Kassen interessanter, sondern setzt auch Anreize, Patienten kränker zu machen, als sie sind.

Seit diesem Jahr erhalten die Krankenkassen für jeden Versicherten eine Kopfpauschale aus dem Gesundheitsfonds. Um höhere Behandlungskosten auszugleichen, wird für 80 Erkrankungen ein Zuschlag aus dem morbiditätsorientierten Risiko­struk­tur­aus­gleich (Morbi-RSA) gezahlt. Damit für einen Versicherten Ausgleichzahlungen fließen, muss über einen Zeitraum von zwei Quartalen eine entsprechende Diagnose vorliegen.

So bemühten sich die ersten Krankenkassen schon Ende letzten Jahres um eine „Nachcodierung“ ihrer Versicherten. „Kassenvertreter versuchen, Ärzte zu ködern, um Diagnosen zu korrigieren. Das kann Ärzte zu Fehldiagnosen verleiten“, befürchtet Dr. med. Andreas Köhler, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. In Niedersachsen besuchten etwa Vertreter der AOK Ärzte in ihren Praxen und baten sie, die Diagnose von einzelnen Patienten zu überprüfen. Dies wurde nach Angaben der Kasse mit zehn Euro je Patientenakte belohnt. „Dabei ging es uns um die korrekte Codierung der Patienten“, betont Klaus Altmann, Sprecher der AOK Niedersachsen.

Den Vorwurf des sogenannten Upcoding, das möglichst hohe Einstufen von Patienten, weist Altmann zurück. „Fehlerhafte Codierungen wurden sowohl in die eine als auch in die andere Richtung geändert.“

Das Bundesversicherungsamt (BVA), zuständig für die Verteilung des Morbi-RSA, verurteilt ein solches Vorgehen jedoch grundsätzlich. „Krankenkassen dürfen schon aus datenschutztrechtlichen Gründen bei den Ärzten keine Daten für den Morbi-RSA erheben“, sagt BVA-Sprecher Theo Eberenz. Denn um Ärzte zur Überprüfung bestimmter Patientenakten auffordern zu können, müssen sie Daten über die Patienten gesammelt haben, auf die die Kassen nach Ansicht des BVA nicht zugreifen dürften. So wurden etwa der DAK entsprechende Initiativen zur Überprüfung der Diagnose vom BVA untersagt.

Die regionalen Krankenkassen unterstehen aber nicht wie die bundesweit agierenden Kassen der Aufsicht durch das BVA, sondern der der jeweiligen Landesbehörde. In Niedersachsen fand diese das Vorgehen der AOK Niedersachsen nicht rechtswidrig. Doch gerade diese uneinheitliche Rechtsauffassung kann zu einer verzerrten Verteilung des Morbi-RSA führen. Eine gleichmäßige Zunahme an Morbi-RSA-relevanten Diagnosen bei allen Kassen würde „lediglich zur Verwässerung der Erkrankungszuschläge führen und im Gesamteffekt ein Nullsummenspiel bleiben“, erklärt Dr. Thomas Grobe vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannover. „Kassen- oder regionalspezifisch forcierte Diagnoseerfassungen führen hingegen zu ungleichen und im Sinne des Morbi-RSA nicht beabsichtigten Verteilungen.“

In Bayern wird diese Situation mittlerweile genutzt, um Druck auf die Kassen auszuüben. Dr. med. Wolfgang Hoppenthaller, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbands e.V., ruft in einem Rundschreiben an seine Kollegen dazu auf, „derzeit ausschließlich für die AOK die Codierung“ zu prüfen. Hintergrund: Nur mit der AOK hat der Bayerische Hausärzteverband bisher einen Hausärztevertrag geschlossen. Dadurch wird nicht nur der AOK Bayern ein Wettbewerbsvorteil eingeräumt, sondern ebenso Druck auf die anderen Kassen ausgeübt, entsprechende Hausarztverträge abzuschließen. „Die Codierung ist nicht Bestandteil des Vertrags mit dem Bayerischen Hausärzteverband“, stellt Michael Leonhart, Sprecher der AOK Bayern, den Sachverhalt klar. Dennoch sieht der Vertrag wohl ab dem zweiten Quartal 2009 eine höhere Zahlung für entsprechend codierte Patienten vor. „Jeder Patient, den Sie als RSA-Patienten mehr identifizieren, bringt mehr Honorar“, schreibt Hoppenthaller in seinem Rundbrief an die Kollegen.

Der Präsident des Bundesversicherungsamts, Josef Hecken, kündigte an, dass „Daten, von denen wir annehmen, dass sie auf gesetzwidrige Weise beschafft wurden, nicht im Morbi-RSA“ berücksichtigt würden. „So stellen wir sicher, dass sich keine Krankenkasse ungerechtfertigte Vorteile zulasten der anderen Kassen verschaffen kann.“
Dr. rer. nat. Marc Meißner
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema