SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Viel Schmerz

Dtsch Arztebl 2009; 106(5): [136]

Böhmeke, Thomas

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Unsere Mitbürger mit Migrationshintergrund stellen mich mitunter vor Probleme, insbesondere wenn meine äußerst reduzierten, sprich nicht vorhandenen externen Sprachkenntnisse auf etwas eingeschränktes deutsches Vokabular treffen. Die Konversation gleicht dann eher dem Versuch, eine Koronarstenose mittels Blasenkatheter zu dilatieren. „Schlecht Luft!“ ist schon eine relativ exakte Beschreibung des Problemkreises Dyspnoe, wobei die NYHA-Stadien noch definiert werden müssen. Bevor nun weitergehende differenzialdiagnostische Betrachtungen wie ein VaskulitisScreening erfolgen, ist auch an stickige Luft im Sprechzimmer, hervorgerufen durch obstruktive Arbeitsbedingungen in deutschen Arztpraxen, zu denken. Einfaches Lüften sowie die Suche nach geeigneten ausländischen Arbeitsplätzen wäre hier der Bronchoskopie therapeutisch vorzuziehen. „Viel viel Schmerz!“ lässt den diagnostischen Blick über jede marode Körperregion schweifen, aber bevor man den Patienten auf die Intensivstation verfrachtet, denke man auch an chronische Verzweiflung über das Amtsdeutsch von Einbürgerungsanträgen – eine mitfühlende Bemerkung wie „Mich bringen die Bürokraten auch zur Strecke“ wirkt in solchen Fällen gezielter als eine Alteplaselyse. „Herz bumm bumm, du verstehn?“ fächert die Problematik zwischen ventrikulärer Extrasystolie und persistierendem Vorhofflimmern auf. Es kann aber auch sein, dass die- beziehungsweise derjenige von akuter Verliebtheit betroffen ist. Diesen erfreulichen Zustand mit einer Kardioversion zu bekämpfen, wäre nicht in vollem Umfang leitliniengerecht.
Je eingeschränkter die Kommunikation, desto mehr ärztliches Fingerspitzengefühl ist gefragt. Mit mir wäre in einer vergleichbaren Situation, also wenn im Ausland befindlich, aufgrund fehlender Sprachkenntnisse kaum eine geordnete Verständigung möglich. Was mich allerdings nicht davon abhält, in die Ferne zu reisen. Die Wahrscheinlichkeit, dort auf einen deutschen Kollegen zu treffen, wird immer größer, weil die ärztliche Auswanderungswelle anhält. Wegen dicker Luft und viel Schmerz durch obstruktive Arbeitsbedingungen in Deutschland.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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