ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2009Glosse Honorarreform: Die Versammlung

POLITIK

Glosse Honorarreform: Die Versammlung

Posth, Rüdiger

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LNSLNS Dr. med. Rüdiger Posth, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin

Als stiller Beobachter gelangte ich irgendwie in eine Versammlung von Ärzten, die im Festsaal einer Gaststätte schweigend beieinandersaßen. Einer von ihnen hob vorne auf dem Podium zu sprechen an und brachte einen Kauderwelsch aus Wortungetümen hervor. Eines davon, das dieser Mann ständig nannte, lautete Regelleistungsvolumen und in der Mehrzahl Regelleistungsvolumina. Ich fragte den Arzt, der neben mir saß: „Was bedeutet das? Worüber spricht der Mann da vorne?“ Mein Nachbar seufzte und sagte bitter: „Das ist die Formel für unser neues Honorar.“

Der Mann am Katheder sprach davon, dass das Morbiditätsrisiko jetzt an die Kassen zurückgehe, er aber noch nicht genau wisse, ob das auch wirklich stimme. Vielleicht sei es ja auch wieder nur eine Mogelpackung. Auch sagte er, dass jetzt ein kranker Mensch seiner Krankenkasse mehr Geld einbringe als ein gesunder. Bisher dachte ich immer, genau umgekehrt sei es richtig. Und . . . was hat das alles mit dem Honorar für die Ärzte zu tun?

Plötzlich meldete sich ein Arzt aus der schweigenden Gruppe und sagte wie ein braver Pennäler zunächst nichts. „Wollen wir eine Frage zulassen? Ja, bitte“, rief der Mann vorne am Pult mit perfekt gespielter Freundlichkeit. „Wie kann ich extrabudgetäre Leistungen im Regelleistungsvolumen unterbringen, wenn ich mein Maximum im Quartal nicht erreiche? Geht das überhaupt?“ Es schien, als hätten alle Ärzte bei dieser Frage Tränen in den Augen. Oder spiegelte sich nur das Licht des Saales auf ihrer Regenbogenhaut?

„Machen Sie sich nicht zu viel Hoffnung mit den extrabudgetären Leistungen“, warnte die Stimme des Mannes vor der unbenutzten Leinwand, auf die ein kaputter Beamer links oben in die Ecke zwei schwer erkennbare Buchstaben projizierte: KV. „War der Punktwert für das Extrabudgetäre vorher etwa 4,75 Cent, ist er jetzt dem allgemeinen Punktwert angeglichen, also 3,5001 Cent. Sie bekommen zwar ein paar Punkte mehr für Ihre Leistung, aber die frisst die Punktwertabsenkung.“ In einem Horrorfilm wäre jetzt wohl ein schauriges Gelächter erklungen, stattdessen hörte ich ein leises Schluchzen von links.

Ich verstand nicht ganz, an welchem Punkt der Besprechung die Versammlung jetzt angekommen war. Wieder wandte ich mich an meinen rechten Nachbarn, der offenbar noch seiner Stimme mächtig war, und fragte ihn, was sie eigentlich für Ärzte wären, die für Punkte arbeiteten statt für Geld. „Wir sind Kassenärzte“, raunte er mir zu, so als fände hier eine Verschwörung statt.

Ein Arzt rief plötzlich ängstlich: „Bekommen wir Fälle, die über der Durchschnittsfallzahl der Fachgruppe in unseren Praxen abgerechnet werden, noch vergütet?“ „Jein“, sagte jetzt der gewitzte Lehrmeister am Katheder. Ich wunderte mich über die unbestimmte Antwort auf die klar gestellte Frage, gestand mir aber ein, die Frage nicht ganz verstanden zu haben.

„Bis 150 Prozent Ihres Fachgruppendurchschnitts können Sie mit dem Fallwert abrechnen, wenn Sie Ihr Regelleistungsvolumen aufgefüllt haben. Dann wird der Fallwert abgestaffelt, bis er schließlich null beträgt.“ Ein Fallwert ist null? Heißt das, der Arzt bekommt dafür nichts?, fragte ich mich. Das ist doch nur etwas für Ehrenamtliche. Und dann beschlich mich eine Ahnung. Ja richtig, es sind alles Kassenärzte, und jede Kasse ist (nun) einmal leer.

Plötzlich erschallte eine aufgeregte Stimme. Ich war völlig überrascht, dass es so viel Temperament in der Gruppe gab. „Sie können doch nicht den Punktwert immer weiter herunterfahren, ich arbeite doch dafür, und ich arbeite nicht immer weniger!“ „Halt!“, ereiferte sich jetzt der Mann am Pult. „So nicht! Wir wollen doch nicht die Beherrschung verlieren!“ Alle zuckten zusammen, so als wollten sie sagen: Ja, so nicht, wir sind doch alle miteinander vollkommen beherrscht. Und dann senkte sich wieder das Schweigen über die Häupter.

„Um es Ihnen klar zu sagen, und darauf können Sie mich festlegen, Sie bekommen Ihr Geld bei der Verrechnung eines Tages wieder, nur weiß heute noch keiner, wann das und wie viel das ist.“ „Wie viel könnte das denn sein?“, entfuhr es einem gebückt auf seinem Stuhl kauernden Mann, der sich, kaum dass er die Worte ausgesprochen hatte, die Hand voller Scham vor den Mund hielt. „Zehn Prozent“, donnerte die Stimme des Zeremonienmeisters am Kopfende des Saals, „zehn Prozent vom eigentlichen Punktwert, das macht 0,35 Cent, aber nur, wenn noch etwas übrig bleibt von nicht ausgezahlten Volumina!“ Und als es einem im Saal entfuhr: „Das ist aber nicht viel“, lautete die Antwort nicht ohne ironischen Unterton: „Mehr als nichts!“ Wie die Kassenärztewelt geworden sei, habe er – der Lehrmeister – nicht zu verantworten. Die Ärzte seien zu leichtfertig mit den finanziellen Ressourcen umgegangen, er wolle jetzt aber keine Fachgruppen nennen. „Wir nicht“, hörte ich es plötzlich aus mehreren Ecken raunen, „wir nicht.“

„Und was ist mit den Vorsorgen“, traute sich eine Ärztin zu fragen. „Gut, dass Sie das ansprechen“, sagte der Zahlenprofessor vorne, „die Vorsorgen können Sie außerhalb Ihrer Budgets abrechnen, allerdings zum jetzt abgesenkten Punktwert. Die Punktwerterhöhung wirkt sich also nicht aus. Im Gegenteil, die einzelne Vorsorge ist weniger wert. Aber impfen Sie, impfen Sie, was das Zeug hält. Die Gelder kommen aus einem völlig anderen Topf.“ Topf, schoss es mir durch den Kopf, was für ein Topf, wird hier etwa auch zusammen gekocht?

„Was ist mit den Sonos, wie viele dürfen wir abrechnen und zu welchem Punktwert?“ Die Frage wirkte merkwürdig unschuldig, kam aber wie zur rechten Zeit. „Bei den Fachärzten in der Pauschale drin, die Hausärzte können Zusatzpunkte sammeln, je nach Fallzahl, also Vorsicht, werden es zu viele, kommt die Plausi-Prüfung in die Praxis.“ Sie hatten offenbar an alles gedacht. Plausi klang niedlich, aber was war das nun wieder? Plausi klang, so befand ich, ein wenig nach Wachhund. Ich beschloss also, dass Plausi eine Art Rottweiler ist. Wahrscheinlich freute es den Chef, weil er alle im Saal rechtzeitig vor dem Zubiss gewarnt hatte und damit aus dem Schneider war.

Das Ganze hier schien mir langsam eine Prüfung für alle zu sein, jedenfalls wechselten sich jetzt leises Seufzen und tiefes Schweigen regelmäßig ab, und hin und wieder erlauschte ich auch ein Stöhnen. Als die Sitzung beendet war und alle Ärzte einen Barcode in herumgereichte Listen geklebt hatten (was war das schon wieder?), begann vor der Tür ein wildes Durcheinanderreden, und hier und da hörte ich auch jemanden laut fluchen. Wenn das jetzt nicht zu viel der Ereiferung war!
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