ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2009Medizinische Rehabilitation: Harte Zeiten für Rehakliniken

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Medizinische Rehabilitation: Harte Zeiten für Rehakliniken

Hibbeler, Birgit

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Ausdauer ist gefragt: Kliniken, die die Krise überstehen, können langfristig aufatmen. Bis 2020 wird die Nachfrage nach Reha steigen – allein schon demografiebedingt. Foto: Fotolia
Ausdauer ist gefragt: Kliniken, die die Krise überstehen, können langfristig aufatmen. Bis 2020 wird die Nachfrage nach Reha steigen – allein schon demografiebedingt. Foto: Fotolia
Die Wirtschaftskrise und der Gesundheitsfonds wirken sich auch auf die Rehabilitation aus. Ab 2010 wird sich die Lage vieler Kliniken deutlich verschlechtern – so die Prognose des Reha-Rating-Reports.

Noch bis vor Kurzem hatten die Rehakliniken allen Grund dazu, positiv in die Zukunft zu blicken. Mit dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz wurden Rehabilitationsleistungen zu Pflichtleistungen der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV), die Zahl der Anträge und Bewilligungen zulasten der Deutschen Rentenversicherung (DRV) stieg. Doch nun sieht alles danach aus, dass den Kliniken harte Zeiten bevorstehen. Tarifabschlüsse, die Finanz- und Wirtschaftskrise sowie der Gesundheitsfonds werden sich – zum Teil mit einer gewissen Verzögerung – auf die Rehabilitation auswirken.

Nachdem die Rehakliniken 2007 und 2008 stärker ausgelastet waren als in den Jahren zuvor, wird sich ihre finanzielle Lage ab 2010 wieder deutlich verschlechtern. Zu diesem Ergebnis kommt das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), Essen, im „Reha Rating Report 2009“. Es sei nicht anzunehmen, dass alle Kliniken die kommenden Jahre überstünden. Rund einem Fünftel der Einrichtungen droht der Studie zufolge bereits heute die Insolvenz. Langfristig könnten die Rehakliniken aber mit besseren Bedingungen rechnen. Demografiebedingt werde die Nachfrage nach Rehabilitation bis 2020 um rund sechs Prozent steigen. Allerdings würde sich die Auslastung der Kliniken nur dann erhöhen, wenn nicht gleichzeitig die Verweildauer weiter sinke.

Die Rehabilitation wird stärker von der Konjunkurlage beeinflusst als andere Bereiche im Gesundheitswesen, wie etwa der akutstationäre Sektor. „Aus Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes werden viele Reha-Anträge nicht gestellt beziehungsweise verschoben“, heißt es im Reha-Rating-Report. Außerdem sei die Rehabilitation, die am Ende der Versorgungskette stehe, erfahrungsgemäß am ehesten von Kürzungen betroffen, wenn die Sozialversicherungssysteme finanziell unter Druck stünden. Die Finanzmarktkrise führe auch zu einer eingeschränkten Kreditvergabe an die Kliniken. Deshalb werde die Zahl der Insolvenzen steigen.

Negative Auswirkungen sehen die Autoren der Studie auch durch den Gesundheitsfonds. Es sei davon auszugehen, dass die Krankenkassen alle Einsparpotenziale auf der Leistungsseite ausschöpften. Diese Einschätzung teilt auch Thomas Bublitz vom Bundesverband Deutscher Privatkliniken (BDPK): „Bei den Krankenkassen wird so lange eine Schockstarre herrschen, bis die ersten Zusatzbeiträge erheben.“ Im Bereich Rehabilitation hätten die Kassen am ehesten Einfluss auf die Ausgaben. Schon heute bildeten die Sätze, die die Kassen zahlten, die tatsächlichen Kosten der Reha nicht angemessen ab.

Dass die Kostenträger eine starke Position haben, was die Preisbildung angeht, dürfte unter anderem an der großen Zahl der Rehakliniken liegen. 2006 gab es 1 255 stationäre Reha- und Vorsorgeeinrichtungen. Das sind zwar 9,5 Prozent weniger als 1997, doch im selben Zeitraum sank auch die Verweildauer um sechs Prozent. Der zunehmende Druck führt der RWI-Studie zufolge aus ökonomischer Sicht dazu, dass ineffiziente Anbieter ausscheiden. Die verbleibenden Einrichtungen könnten die Patienten übernehmen und so ihre Belegung steigern.

Die Auslastung mancher Klinik ist schlecht, sie variiert nach Trägerschaft. Private Kliniken waren mit 71,3 Prozent im Jahr 2006 deutlich schlechter belegt als beispielsweise öffentlich-rechtliche. Am besten ausgelastet waren die Kliniken der DRV mit durchschnittlich 93,3 Prozent. Darin sehen die Autoren eine Wettbewerbsverzerrung. „Zur Schaffung eines chancengleichen Wettbewerbs erscheint schließlich die konsequente Trennung von Kostenträgern und Leistungserbringern angebracht“, fordern sie.

Die Wissenschaftler sehen außerdem Indizien für eine „angebotsinduzierte Nachfrage“, denn sie stellten fest: Regionen mit vielen Rehakliniken haben mehr Rehafälle pro Einwohner. Bublitz vom BDPK weist diese Kritik zurück. Das Angebot sei „bedarfsorientiert“. Der tatsächliche Bedarf an Rehabilitation liege höher als die heutigen Behandlungszahlen. „Wo es mehr Möglichkeiten zur Rehabilitation gibt, werden diese auch genutzt.“

Im Reha-Rating-Report hat das RWI Daten des Statistischen Bundesamtes sowie 100 Jahresabschlüsse, die 173 Kliniken umfassen, analysiert und hochgerechnet. Die Autoren kritisieren, dass die Datenlage im Bereich Reha Mängel aufweise, was etwa die Unterscheidung in Reha- und Vorsorgeeinrichtungen oder Informationen zu ambulanter Rehabilitation angehe.
Dr. med. Birgit Hibbeler
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