ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2009Studienplatzklagen: Letzte Chance auf dem Weg zum Traumjob Arzt

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Studienplatzklagen: Letzte Chance auf dem Weg zum Traumjob Arzt

Schubert, Wolfgang

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Medizinstudienplätze sind unter Abiturienten heiß begehrt. Aber viele scheitern am geforderten Notendurchschnitt. Anwälte, die per Klage einen Studienplatz erzwingen, haben Hochkonjunktur.

Sein Berufsziel stand seit Jahren fest. Markus L. wollte Arzt werden – genau wie sein Vater. Doch als der junge Mann 2005 in Dortmund Abitur machte, war an eine Zukunft als Mediziner nicht zu denken. Zwar konnte er mit 2,2 einen respektablen Notendurchschnitt vorweisen, doch für das Studium der Humanmedizin reichte es nicht. An der Ruhr-Universität Bochum wäre er noch mit einer 1,7 zugelassen worden, in Bonn hätte er schon damals eine glatte Eins vorweisen müssen. Markus L. bewarb sich dennoch bei der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) in Dortmund, nannte sechs bevorzugte Hochschulen in Deutschland – und bekam nur Absagen. Einziger Trost: Wenn er acht Semester warte, so die ZVS, könne er mit dem Studium beginnen.

Inzwischen ist die Wartezeit noch länger. Für das Wintersemester 2008/09 hat die ZVS hat einen neuen Rekord vermeldet. Diesmal war dran, wer mindestens zehn Semester gewartet hatte und wenigstens eine 2,8 im Abiturnotendurchschnitt hatte.

Eine Spirale ohne Ende
Nicht besser erging es Bewerbern für die Fächer Psychologie (Diplom) oder Tiermedizin. Auch dort läuft unter zehn Semestern Wartezeit nichts. Glücklich schätzen können sich künftige Zahnärzte. Die müssen nur acht Semester warten, wenn sie im Abitur zumindest eine 2,5 erreicht haben.

Es ist eine Spirale ohne Ende. Während die Zahl der Bewerber für die Numerus-clausus-Fächer weiter ansteigt und die für Humanmedizin im Wintersemester 2008/09 bei 35 393 lag, sank gleichzeitig die Zahl der zum Studium zugelassenen Studierenden auf 8 454. Ein Jahr zuvor wurden noch 9 907 zur Ausbildung zugelassen. 1997/98 standen 21 406 Bewerbern immerhin 7 290 Studienplätze gegenüber.

Das musste zwangsläufig zu einer noch strengeren Auslese führen. In Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern oder im Saarland war in der Abiturbestenquote für das laufende Wintersemester eine 1,0 erforderlich, um sofort einen Studienplatz zu bekommen. In Bayern, Brandenburg, Hessen oder Thüringen musste es wenigstens eine 1,1 sein. Nur Berlin, Niedersachsen und Schleswig-Holstein gaben sich mit einer 1,3 zufrieden. Darüber ging gar nichts mehr.

Warten – zumindest die vorausgesagten vier Jahre – wollte Markus L. nicht. Über eine Freundin seiner Mutter kam er in Kontakt zum Frankfurter Rechtsanwalt Dr. Robert Brehm, der sich in einer überörtlichen Sozietät mit dem Saarbrücker Kollegen Dr. Wolfgang Zimmerling seit mehr als 30 Jahren auf Zulassungsklagen gegen Universitäten spezialisiert hat. Die Juristen versuchen den Nachweis zu führen, dass die Hochschulen aufgrund ihrer personellen und technischen Ausstattung sowie der Bettenzahl im Klinikbereich mehr Plätze anbieten könnten, als sie tatsächlich über die ZVS und im Auswahlverfahren der Hochschulen offerieren. Rund zwei Drittel der Klienten sind „vorbelastet“. Die Eltern sind auch Mediziner. Die Kosten für eine Klage liegen etwa zwischen 4 000 und 10 000 Euro.

„Mein Berufsziel stand seit Jahren fest. Ich wollte Arzt werden – wie mein Vater.“ Mit einer Abiturnote von 2,2 hatte Markus L. keine Chance auf einen Medizinstudienplatz. Foto: privat
„Mein Berufsziel stand seit Jahren fest. Ich wollte Arzt werden – wie mein Vater.“ Mit einer Abiturnote von 2,2 hatte Markus L. keine Chance auf einen Medizinstudienplatz. Foto: privat
Für Markus L. erstritt Brehm einen Studienplatz an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg. Im Osten der Republik sind die Chancen, mithilfe der Verwaltungsgerichte das Wunschstudium zu beginnen, höher als in den alten Bundesländern. Dort zeigt sich die Verwaltung nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit Rechtsanwälten inzwischen besser gewappnet. Das hat Folgen. Seriöse Anwälte ersparen ihren Mandanten unnötige Ausgaben. „Gegen die Universitäten in Aachen, Düsseldorf, Köln und Bonn“, räumt Anwalt Brehm ein, „klagen wir mangels Erfolgsaussichten gar nicht mehr.“

An der Ruhr-Universität Bochum, berichtet deren Sprecher, Josef König, seien in den vergangenen drei Jahren jeweils 800 bis 1 000 Klagen auf Kapazitätserhöhung im Fach Humanmedizin eingereicht worden. Erfolgreich aber seien pro Jahr ganze zwei bis fünf gewesen. „Wir haben die künftige Wirklichkeit mit den vorhandenen Daten sehr realitätsnah prognostiziert“, so König. Von der Universität Duisburg-Essen meldet Beate Kostka aus ihrer Sicht noch erfolgreichere Zahlen. In den vergangenen Jahren hat die Hochschule sämtliche Klagen gewonnen. Das zeigte Wirkung. Waren zum Wintersemester 2005/06 noch 743 Klagen eingereicht worden, und stieg diese Zahl 2006/07 sogar auf 764, waren es 2007/08 nur noch 480.

Dennoch ist der Klageweg – jedenfalls außerhalb von Nordrhein-Westfalen – für viele Bewerber nach wie vor eine realistische Möglichkeit, trotz Numerus clausus (NC) einen Studienplatz zu erhalten. Der Saarbrücker Rechtsanwalt Zimmerling schätzt „die Chancen gut vertretener Mandanten, zum Studium zugelassen zu werden, noch immer auf 70 bis 85 Prozent“.

"Meine einzige Chance, einen Platz zu bekommen, schien mir die Klage." Nach vier teuren Semestern in Ungarn bekam Cathrin B. keinen Platz für den klinischen Studienabschnitt an einer deutschen Universität. Foto: Mona Wünschmann
"Meine einzige Chance, einen Platz zu bekommen, schien mir die Klage." Nach vier teuren Semestern in Ungarn bekam Cathrin B. keinen Platz für den klinischen Studienabschnitt an einer deutschen Universität. Foto: Mona Wünschmann
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Angesichts der hohen Hürden in Deutschland ist für viele Abiturienten längst das Ausland zur Alternative geworden. Die Semmelweis-Universität in Budapest bietet bereits seit 1983/84 einen Studiengang in deutscher Sprache an. Die Universitäten in Szeged und Pècs haben nachgezogen und offerieren ein Medizinstudium in Ungarn – für 11 200 Euro im Jahr. Universitäten in Lettland, Polen, Rumänien, der Slowakei und Tschechien wollten im Kampf um die Valuta nicht zurückstehen und locken künftige Mediziner mit einer Ausbildung in englischer Sprache. Österreich, mit der Universität Innsbruck für skibegeisterte deutsche Studenten schon immer ein Anziehungspunkt, hat auch noch Wien und Graz im Angebot. Allerdings: Seit 2006 ist der Zugang aufgrund einer Schutzquote für heimische Matura-Absolventen für Abiturienten aus Deutschland schwieriger geworden.

Die meisten NC-Flüchtlinge kehren nach dem Physikum zurück nach Deutschland. Das hatte sich auch Cathrin B. fest vorgenommen. Die junge Frau hatte 2003 in Frankfurt am Main ihr Abitur gemacht – und mit einem Schnitt von 2,9 keine Chance auf einen Studienplatz für Humanmedizin. Bei einer Beratung im Arbeitsamt gab es den Tipp: Trotz schlechter Abiturnote könne sie in Ungarn studieren. Die Eltern erklärten sich bereit, die Semestergebühren von damals 4 300 Euro sowie Miete und Lebensunterhalt zu zahlen. Recherchen im Internet machten ihr zusätzlichen Mut. Nach vier Semestern in Ungarn, so die Prognose im Web, sei ein Wechsel an eine deutsche Universität kein Problem.

Als Cathrin B. ihr Physikum erfolgreich bestanden hatte, war alles ganz anders. In Deutschland hatte sich die klinische Ausbildung verändert und fand verstärkt am Krankenbett statt. Da Universitätskliniken aus Kostengründen gleichzeitig die Bettenzahl senkten, reduzierten die Universitätsverwaltungen die Ausbildungsplätze für Studierende. So hat die Universität Marburg im aktuellen Wintersemester im Vergleich zum Wintersemester 2006/07 die Gesamtzahl ihrer klinischen Plätze um 36 Plätze reduziert, in Hamburg waren es 100 und in Göttingen 59.

Weniger klinische Plätze
Die Folgen bekam auch Cathrin B. zu spüren. Auf ihre Bewerbung bei allen 33 deutschen Universitäten, die Plätze in den klinischen Fachsemestern anbieten, erhielt sie ausschließlich Absagen. „Meine einzige Chance, zeitnah einen Platz zu bekommen, schien mir die Klage“, sagt sie heute.

Zunächst einmal musste sie eine bittere Pille schlucken. Dass sie einen Studienplatz an ihrer „Wunsch-universität“ erhalten werde, könne sie sich abschminken, offenbarte ihr Anwalt, der seiner Mandantin vorschlug, insgesamt 14 Universitäten zu beklagen. Bei jenen 14 Hochschulen rechnete sich der Jurist die besten Chancen aus, einen Platz auf dem Klageweg zu erzwingen. Zum Wintersemester 2006/07 erhielt Cathrin B. einen Studienplatz in Berlin. Mit derselben Universität, die die Bewerberin aus Frankfurt zuvor abgelehnt hatte, einigte sich ihr Anwalt auf einen Vergleich.
„Gegen Aachen, Düsseldorf, Köln und Bonn klagen wir mangels Erfolgsaussichten nicht mehr.“ Spezialist für Studienplatzklagen: Rechtsanwalt Dr. Robert Brehm Foto: Rolf Oeser
„Gegen Aachen, Düsseldorf, Köln und Bonn klagen wir mangels Erfolgsaussichten nicht mehr.“ Spezialist für Studienplatzklagen: Rechtsanwalt Dr. Robert Brehm Foto: Rolf Oeser
Obwohl die Universitäten nachbessern und sich an den Urteilen der Verwaltungsgerichte orientieren, werden nach Meinung von Christian Gottsmann, dem zuständigen Justiziar der Universität Hamburg, „Kapazitätsklagen auch künftig Aussicht auf Erfolg haben“. Zum einen setze die Rechtsprechung ständig neue Anforderungen an die Hochschulen, zum anderen würden pfiffige Anwälte trotz aller Bemühungen der Universitäten immer wieder schlummernde Kapazitäten entdecken. Gottsmann nimmt es eher sportlich: „Dass die Anwälte klagen, ist ihr gutes Recht. Und wir wehren uns, so gut es geht.“

Auch der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, sieht dies ähnlich: „Das Einklagen ist zulässig und rechtmäßig.“ Zudem sei es immer schwieriger, nach dem Physikum auch einen Studienplatz für den klinischen Teil der Ausbildung zu bekommen. „Ich kann verstehen, wenn dann jemand klagt“, meint Hoppe. Denn mit zunehmender Tendenz bieten die deutschen Universitäten ab dem fünften Semester weniger Ausbildungsplätze an als im vorklinischen Abschnitt. Was danach komme, so die klare Ansage der Universitäten, gehe auf das Risiko des Bewerbers. Garantiert sind nur die Semester eins bis vier.

Deshalb haben nicht nur Anwaltskanzleien Hochkonjunktur, sondern Studierende – oder deren Eltern – sind zunehmend bereit, viel für die Ausbildung zu bezahlen. Das haben sich die cleveren Manager der Budapester Semmelweis-Universität zu eigen gemacht. Zwar bietet die Universität nach dem Physikum selbstverständlich auch in Ungarn die Fortsetzung des Studiums in den klinischen Semestern an, doch dann sind für die Arbeit im Krankenhaus gute Kenntnisse der ungarischen Sprache erforderlich, was viele Deutsche vor eine große Hürde stellt. Weil die Ungarn auf die lukrativen Devisen nicht verzichten wollten, gründeten sie eine Zweigstelle in Deutschland. Seit Oktober 2008 bietet die Semmelweis-Universität in Kooperation mit den Asklepios-Kliniken Hamburg einen Studiengang nach ungarischem Lehrplan an der Alster an. Die Privatuniversität hat allerdings ihren Preis. Die Studiengebühren pro Jahr betragen 14 400 Euro; für das gesamte Studium kommen so rund 80 000 Euro zusammen.

Rückkehr des Medizinertests
Wem das zu viel ist, kann auf Baden-Württemberg setzen. Das Bundesland hat den vor zehn Jahren beerdigten Medizinertest wieder ausgegraben. Mit der Abfrage von Auffassungsgabe, Denkvermögen und Konzentration hat das Bundesland ein Kriterium wiederbelebt, dass über die reine Abiturnote hinaus einen Hinweis geben könnte, wer trotz NC-Scheiterns später ein respektabler Arzt sein könnte. Die Teilnahme am Test ist freiwillig, doch sie erhöht für Bewerber mit einer Abiturnote im Grenzbereich die Chancen auf einen jener Studienplätze, die von den Universitäten selbst vergeben werden. Wie die Testergebnisse im Verhältnis zur Abiturnote allerdings gewichtet werden, bleibt den Medizinischen Fakultäten Freiburg, Heidelberg, Mannheim, Tübingen und Ulm sowie den Zahnmedizinischen in Freiburg, Heidelberg und Ulm selbst überlassen.

BÄK-Präsident Hoppe steht der Auferstehung des Tests skeptisch gegenüber. Der am Institut für Psychologie an der Universität Mannheim erarbeitete Test habe schon in den 70er-Jahren „belegt, dass fast dieselben Leute ausgewählt wurden, die schon über ihr Einser-Abitur ins Studium gekommen wären“. Dabei sei die Dominanz der Abiturnote „völlig falsch“. Die Note sei kein Beleg dafür, „dass wir später kompetente und sozial engagierte Ärzte bekommen“. Als Alternative sieht Hoppe die von etlichen Universitäten genutzten Interviews. Dieses Auswahlverfahren habe den Vorteil, „dass auch darauf geachtet wird, wer später für Forschung und Wissenschaft besonders geeignet ist“. Für den Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer würde allerdings ein Losverfahren „die beste Wahrscheinlichkeit bieten, gute Ärzte zu rekrutieren“. Mit diesem Instrument komme man nahe an das Bewerberspektrum heran, das man vor Einführung des NC gehabt habe. „Damit bestehen auch große Chancen, diejenigen Interessenten zu gewinnen, die tatsächlich in die Patientenversorgung gehen und auch dort bleiben“, sagt Hoppe.

Viele Anwälte vertreten dagegen die Auffassung, der Test in Baden- Württemberg könne hilfreich sein. Er ist aber keine Garantie fürs Studium. So bleibt als sicherster Weg zum Traumjob Arzt zurzeit noch immer die glatte Eins im Abitur.
Wolfgang Schubert

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