ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2009Medizingeschichte: Chance vertan

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Medizingeschichte: Chance vertan

Jütte, Robert

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Roland Schiffter: „. . . ich habe immer klüger gehandelt . . . als die philisterhaften Ärzte . . .“ Romantische Medizin im Alltag der Bettina von Arnim – und anderswo. Königshausen & Neumann, Würzburg 2006, 180 Seiten, kartoniert, 18 Euro
Roland Schiffter: „. . . ich habe immer klüger gehandelt . . . als die philisterhaften Ärzte . . .“ Romantische Medizin im Alltag der Bettina von Arnim – und anderswo. Königshausen & Neumann, Würzburg 2006, 180 Seiten, kartoniert, 18 Euro
Den Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: „Zweifellos sterben auch heute noch Menschen durch Versagen der Ärzte oder durch noch fehlende wissenschaftliche Erkenntnisse, aber gewiss seltener und kontrollierter.“ Da fragt sich nicht nur der Medizinhistoriker, was der Patient heute davon hat, wenn er im Vergleich zu unseren Vorfahren vor knapp 200 Jahren „kontrollierter“ stirbt. Dass der medizinische Fortschritt für die Verlängerung der Lebenserwartung verantwortlich ist, gehört zu den vielen Legenden der Medizingeschichte, die auch Schiffter in seinem Werk über die „Romantische Medizin“ pflegt. Und was hätte man aus dem hier dargestellten Fallbeispiel samt Quellen (dem Briefwechsel zwischen Bettina und Achim von Arnim) alles machen können!

Doch stattdessen dilettiert der Autor fröhlich vor sich hin. Munter werden retrospektive Diagnosen gestellt, auch wenn die Informationen über eine Erkrankung noch so spärlich sind. Dabei hätte es schon genügt, historische Krankheitsbezeichnungen richtig zu deuten. So spricht Bettina von Arnim, deren Krankheits- und Gesundheitsverhalten hier mit den Vorstellungen der sogenannten „Romantischen Medizin“ in Verbindung gebracht wird, an einer Stelle von den „Gichtern der kleinen Kinder“. Schiffter sieht darin einen Hinweis auf epileptische Anfälle. Doch gemeint ist, wie auch die vielen Einträge in den damaligen Sterberegistern belegen, die Eclampsia symptomatica infantium – oder wie es in einer zeitgenössischen Quelle heißt: „wenn die Kinder die unnatürlich Hitz überlauft und Bauchweh haben“. Und wenn man dann noch alle Arbeiten zur Geschichte der Homöopathie und der romantischen Medizin der letzten Jahrzehnte ignoriert, dann ist an das Diktum des verstorbenen Mainzer Medizinhistorikers Walter Artelt aus dem Jahr 1949 zu erinnern: „Derartige Produkte nützen der Fachwissenschaft nicht nur nicht, sie erschweren ihr vielmehr die Arbeit.“ Robert Jütte
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