ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2009Schloss Varenholz: Zum Wohlfühlen

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Schloss Varenholz: Zum Wohlfühlen

Dtsch Arztebl 2009; 106(5): A-200 / B-168

Gieseke, Sunna

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Pünktlich aufstehen müssen die Schüler selbst. Im Internat Schloss Varenholz wird neben den üblichen Schulfächern auch Selbstständigkeit gelehrt.
Pünktlich aufstehen müssen die Schüler selbst. Im Internat Schloss Varenholz wird neben den üblichen Schulfächern auch Selbstständigkeit gelehrt.
Es ist ein Auffangbecken für Kinder und Jugendliche, aber alles andere als eine Sackgasse. Im Internat Schloss Varenholz wird jeder Schüler individuell gefördert.

Felix* steht mit seinem großen Schulranzen etwas verloren im großen Hof des idyllischen Schlosses Varenholz. Der Fünftklässler ist erst seit einer Woche in dem Internat untergebracht und geht nun auf die anliegende private Realschule. Seine Eltern arbeiten viel und haben nur wenig Zeit für den Jungen. Der stellvertretende Schulleiter Reinhard Tramitzke, ein sympathischer, stets gut gelaunter Mann, greift ihn auf: „Felix, du müsstest doch jetzt beim Unterricht sein“, weiß er zielsicher den Neuzugang einzuordnen. Er bringt den Jungen zu seiner Klasse zurück, auf dem kurzen Weg durch den grünen Schlosspark fragt er ihn, wie er sich hier fühlt, wie es ihm nach der ersten Woche geht – mit echtem Interesse und Einfühlungsvermögen. Schließlich weiß er, dass die Kinder am Anfang noch sehr unter Heimweh leiden. In der Ganztagsrealschule haben sich einige Schüler in der großen, hellen Pausenhalle versammelt. Tramitzke begrüßt fast alle mit Namen. Bestimmt könnte er auch zu jedem seiner Schützlinge eine Geschichte erzählen.

Schloss Varenholz liegt in der malerischen Weserlandschaft. Damit keine Langweile aufkommt, ist der ganze Tag der Internatsbewohner strukturiert. Morgens ist selbstverständlich Unterricht. Hierfür müssen die Realschüler von allein aufstehen, keiner geht herum und weckt alle. Dann wird gemeinsam im Internat gefrühstückt. Mittags gibt es ein appetitliches Essen in der schuleigenen Kantine – die älteren und jüngeren Schüler essen getrennt. Nachmittags haben die Kinder und Jugendlichen Wahlunterricht. Sie können sich in dieser Zeit aussuchen, in welchem Hauptfach sie ihr Wissen vertiefen wollen. Die Teilnahme an diesen „Lerninseln“ ist Pflicht, dafür ersetzt das Lernen am Nachmittag die Hausaufgaben. Und diese freie Zeit nach der Schule wird auch gebraucht: Nachmittags erfolgt die Freizeitgestaltung. Je nach Wochentag und Uhrzeit können die jungen Menschen zwischen einer Vielzahl an Angeboten in verschiedenen Bereichen auswählen: Musik, Sport, Film oder Betreuung des Cafés. Auch damit werden pädagogische Ziele verfolgt. Vor allem will man die Schüler aber zu teamfähigen und selbstbewussten jungen Menschen erziehen und sie fit machen für die Zeit nach der Schule. „Wir werden in unserer Selbstständigkeit gefördert, gleichzeitig wird das Gruppengefühl gestärkt“ – die 17-jährige Isabel* bringt das pädagogische Konzept der Einrichtung auf den Punkt. Die Schülerin hat schon einiges durchgemacht. Sie wirkt sehr ernst und viel erwachsener als gleichaltrige Mädchen. An ihren vorherigen Schulen – es waren fünf – kam sie nicht mehr zurecht. Sie litt unter Depressionen, auf diese Weise stigmatisiert, fiel ihr das Lernen schwer: Isabel wurde einfach alles zu viel. Seit drei Jahren lebt sie nun im Internat. Seither hat die Realschülerin einen Notendurchschnitt von 1,3. Ihre Lieblingsfächer sind neben Mathe auch Kunst, Philosophie und Sozialwissenschaften. So vielseitig seien ihre Interessen vorher nicht gewesen. Auf der Privatschule hat sie nun die Möglichkeit, die Fachoberschulreife (mittlere Reife) zu erlangen oder einen qualifizierten Abschluss zu machen, der zum Besuch des Gymnasiums berechtigt. „Alle Schüler erhalten so die Chance, nach Vollendung des zehnten Schuljahres entweder eine Berufsausbildung zu beginnen oder über die gymnasiale Oberstufe die Hochschulreife zu erwerben“, sagt der stellvertretende Schulleiter Tramitzke. Isabels Pläne stehen aber schon fest: Sie möchte gern Erzieherin in einem Kindergarten werden. Sie schätzt das Konzept der Schule sehr: „Hier werden alle gefördert. Auch die Unterforderten.“

In der idyllischen Weserlandschaft liegt das Schloss Varenholz. Fotos: Schloss Varenholz
In der idyllischen Weserlandschaft liegt das Schloss Varenholz. Fotos: Schloss Varenholz
Internat und Schule arbeiten eng zusammen. „Wir ziehen alle an einem Strang. So wird vermieden – sollte es doch einmal zu Spannungen kommen –, dass Schüler uns gegeneinander ausspielen“, weiß der Internatsleiter Peter Kübler. Hat ein Schüler wiederum einmal etwas auf dem Herzen, kann er sich jederzeit an die Lehrer oder die Betreuer aus dem Internat wenden – einer ist dann immer der Vermittler. „Das Spannende: Wir sind Lehrer zum Anfassen und nah an den Schülern dran“, betont Tramitzke. Wichtig sei immer das Feedback dem Schüler gegenüber. „Das kann auch positiv gemeint sein, wenn wir den Eindruck haben, der Schüler schöpft nicht sein Potenzial aus“, erklärt Kübler. An den öffentlichen Schulen wären viele der jungen Leute verloren, meint Tramitzke. Die festen Strukturen im Internat tun den meisten Schülern gut. So auch bei Philipp*. Auf den Schulen vorher sei er gemobbt worden, berichtet er von seinem Leid. Auch seine Noten waren schlecht, nun steht er bei einem Schnitt von 1,4. Auf Schloss Varenholz seien viele Kinder und Jugendliche mit schwierigem familiärem Hintergrund, und sei es, dass die Eltern zu wenig Zeit für die Kinder haben, berichtet der Internatsleiter. „Wir sehen uns aber nicht als Familienersatz, sondern als Ergänzung“, erläutert Kübler das Konzept des Internats. Jedes zweite Wochenende sind die Schüler dazu angehalten, nach Hause zu fahren.

Jeder Schüler wird hier je nach Interessen und Talent individuell gefördert Fotos: Schloss Varenholz
Jeder Schüler wird hier je nach Interessen und Talent individuell gefördert Fotos: Schloss Varenholz
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Philipp will Sozialpädagogik studieren. Er könne gut mit Menschen umgehen, sagt er. Der ruhige Schüler setzt sich für andere ein. „Manchen Gleichaltrigen bin ich schon voraus. Ich kriege einige Problemfälle zu sehen. Das relativiert die eigenen Sorgen.“ Schloss Varenholz war für Philipp und Isabel zunächst ein Auffangbecken und wird nun zum Sprungbrett. Sunna Gieseke

Kontakt: Privatschulinternat Schloss Varenholz, 32689 Kalletal, Telefon: 0 57 55/96 20, Fax: 0 57 55/4 24,
E-Mail: info@schloss-varenholz.de, Internet: www.schloss-varenholz.de

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