ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2009Situation der Weiterbildung in Deutschland: Erkennen, wo der Schuh drückt

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Situation der Weiterbildung in Deutschland: Erkennen, wo der Schuh drückt

Hibbeler, Birgit; Korzilius, Heike

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Foto: picture-alliance/maxppp
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Die gefühlte Unzufriedenheit mit der ärztlichen Weiterbildung ist groß. Um endlich belastbare Daten zu erhalten sowie Stärken und Schwächen des Systems auszuloten, sollen Weiterbilder und Assistenten künftig regelmäßig befragt werden.

Bürokratie, Zeitdruck, hohe Arbeitsbelastung, diktatorische Vorgesetzte, mangelhafte Anleitung, fehlendes Feedback: Stellt sich so die Weiterbildung für die meisten Assistenzärztinnen und -ärzte dar? Ist dies der Grund dafür, dass sich junge Ärztinnen und Ärzte zunehmend von der Patientenversorgung ab- und anderen Berufsfeldern zuwenden oder Deutschland sogar den Rücken kehren?

Die Lan­des­ärz­te­kam­mern – verantwortlich für die Weiterbildung zum Facharzt – wollen es jetzt genau wissen. Sie starten in diesem Jahr erstmals flächendeckend eine Umfrage zur Situation der Weiterbildung, die fortan regelmäßig alle zwei Jahre wiederholt werden soll. „Wenn wir über Qualität in der Medizin reden, müssen wir uns klarmachen, dass die Ärztekammern mit der Weiterbildung dafür die Strukturqualität liefern“, sagt Dr. med. H. Hellmut Koch,Vorsitzender der Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer und Präsident der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer. Die Umfrage diene deshalb dazu, Mängel aufzudecken und Verbesserungen einzuleiten. 16 Ärztekammern beteiligen sich an dem Projekt „Evaluation der Weiterbildung“. Nur die Sächsische Lan­des­ärz­te­kam­mer hat sich gegen eine Teilnahme entschieden. Dort habe man bereits im Jahr 2007 eine Befragung von Weiterbildungsassistenten durchgeführt – mit positiven Ergebnissen, heißt es.

Im Rest der Republik sollen nun von Ende April an Weiterbilder und Assistenzärzte mithilfe eines Online-Fragenbogens Auskunft über Stärken und Schwächen des Systems geben. Die Weiterbildungsbefugten können sich unter anderem zu Arbeitszeiten, Weiterbildungskonzepten sowie zur Motivation ihrer Assistenten äußern. Diese wiederum können ihre Weiterbilder, die Qualität der Weiterbildung sowie Lern-, Führungs- und Betriebskultur beurteilen.

Die Anonymität der Teilnehmer bleibt gewahrt
Um möglichst alle Assistenzärzte zu erreichen, benötigen die Ärztekammern allerdings die aktive Unterstützung der Weiterbilder. Denn die Weiterbildungsstätten sind nicht verpflichtet, den Kammern ihre Assistenzärzte zu melden. Deshalb werden die Ärztekammern im Frühjahr alle Weiterbilder zunächst zur Zahl ihrer Assistenten befragen und ihnen dann für jeden angehenden Facharzt einen individuellen Zugangscode für die Einwahl in den Online-Fragebogen schicken. Dabei betont die Bundes­ärzte­kammer, dass die Anonymität der Teilnehmer gewahrt bleibe. Niemand muss also Sanktionen befürchten, wenn er seine Weiterbildungsstätte oder seinen Weiterbilder kritisiert. Sechs Wochen lang haben Weiterbilder und Assistenten Zeit, den Fragebogen auszufüllen. „Wir hoffen, dass viele mitmachen“, so Koch. Das Projekt diene schließlich dazu, die Weiterbildung der jungen Ärzte zu verbessern. Im Wettbewerb um den ärztlichen Nachwuchs könne ein gutes Abschneiden bei der Evaluation aber auch den weiterbildenden Krankenhäusern und Praxen Vorteile verschaffen.

Organisiert und wissenschaftlich begleitet wird die Evaluation durch die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich. Dort verfügt man über die notwendige Expertise, denn in der Schweiz ist die regelmäßige Evaluation der Weiterbildung seit zwölf Jahren gang und gäbe. Damals erteilte die Foederatio Medicorum Helveticorum (FMH), die Dachorganistation der Schweizer Ärzte, Wissenschaftlern der ETH den Auftrag, einen Fragenbogen zu entwickeln, mit dessen Hilfe die Assistenten seither jährlich zu ihrer Weiterbildungssituation befragt werden. Der Fragebogen liegt – leicht verändert – nun auch der deutschen Umfrage zugrunde.

Oberstes Gebot bei der Schweizer Befragung ist die Transparenz: Die Ergebnisse für die einzelnen Weiterbildungsstätten sind im Internet auf der Seite der FMH abrufbar. Das heißt, wer eine Stelle als Assistent sucht, kann dort nachsehen, wie sein künftiger Chef abgeschnitten hat. Weist eine Weiterbildungsstätte sehr schlechte Werte auf, findet außerdem eine Visitation statt. Ein Dreierteam, bestehend aus einem Fachvertreter, einem fachfremden Experten und einem Assitentenvertreter, überprüft dann die Situation vor Ort und regt Verbesserungen an.

So weit will man allerdings in der ersten Umfragerunde in Deutschland noch nicht gehen. „Wir werden die Ergebnisse zunächst einmal nicht zentral veröffentlichen, und es wird auch noch keine Visitationen geben“, sagt Weiterbildungsexperte Koch. Es stehe allerdings jeder Klinik oder Praxis frei, die Ergebnisse der Evaluation der Öffentlichkeit freiwillig zugänglich zu machen. Außerdem verstehe es sich von selbst, dass die Assistenten Zugang zu den Auswertungen ihrer Weiterbildungsstätte erhielten.

Derartige Umfragen haben den Vorteil, dass sich mit ihnen relativ einfach Daten erheben lassen. Der Nachteil ist: Die Beurteilung ist sehr subjektiv. Dessen sind sich die Initiatoren in der Schweiz durchaus bewusst. Doch die Erfahrungen mit der Assistentenbefragung sind durchweg positiv. Auch die Akzeptanz unter den Weiterbildungsermächtigten, die anders als in Deutschland nicht befragt werden, ist mittlerweile gut.

Aktuell liegen für die Schweiz die Weiterbildungstrends im Jahr 2006 vor. Damals hatten die ETH-Experten ihren Fragebogen an 1 175 Leiterinnen und Leiter von Weiterbildungsstätten verschickt, die dafür verantwortlich waren, die Bögen an die 8 626 Assistenten zu verteilen.

Der Benchmark ist das reizvolle an dieser Umfrage
Die Ergebnisse: Die Weiterbildungssituation in der Schweiz ist insgesamt gut. Auffällig ist, dass Weiterbildungsstätten mit wenigen Assistenzärzten besser abschneiden. Schlecht bewerteten besonders angehende Fachärzte für Chirurgie ihre Weiterbildung, unabhängig von der Abteilungsgröße. Beinahe alle abgefragten Fähigkeiten und Kenntnisse werden in der Chirurgie schlechter vermittelt als in anderen Fächern. Ein weiterer interessanter Punkt aus deutscher Sicht: 36 Prozent der Assistenten in der deutschsprachigen Schweiz haben einen deutschen Abschluss. Die Befragung liefert also nicht nur Informationen zur Situation der Weiterbildung, sondern auch weitere wichtige Rahmendaten über die in der Schweiz arbeitenden Ärzte, wie Alter, Herkunft oder wöchentliche Arbeitszeit.

Das Schweizer Modell hat bereits in der Vergangenheit Nachahmer in Deutschland gefunden. Neben dem privaten Klinikkonzern Helios starteten Ende 2006 auch die Ärztekammern in Hamburg und Bremen auf der Basis des Schweizer Fragebogens eine eigene Umfrage zur Weiterbildungssituation bei Assistenten und Weiterbildern. Mit dem Projekt beauftragt wurde hier ebenfalls die ETH in Zürich – auch, um später Vergleiche mit den Ergebnissen aus der Schweiz anstellen zu können.

Die Beteiligung an der Online-Umfrage in Hamburg und Bremen war allerdings geringer als erhofft. Nur 21 Prozent der Hamburger Assistenten beantworteten den Fragebogen (Bremen: 33 Prozent). Bei den Weiterbildungsbefugten waren es 41 Prozent (Bremen: 51 Prozent). „Die Schweizer sind in den ersten beiden Jahren mit einer Teilnehmerquote von 40 Prozent gestartet“, räumt Weiterbildungsexperte Koch ein. Inzwischen liegt sie jedoch durchschnittlich bei rund 65 Prozent. Koch hofft bei der aktuellen bundesweiten Erhebung auf eine Beteiligungsrate von 60 Prozent.

„Was die Schweizer Umfrage von anderen Befragungen zur Weiterbildungssituation unterscheidet, ist, dass jede Weiterbildungsstätte ihre eigene Auswertung bekommt. Der Benchmark ist das Reizvolle“, meint Dr. Carsten Leffmann, Leiter der Fortbildungsakademie der Ärztekammer Hamburg und Geschäftsführer der Gesellschaft für Qualitätsmanagement in der Gesundheitsversorgung. Deshalb habe man das Modell für die Umfragen in Hamburg und Bremen übernommen. Die Ergebnisse haben Leffmann zufolge bei manchem Weiterbildungsbefugten Betroffenheit ausgelöst – und einen konstruktiven Umgang mit Kritik. In Hamburg hat ein eigens gegründeter Beirat aus Weiterbildungsbefugten und Assistentensprechern inzwischen angeregt, die Ergebnisse der Evaluation im Internet zu veröffentlichen. Leffmanns Fazit: „Wir sind von dem Projekt sehr angetan und haben daraus unglaublich viel gelernt.“ Die Teilnahme könnte sich lohnen. Der Vergleich der Umfrageergebnisse von Helios aus Bremen und Hamburg zeigt: Die Schweizer Weiterbildungsstätten schneiden in allen Grunddimensionen besser ab als die deutschen.
Dr. med. Birgit Hibbeler, Heike Korzilius
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