ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2009Ärzteschach: Mit Wut zum Sieg

SCHLUSSPUNKT

Ärzteschach: Mit Wut zum Sieg

Dtsch Arztebl 2009; 106(6): [120]

Pfleger, Helmut

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Es ist gut, wenn man Schulfreunde hat, die ab und zu die Nase aus dem heimischen Frankenland rausstrecken und so darüber unterrichtet sind, was in der großen, weiten Welt vor sich geht, beispielsweise am Timmendorfer Strand und dort wiederum in den „Lübecker Nachrichten“, um ganz genau zu sein. Komme mir nun niemand und sage, dass man dazu nicht an den Timmendorfer Strand fahren müsse und die „Lübecker Nachrichten“ notfalls auch in Franken lesen könne. Dr. med. Norbert Knoblach jedenfalls las am 9. September 2007 in erwähnter Zeitung, dass nach neuesten Forschungsergebnissen Wut entgegen der bisherigen Lehrmeinung das Konzentrationsvermögen erhöhe. Sie sehen, mit welcher Geschwindigkeit ich auf diese neuesten Forschungsergebnisse von vor mehr als einem Jahr reagiere und insofern natürlich auch nicht weiß, ob diese Forschungsergebnisse inzwischen wieder veraltet sind und das gute, alte Gegenteil davon gültig. Allerdings soll es solche Volten ja nicht nur in der Psychologie, sondern auch in der Medizin geben.

Leider teilte mir Norbert nicht mit, ob er seine Wut wegen des damaligen kalten Wetters am Timmendorfer Strand beim Freilandschach positiv umsetzen konnte. Allerdings fragte er mich sehr wohl allgemein, wie das beim Schach sei.

Tja, wie ist das? Wut gleich erhöhter Konzentration gleich erfolgreicherem Schachspiel? Ich stelle mir gerade 150 Ärzte beim Deutschen Ärzteschachturnier in stetig anschwellender Wut vor – welch Perlen der Schachkunst würden da wohl geboren? Oder auch nicht. Vielleicht ist ja alles relativ und von Mensch zu Mensch unterschiedlich. So hat dem Dissidenten Viktor Kortschnoi das Feindbild des verhassten linientreuen Karpow, „in dessen Taschen er die Ketten rasseln hörte, die seine Frau und seinen Sohn im sowjetischen Kerker gefangenhielten“, beim WM-Kampf 1978 sicher geholfen und seine Wut aufs kommunistische Regime überhaupt seine Spielstärke im Exil ansteigen lassen, mit oder ohne erhöhte Konzentration. Sehr wohl aber mit größerer Motivation. Andererseits kann Wut natürlich blind machen, versuchen beispielsweise der Inder Anand und der Russe Kramnik, die im Oktober letzten Jahres in Bonn um die WM spielten, Wut und Feindbilder gar nicht aufkommen zu lassen und vom Gegenüber zu abstrahieren (es sei dahingestellt, wie weit das gelingen kann), um ihr kühl-objektives Schachdenken nicht zu verwirren.

Jetzt aber zum letzten Ärzteschachturnier. Ich weiß nicht, ob Dr. med. Thomas Hoth als Weißer am Zug gegen Dr. med. Friedmann Mack ergrimmt oder erfreut vor der Diagrammstellung saß. Schließlich hat er eine Figur weniger, obendrein ist sein Läufer angegriffen und droht seinem König überhaupt Unheil. Spätestens jedoch, als er die schöne (Opfer-)Kombination vor seinem geistigen Auge erblickte, wird es ihm wohl wie Vladimir Nabokov beim Komponieren seiner Schachprobleme gegangen sein: „. . . wie ich vor lebhaftem geistigem Vergnügen zusammenzuckte, während sich unversehens die Knospe eines Schachproblems in meinem Kopf öffnete.“

Dem schwarzen König scheint nicht beizukommen zu sein, 1.Txd7 würde sogar mit 1. . . . De1 matt bestraft. Doch zwangsläufig mattsetzen konnte hier nur Weiß. Wie kam’s?

Lösung: Der Auftakt zum Matttreiben war das Läuferopfer 1. La7+! Nach 1. . . . Kxa7 2. Dc7+ Ka8 3. Dxd8+ Sb8 (auch 3. . . . Kb7 4. Txd7+ Kc6 5. Dc7+ Kb5 6. Td5+ Kb4 7. Da5+ Kc4 8. b3 wäre Matt) 4. Dd5+ war es wegen 4. . . . Sc6 5. Dxc6+ Kb8 6. Db7 matt um den schwarzen König geschehen.
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