ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2009Medizinische Ausbildung: Die lästige Pflicht

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Medizinische Ausbildung: Die lästige Pflicht

Dtsch Arztebl 2009; 106(6): A-215 / B-183 / C-175

Hibbeler, Birgit

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Dr. med. Birgit Hibbeler Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Dr. med. Birgit Hibbeler Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Haken halten, Blut abnehmen, Viggos legen, Röntgenbilder besorgen: Studierende im praktischen Jahr (PJ) erledigen viele Routinetätigkeiten. Das allein wäre noch nicht dramatisch, denn es handelt sich ja zum Teil um Dinge, die sie lernen müssen. Aber die Hilfsarbeiten nehmen immer mehr überhand. Eine strukturierte Ausbildung bekommen die PJler im Gegenzug nicht. Auf diese Missstände haben nun der Marburger Bund (MB) und die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) zum Start ihrer PJ-Kampagne hingewiesen. Eine der Forderungen: Die PJler sollen sich das Krankenhaus aussuchen können, in dem sie ausgebildet werden, und zwar bundesweit. Mit diesem Anliegen wollen sich die Studierenden unter anderem an den Präsidenten der Kultusministerkonferenz wenden – mit einer Postkartenaktion.

Aus Sicht von MB und bvmd verteilen die Universitätskliniken die PJler vor allem nach strategischen Gesichtspunkten. Will heißen: Zuerst einmal versorgen sie die eigenen Kliniken mit den „billigen Arbeitskräften“. Dann kommen die Lehrkrankenhäuser. Die werden in erster Linie danach ausgesucht, ob sie günstige Partner sind, also den Universitätskliniken viele Patienten zuweisen. Als Gegenleistung bekommen sie dann die PJler. Ob das wirklich überall so ist, sei dahingestellt. Doch es steht außer Frage, dass die Kritik von MB und bvmd berechtigt ist. Das PJ soll Studierende auf ihre Assistenzarztzeit vorbereiten. Wenn dann Botengänge und die Suche nach Patientenakten im Vordergrund stehen, hat das nicht mehr viel mit Ausbildung zu tun, sondern eher mit Ausbeutung. Geld bekommen die PJler für ihre Arbeit in der Regel nicht. Keinem Lehramtsanwärter und keinem Juristen wird im Referendariat dergleichen abverlangt. Gerade der MB tut gut daran, sich für die Belange der PJler öffentlichkeitswirksam einzusetzen und Studierende nicht nur durch eine kostengünstige Haftpflichtversicherung an sich zu binden.

Die aktuelle Kampagne ist auch deshalb zu begrüßen, weil es für einen PJler mittlerweile einfacher ist, ein Tertial in einem afrikanischen Krankenhaus zu absolvieren als innerhalb Deutschlands die Stadt zu wechseln. Das ist absurd. Eine Abstimmung mit den Füßen hätte außerdem den Effekt, die Bemühungen für ein besseres praktisches Jahr zu stärken. Einige Kliniken haben bereits PJ-Logbücher, Lernzielkataloge, regelmäßige Fortbildungen oder Repetitorien. Manche bezahlen ihre PJler sogar. Meist nicht üppig, aber immerhin im Sinne einer Aufwandsentschädigung.

Ohne Wertschätzung keine Motivation: Umfragen haben gezeigt, dass Studierenden besonders im PJ die Lust am Arztberuf verlieren. Für sie ist es die erste längere Krankenhauserfahrung. Während dieser Zeit blicken sie in gewisser Hinsicht in ihre eigene Zukunft. Sie treffen auf Assistenzärzte, die keine Zeit haben. Und sie treffen auf Assistenzärzte, deren Weg zum Facharzt mitunter ebenfalls ziemlich unstrukuriert verläuft (dazu „Erkennen, wo der Schuh drückt“ in diesem Heft). Genau wie die Ausbildung von Medizinstudenten ist die Weiterbildung in vielen Abteilungen eher eine lästige Pflicht als eine Herzensangelegenheit. Das muss sich dringend ändern.

Am Beispiel Weiterbildung sieht man jedoch auch: Allein mit der freien Wahl der Ausbildungsstätte ist es nicht getan. Wir brauchen vielmehr ein Umdenken. Gerade in Zeiten des Ärztemangels täten Klinikchefs gut daran, sich die Förderung des Nachwuchses auf die Fahnen zu schreiben – angefangen bei der Lehre. Doch die geht zwischen Forschung und Krankenversorgung oft unter. Das ist zwar nachvollziehbar, denn ein Engagement in diesem Bereich bildet sich nicht in den DRGs ab und bringt keine Drittmittel ein. Aber: Wer genaue Vorstellungen davon hat, wie eine gute Ausbildung – und auch Weiterbildung – aussehen muss, der hat auch eine bessere Diskussionsgrundlage, wenn er dafür mehr Geld fordert. Und nicht zuletzt hat er eine Abteilung mit motivierten PJlern und Assistenten.
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