ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2009Umweltzonen: Nutzen weiterhin umstritten

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Umweltzonen: Nutzen weiterhin umstritten

Schuster, Christina

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Foto: ddp
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Um die Feinstaubrichtlinie der Europäischen Union einzuhalten, haben mittlerweile 31 deutsche Städte Umweltzonen eingerichtet. Es gibt erste positive Effekte, doch zuverlässige Messergebnisse fehlen.

Die Umweltzone wirkt. Das gab die Berliner Umweltsenatorin, Katrin Lompscher, Ende Dezember bekannt. Rund 27 000 Fahrzeuge mit hohem Schadstoffausstoß, die in der Hauptstadt zugelassen sind, dürfen nicht mehr in die Innenstadt fahren. Man hatte mit wesentlich mehr gerechnet. Doch die Berliner haben offenbar umgerüstet: Im vergangenen Jahr wurden an der Spree deutlich mehr neue, schadstoffarme Autos zugelassen als im Bundesdurchschnitt.

Seit Januar 2008 dürfen in der Berliner Innenstadt nur noch Autos mit einer entsprechenden Feinstaubplakette unterwegs sein. Im vergangenen Jahr hielt Berlin die EU-Regelung für Feinstaub ein, nach der der Tagesgrenzwert an nicht mehr als 35 Tagen im Jahr überschritten werden darf. Inwieweit die Umweltzone dazu beigetragen habe, könne man zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber noch nicht abschließend sagen, räumte Lompscher ein. Das Wetter beeinflusse die Messergebnisse. Eine statistisch gesicherte Aussage werde es erst im Frühjahr geben.

Auch die Stadt Köln hatte zum Januar 2008 eine Umweltzone eingerichtet. Trotzdem wurden die Grenzwerte dort im vergangenen Jahr an 44 Tagen überschritten. Immerhin ist ein Rückgang gegenüber 2007 zu verzeichnen, als die Werte an 63 Tagen höher waren als erlaubt. Dass die Feinstaubbelastung geringer ausgefallen sei als in den Vorjahren, sei auch hier klimatischen Bedingungen zuzuschreiben, die im Jahr 2008 günstig gewesen seien, betont Dr. rer. nat. Ludwig Arentz vom Kölner Gesundheitsamt. Weitere Untersuchungen seien deshalb notwendig.

Der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Michael Dietmann, hält die Umweltzone in der Hauptstadt für überflüssig: „Betrachtet man die Umweltzone mit Sachverstand, gibt es bislang nicht eine einzige vorzeigbare Verbesserung, die auf die Einführung der Umweltzone zurückzuführen wäre.“ Auch Wirtschaftsverbände hatten die Umweltzone immer wieder infrage gestellt. Ab 2010 sollen in der Hauptstadt Dieselfahrzeuge mit roten und gelben Plaketten nicht mehr in die Innenstadt fahren dürfen. Für die Gewerbetreibenden sei die Belastung groß; sie hätten ohnehin mit der schlechten Wirtschaftslage zu kämpfen, erklärt die Industrie- und Handelskammer Berlin.

„Die Diskussion um den Feinstaub konzentriert sich auf die gemessenen Grenzwerte und übersieht dabei die gesundheitlichen Aspekte“, kritisiert Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. H.-Erich Wichmann, Helmholtz-Zentrum München. Den Verkehr aus Innenstädten umzulenken, sei nur dann sinnvoll, wenn dadurch die Exposition der Menschen wirklich reduziert werde. Wichtig sei es, dass der Verkehr über Umgehungsstraßen fließe. Tatsächlich ist es denkbar, dass sich die Emissionen am Rand von Umweltzonen erhöhen, wenn schadstoffreiche Autos die Verbotsbereiche umfahren. Dort würde sich dann die Belastung der Anwohner sogar noch erhöhen.

Die Frage, welcher Anteil des Feinstaubs aus Autoabgasen stammt, ist schwierig zu beantworten. Die meisten epidemiologischen Studien verwenden die Messwerte der Umweltämter, und diese untersuchen nicht, woher der Feinstaub kommt. So führen auch Reifen- und Bremsenabrieb zur einer höheren Konzentration in der Luft, aber auch Haushalte und vor allem die Industrie sind Verursacher von Feinstaub.

Dass die Partikel gesundheitsschädlich sind, ist wissenschaftlich unstrittig. Der inhalierbare Feinstaub PM 10 mit einem Durchmesser < 10 µm und der lungengängige Feinstaub PM 2,5 mit einem Durchmesser < 2,5 µm können zu Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen führen. Es gibt Studien, die belegen, dass eine Senkung der Schadstoffe aus dem Straßenverkehr die Gesundheit der Anwohner positiv beeinflusst hat.

„Bisher geschieht in den Städten noch viel zu wenig, um die Belastung der Atemluft durch Feinstaubpartikel zu verringern“, kritisiert die Vorsitzende des Ausschusses Gesundheit und Umwelt der Bundes­ärzte­kammer und Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, Dr. med. Martina Wenker. „Die Umweltzonen müssen weiter ausgebaut werden“, fordert ebenfalls Arentz vom Kölner Gesundheitsamt – auch angesichts der verschärften Regelung für Stickstoffoxid ab dem Jahr 2010.
Christina Schuster

Umweltzonen im Überblick
Städte mit Umweltzone
Seit Januar 2009: Augsburg, Bremen, Herrenberg, Karlsruhe, Nürnberg, Pforzheim, Ulm
Seit 2008: Berlin, Bochum, Bottrop, Dortmund, Duisburg, Essen, Frankfurt am Main, Gelsenkirchen, Hannover, Ilsfeld, Köln, Leonberg, Ludwigsburg, Mannheim, Mülheim an der Ruhr, München, Oberhausen, Pleidelsheim, Recklinghausen, Reutlingen, Schwäbisch Gmünd, Stuttgart, Tübingen
15 weitere Umweltzonen sind in Planung.
Grenzwerte

PM 10 (Partikeldurchmesser < 10 µm): Tagesmittelwert von 50 µg/m3 darf nicht mehr als 35-mal im Jahr überschritten werden. Zulässiger Jahresmittelwert: 40 µg/m3
PM 2,5 (Partikeldurchmesser < 2,5 µm): Werte ab 2015

Strafen
EU-Strafe für Kommunen ab 2011 (ursprünglich geplant ab 2005)
Strafen für Autofahrer für das Befahren der Umweltzonen ohne Plakette: 40 Euro und ein Punkt in Flensburg
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