THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Ärzte und Pharmareferenten: Zur Dynamik eines Verhältnisses

Dtsch Arztebl 2009; 106(6): A-234 / B-198 / C-190

Lehmkuhl, Dieter

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Dr. med. Dieter Lehmkuhl
Dr. med. Dieter Lehmkuhl
Dr. med. Dieter Lehmkuhl, IPPNW Berlin
Das US-amerikanische „Journal of General Internal Medicine“ veröffentlichte im Februar 2007 eine Untersuchung zur Beziehungsdynamik zwischen Arzt und Pharmareferent. Die Autoren der New Yorker Columbia-Universität und der Harvard Medical School werteten die Protokolle von sechs moderierten Gruppengesprächen aus, an denen insgesamt 37 Haus- und Fachärzte teilgenommen hatten. Thema waren die „Interaktionen zwischen Ärzten und der pharmazeutischen Industrie“. Die Gespräche fanden in San Diego, Atlanta und Chicago statt. Ziel war es, herauszufinden, welche Techniken Ärzte anwenden, um den Interessenkonflikt zwischen Werbung und Patientenwohl – der ihnen in aller Regel bewusst ist – und die sich daraus ergebenden kognitiven Widersprüche zu lösen.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Ärzte sich angesichts solcher Inkonsistenzen psychologischer Mechanismen bedienen, die aus der Theorie der kognitiven Distanz bekannt sind. Danach legen Menschen Wert darauf, dass ihre Überzeugungen miteinander übereinstimmen. Widersprechen sie sich, erleben sie das als Unbehagen und versuchen, die Dissonanzen zu lösen. Am stärksten ist das Unbehagen dann, wenn die Dissonanz das Selbstbild betrifft.

In ihren Gesprächen mit Arzneimittelvertretern werden Ärzte mit solchen Dissonanzen konfrontiert. Sie bewerten im Allgemeinen den Kontakt mit Arzneimittelvertretern als informativ und professionell angemessen. Sie wissen aber auch, dass die Informationen der Pharmareferenten dazu dienen, ihr Verschreibungsverhalten zu beeinflussen. Den Ärzten ist bewusst, dass dies ihre Objektivität beeinträchtigen kann. Interessant dabei ist, dass die meisten Ärzte zwar glauben, ihre Kollegen unterlägen dem Einfluss der Pharmaindustrie, sich selbst jedoch für unbeeinflussbar halten. Widersprüche zeigen sich auch in der Haltung zu Geschenken der Pharmaindustrie. Die meisten Ärzte akzeptieren sie, wollen jedoch nicht, dass dies öffentlich bekannt wird. Sie räumen außerdem ein, dass Geschenke die Unabhängigkeit beeinflussen können.

Da solche Widersprüche das Selbstbild des Arztes als altruistischer Helfer untergraben, sind Ärzte stark motiviert, diese Dissonanz zu lösen. Wie tun sie das?

Die Gesprächsteilnehmer reagierten auf die Widersprüche, indem sie die Interessenkonflikte leugneten („Darüber wird nicht groß geredet.“), es vermieden, die Verantwortung zu übernehmen („Bei jeder Entscheidung für oder gegen eine Untersuchung gibt es Interessenkonflikte.“), den Nutzen herausstellten („Die Pharmareferenten berichten nur über ihre Produkte, und man lernt dadurch.“) und Einflussnahmen herunterspielten („Ich verordne nur die Medikamente, die für den Patienten am besten sind.“). Selbst wenn Ärzte einräumten, dass ihre Beziehung zu Pharmareferenten ihr Verschreibungsverhalten beeinflusst, betonten sie, dass sich das nicht negativ auf ihre Patienten auswirke.

Konfrontiert mit den Ergebnissen einer Studie über die Auswirkungen der Kontakte zu Pharmareferenten, von industriegesponserten Fortbildungsveranstaltungen (cme) sowie der Annahme von Reise- und Unterbringungskosten auf das Verschreibungsverhalten, akzeptierten einige Ärzte die Ergebnisse spontan und berichteten, wie andere Ärzte dadurch beeinflusst würden. Insgesamt wurden die Ergebnisse jedoch bezweifelt und anders interpretiert und damit die Folgen bagatellisiert.

Angesichts der Techniken von Ärzten, mit kognitiven Dissonanzen umzugehen, erscheint den Autoren der US-amerikanischen Studie allein ein Verbot der Kontakte zwischen Ärzten und Pharmareferenten Erfolg versprechend. „Es wäre besser, wenn die Ärzte selbst aufgrund der Prinzipien ihres Berufsstandes die Kontakte mit Pharmavertretern einschränkten oder ganz einstellten. Unsere Ergebnisse legen jedoch nahe, dass dies unwahrscheinlich ist.“ Umso wahrscheinlicher werde es daher, dass diese Beziehung von außen reguliert werden müsse.

Die Art und Weise, wie Ärztinnen und Ärzte in Deutschland mit solchen Interessenkonflikten umgehen, dürfte sich nicht grundsätzlich von denen ihrer US-Kollegen unterscheiden. Nach einer Untersuchung des Instituts für evidenzbasierte Medizin in Köln sind 94 Prozent des Informationsmaterials, das Pharmareferenten Ärzten in ihren Praxen aushändigen, irrelevant, einseitig oder falsch, oder es stützt sich nicht auf valide und nachvollziehbare wissenschaftliche Evidenz. Die Orientierung an Informationen der Pharmareferenten ist somit der falsche Weg zu einer rationalen Arzneimitteltherapie.

Eine Positivliste für Arzneimittel, die Information durch unabhängige Arzneimittelzeitschriften oder unabhängige Pharmareferenten, wie die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns sie probeweise eingesetzt hat, sowie die Zulassung nur solcher „Innovationen“, die einen signifikanten Vorteil gegenüber der herkömmlichen Therapie haben, sind geeignetere Wege zu einer angemessenen Produktinformation. Das wissen vermutlich die meisten Kollegen. Die Studie aus den USA erhellt jedoch, warum wir als Ärzte wider alle Evidenz so an dieser „Mesalliance“ festhalten.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige