ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2009Reisemedizin: Dialyse auf dem Kreuzfahrtschiff

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Reisemedizin: Dialyse auf dem Kreuzfahrtschiff

Nolte-Schuster, Birgit

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Die MS Deutschland, das Traumschiff aus der ZDF-Serie, ist für reisemedizinische Notfälle bestens ausgerüstet. Zudem bietet es Dialysepatienten die Möglichkeit, an einer Kreuzfahrt teilzunehmen.

Mascat, Sultanat Oman: Es ist neun Uhr morgens; die Außentemperatur beträgt 33 Grad Celsius bei 75 Prozent Luftfeuchtigkeit. Vor zwei Stunden hat das Kreuzfahrtschiff MS Deutschland, das „Traumschiff“ aus der gleichnamigen Fernsehserie, im Hafen festgemacht, und die einzelnen Ausflugsgruppen mit Passagieren machen sich zum Landgang bereit. Im voll klimatisierten Dialyseraum des Schiffshospitals informiert sich Monika Wicha während der Behandlung über das aktuelle Tagesprogramm in der Bordzeitung. Die 57-jährige Kölnerin ist seit 13 Jahren Dialysepatientin, und es ist ihre vierte Fahrt mit diesem Kreuzfahrtschiff.

Hier an Bord geht sie alle zwei Tage für vier Stunden zur Dialyse; anders als zu Hause, wo sie dreimal in der Woche nachts dialysiert. Ihre Blutwerte sind optimal, bis auf den Phosphatwert. „Das liegt an dem guten Essen“, lacht Wicha, die ansonsten Disziplin hält und auch das Durstgefühl gut kompensiert. Als ganz besondere Erfahrung sieht sie bei einer Dialysekreuzfahrt die Möglichkeit, mit einer relativ überschaubaren Reisegruppe unterwegs zu sein und dabei fremde Länder kennenzulernen. Diese Verbesserung der Lebensqualität für Dialysepatienten steht auch für Dr. med. Peter Rittich im Vordergrund dieser Kreuzfahrten. Seit mehr als 25 Jahren ist der 64-jährige Facharzt für Allgemeinmedizin aus Hamburg auf die Behandlung mit Nierenersatzverfahren spezialisiert. Die Idee, an Bord eines Schiffes zu dialysieren, kam ihm 1988 als Schiffsarzt auf der MS Europa. Da viele der Betten im Schiffshospital zwar bereitgehalten werden mussten, jedoch nicht benötigt wurden, entstand die Überlegung einer entsprechenden Nutzung durch Dialysepatienten. Doch bis zum heutigen Stand des Dialyseverfahrens, das auch Patientin Monika Wicha als „schonender“ empfindet, war es insbesondere bei der Schiffsdialyse ein weiter Weg.

Wichtig an Bord: Kenntnisse der Rettungsmedizin
Als Hauptproblem in den Anfangsjahren bezeichnet Rittich die Sicherstellung der Wasserqualität für die Spüllösung. Das Wasser, das in den Häfen an Bord gebracht („gebunkert“) wurde, war oftmals mit vielen Schwebeteilchen, beispielsweise Algen, versehen. Das stellte besondere Anforderungen an die Filter. Durch eine Verbesserung des Hämodialyse-Verfahrens mit dem Ersatz des Pufferstoffs Acetat durch Natriumbikarbonat versuchte man, dieses Problem zu lösen. Die zwischenzeitliche Verbesserung in der Technik der Umkehrosmose-Anlagen führte zum Erfolg. Auch die technische Weiterentwicklung der Schiffstanks trug dazu bei.

Ebenso gehören die Probleme mit der Temperatur des Wassers, die vor allem in südlicheren Breiten infolge der Außenlage der Tanks oft zu hoch war, der Vergangenheit an. Die Technik sieht Rittich jetzt insgesamt als sicher an, insbesondere da der Unternehmensservice für die Dialysegeräte überall auf der Welt verfügbar ist. Für ihn sind die Probleme heute eher logistischer Natur, wenn es darum geht, die entsprechende Technik in einem Schiffshospital zu installieren. Insofern freut es den Mediziner, wenn dieses beim Neubau eines Kreuzfahrtschiffs gleich mit berücksichtigt wird. Neben der MS Deutschland verfügen auch einige andere Kreuzfahrtschiffe über die Möglichkeit einer Dialyse an Bord. Die Behandlung wird privat abgerechnet, wobei mit den meisten Krankenkassen jedoch Verträge über eine Beteiligung, ähnlich wie bei der Feriendialyse, bestehen. In der Hauptsache ist somit die Kreuzfahrt zu finanzieren, und die durchweg positiven Erfahrungen zeigen sich in der Zahl der sogenannten Repeaters, der Passagiere, die weitere Fahrten buchen. „Die Dialyse wird nicht so dominant erlebt, denn durch die Möglichkeit der individuellen Abstimmung mit dem Reiseverlauf steht das Urlaubserlebnis im Mittelpunkt“, beschreibt Rittich den grundsätzlichen Vorteil bei der Kreuzfahrtdialyse und ergänzt: „Dadurch lernt mancher Patient anders mit der Krankheit umzugehen. Und der Arzt erhält in seiner Arbeit ein positives Feedback.“

Wollte noch etwas von der Welt sehen, als er in die Altersteilzeit ging: Dr. med. Nikolaus Englisch im Schiffshospital der MS Deutschland Fotos: Birgit Nolte-Schuster
Wollte noch etwas von der Welt sehen, als er in die Altersteilzeit ging: Dr. med. Nikolaus Englisch im Schiffshospital der MS Deutschland Fotos: Birgit Nolte-Schuster
Auch der andere Schiffsarzt der MS Deutschland, Dr. med. Nikolaus Englisch, kam zunächst durch eine Urlaubsvertretung an Bord. Sechs Jahre lang verbrachte der ehemalige Chefarzt für Chirurgie in Brake so seinen Jahresurlaub, bis er im Jahr 2007 in Altersteilzeit ging und mehr Zeit für die Schifffahrt hatte. Vor allem der Wunsch, die Welt zu erleben, motivierte ihn zu diesem Schritt und führte ihn 2008 über einen Zeitraum von 15 Wochen rund um die Erde.

Sein Arbeitsplatz auf dem unter deutscher Flagge fahrenden Kreuzfahrtschiff ist entsprechend der gesetzlichen Bestimmungen „über die Krankenfürsorge auf Kauffahrteischiffen“ mit acht Krankenbetten für die rund 500 Passagiere ausgestattet. Das Hospital verfügt über zwei Isolierzimmer und zwei Kühlräume. Für die Diagnostik stehen den Schiffsärzten und den zwei Krankenschwestern, die sich den 24-Stunden-Dienst aufteilen, ein EKG-, ein Sonografie- und ein Röntgengerät zur Verfügung; im Labor ist im Notfall auch die Troponin-Bestimmung möglich. Im Notfall würden Patienten mit einem Herzinfarkt an Bord stabilisiert und dann in einer geeigneten Klinik an Land weiterbehandelt.

Dadurch, dass das Schiff auf den Kreuzfahrtreisen relativ häufig einen Hafen anläuft, ist auch die Notwendigkeit von Operationen weniger gegeben. „Wir verfügen hier über keinen sterilen Operationsraum“, erläutert Englisch die Gegebenheiten vor Ort. Hier an Bord ist seine rettungsmedizinische Ausbildung wichtig; sie ermöglicht es ihm, akute Notfälle zu behandeln. Insbesondere die Sprunggelenkfrakturen, die sich die Reiseteilnehmer bei den Landausflügen durch das vielfach ungewohnte Terrain zuziehen, zählen zu den häufigsten Notfällen. Und ein erhöhtes Risiko für Quetschungen resultiert an Bord aus plötzlich zufallende Kabinentüren, die im Zusammenhang mit der Schaukelbewegung des Schiffs stehen. Gerade erst hatte sich ein Passagier eine Oberarmkopffraktur nach einem Sturz auf dem Oberdeck zugezogen.

Herausgefallene Kronen und Probleme mit dem Zahnersatz
Daneben sieht der Schiffsarzt stets das grundsätzliche Risiko eines Herz-Kreislauf-Notfalls; er erinnert sich an einen spektakulären Fall, bei dem ein Passagier an seinem 80. Geburtstag einen Schlaganfall erlitt. Durch die rasche medizinische Intervention konnte die beginnende halbseitige Lähmung jedoch gestoppt werden.

Häufig sind aber auch die handwerklichen Fähigkeiten des Mediziners gefragt, wenn es darum geht, herausgefallene Kronen und Probleme mit dem Zahnersatz zu behandeln. Für diesen zahnärztlichen Einsatz steht ebenso ein Notfallkoffer bereit, doch Englisch stimmt sich in solchen Fällen gern auch mit gelegentlich mitreisenden Zahnärzten ab.

Insgesamt bewertet er, ähnlich wie sein Kollege Rittich, die gesundheitliche Verfassung der Kreuzfahrttouristen als sehr gut. „Die Passagiere, die eine Kreuzfahrt buchen, sind in der Regel sehr agil und lebensfreudig. Der Rollator wird ebenso wenig als Einschränkung des Urlaubserlebens angesehen wie die Dialyse“, so die beiden Mediziner übereinstimmend. Ein Blick auf die kommenden Urlaubsplanungen von Wicha gibt ihnen recht. „Für 2009 ist auf der MS Deutschland eine Reise nach Kanada gebucht. Und 2010 geht es für 22 Tage mit diesem Schiff in die Antarktis“, beschreibt die Dialysepatientin ihre künftigen Kreuzfahrtziele.

Dabei ist es gut möglich, dass sie dann vorher die Information von der Reederei über geplante Dreharbeiten an Bord erhält. Die Anwesenheit des Fernsehteams wird immer mit allen Beteiligten abgestimmt, um so neben der Produktion einer neuen Fernsehfolge auch den geregelten Ablauf der Kreuzfahrt zu gewährleisten. Dadurch hat es in der Vergangenheit keine Probleme zwischen beiden Bereichen gegeben, und mancher Passagier verbindet nachfolgend mit der Fernsehserie auch ganz persönliche Erinnerungen. Peter Rittich und Nikolaus Englisch beurteilen den filmischen Aspekt eher pragmatisch: „Es ist schon interessant, wie groß das Schiffshospital im Film dargestellt ist“, kommentieren sie mit einem Schmunzeln.
Dr. rer. pol. Birgit Nolte-Schuster

Informationen zu Dialyse-Kreuzfahrten:
www.reederei-deilmann.de
www.schiffsdialyse.de
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