ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2009Wiedergutmachung: Elzbietas Geschichte

THEMEN DER ZEIT

Wiedergutmachung: Elzbietas Geschichte

Schulte, Michael

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Während sie erzählt, erlebt Elzbieta Chylinska nach, was ihr in Auschwitz widerfuhr. Foto: privat
Während sie erzählt, erlebt Elzbieta Chylinska nach, was ihr in Auschwitz widerfuhr. Foto: privat
Die Aktion „Aktive Solidarität“, eine Initiative deutscher Orthopäden, kümmert sich um ehemalige Zwangsarbeiter und NS-Opfer aus Osteuropa.

Schreckliche Angst hatte ich, nach Rotenburg zu kommen. Angst vor den Deutschen, Angst vor der deutschen Sprache . . .“, erzählt zögernd Elzbieta, die als Kind von Deutschen nach Auschwitz verschleppt wurde. Die Angst hat sie nur langsam überwinden können. Doch sie erlebte ein anderes Deutschland. Ihr wurde dank einer Initiative deutscher Orthopäden ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt. Kostenlos. Eine Art Wiedergutmachung für früheres Leid.

Die Aktion „Aktive Solidarität“, die hinter der Hilfe für Elzbieta steckt, wurde anlässlich des hundertjährigen Gründungsjubiläums der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und des fünfzigjährigen Bestehens des Berufsverbandes deutscher Orthopäden Ende 2001 ins Leben gerufen. Die Initiative ging von Prof. Dr. med. Wolfram Neumann aus, dem Inhaber des Lehrstuhls für Orthopädie am Universitätsklinikum Magdeburg. Die Aktion wird bis heute von Magdeburg aus betreut.

Vorangegangen war im Mai 2001 ein Aufruf des 104. Deutschen Ärztetages in Ludwigshafen, der sich mit großer Mehrheit für die Entschädigung von noch lebenden Opfern der NS-Zeit, namentlich Zwangsarbeitern, eingesetzt hatte. Nach heutigen Schätzungen wurden mehr als zwölf Millionen Menschen zur Zwangsarbeit in das Deutsche Reich verschleppt.

Die Haft-, Arbeits- und Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter haben die Entwicklung von Verschleißerkrankungen, etwa der Gelenke, begünstigt. Viele ehemalige Zwangsarbeiter benötigen deshalb heute künstliche Gelenke. Doch die Versorgung ist gerade in osteuropäischen Ländern oft problematisch. Hinzu kommt, dass die Betroffenen häufig bedürftig sind. Hier setzt die Aktion an (www.aktive-solidaritaet.de). Dank des Sponsorings der Implantate durch die Hersteller, unbezahlter Arbeitsleistung von Ärzten und Pflegepersonal und der unentgeltlichen Unterbringung im Krankenhaus seitens der Träger kann den Patienten und Patientinnen vielfach geholfen werden. Die Aktion „Aktive Solidarität“ versorgte seit 2003 an mehr als 80 orthopädischen und chirurgischen Kliniken 340 Patientinnen und Patienten aus Polen, Russland, der Ukraine und Weißrussland und wird von der Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ unterstützt.

Zu den teilnehmenden Kliniken zählt das Diakoniekrankenhaus in Rotenburg (Wümme); hier wurden mehrere Patienten aus Polen behandelt, davon zwei ehemalige Auschwitz-Häftlinge, eine war Elzbieta Chylinska, geb. Wojnowska, Jahrgang 1935.

Elzbieta erinnert sich
Die Familie Wojnowska lebte zur Zeit des deutschen Überfalls auf Polen, 1939, in Warschau. Der Vater war Funker bei dem „Verband für den bewaffneten Kampf“, der späteren Armia Krajowa. Am 17. Juli 1941 wurde er in Palmiry bei Warschau mit Tausenden anderer Gegner des Naziregimes erschossen. Elzbieta war damals sechs Jahre alt.

Noch vor der Exekution wurden Mutter und Tochter mehrfach von der Gestapo verhört; immer wieder wurde die Freilassung des Vaters für den Fall in Aussicht gestellt, dass die Namen von Kontaktpersonen aus der Widerstandsbewegung preisgegeben würden. Um den Druck auf die Familie zu erhöhen, wurde der dreijährige Bruder von Elzbieta durch die Gestapo verschleppt; sie hat ihn nie wiedergesehen. Nach Beginn des Warschauer Aufstands am 1. August 1944 flohen Mutter und Tochter in das Warschauer Stadtzentrum und wurden Zeugen der Grausamkeiten während der 63 Tage des Kampfes um jedes Haus.

Auch ihr Haus wurde von SS-Einheiten umstellt. Elzbieta wurde zusammen mit ihrer Mutter und Großmutter auf einen Platz geführt, wo Kranke, Schwache und Juden sofort erschossen wurden. Die übrigen wurden zu einer Bahnstation geführt, wo man ihnen einen Transport nach Krakau und die dortige Freilassung versprach. Elzbieta wurde zusammen mit ihrer Mutter und Großmutter im Viehwaggon mit vielen anderen nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Sie erlebte den Tod ihrer Großmutter, die sich aus Verzweiflung unmittelbar nach der Ankunft im Lager gegen einen Hochspannungszaun warf.

Nach der „Selektion“ durch die SS an der Rampe wurde die Neun-jährige von der Mutter getrennt. Säuglinge und Kleinkinder unter drei Jahren wurden sofort nach der Ankunft ermordet. Größere Kinder, die keine Zwangsarbeit leisten konnten, später. Elzbieta entging der Ermordung, weil die Tötungsmaschinerie durch die täglich eintreffenden Transporte mit Juden aus ganz Europa überlastet war. Sie wurde daher nach einer zwei-wöchigen Quarantäne mit Hunderten anderer Kinder im Alter von drei bis 14 Jahren in einen Block gesperrt. Der war von Stacheldraht umgeben, Wachen patroullierten mit Hunden. Im Lager herrschten Hunger und Kälte. Die Nahrung bestand aus schwarzem Kaffee, trockenem Brot, Suppe aus Kohlrüben oder Kartoffelschalen. Im Block war es den Kindern verboten zu sprechen. Täglich um sechs Uhr früh war der Morgenappell, bei dem jedes Kind in deutscher Sprache seine Lagernummer nennen musste. Wenn ein Kind während des Appells schwächelte oder in Ohnmacht fiel, wurde es aus der Reihe herausgezogen und verprügelt. Wenn es danach nicht mehr in der Lage war aufzustehen, wurde es zu Tode geprügelt und im Krematorium verbrannt. Nach jedem Appell lagen viele Leichen auf dem Platz. Auch in der Baracke starben täglich Kinder; deren Leichname mussten morgens vor die Tür gelegt werden.

Den Kindern war schon sehr bald bekannt, dass sie vergast und anschließend im Krematorium verbrannt werden sollten. Elzbieta wurde einmal mit einer Gruppe von Kindern in die Gaskammer geführt und verdankt ihr Überleben nur einer technischen Störung bei der Freisetzung von Zyklon B.

Der Kinderblock erhielt mehrfach „Besuch“ von dem SS-Arzt Josef Mengele, der auch in ihrer Baracke nach Probanden suchte. Nach Entkleidung der Kinder traf Mengele eine „Auslese“, wobei kranke und schwache Kinder und solche, denen er das Aussehen eines „Muselmanns“ zusprach, unverzüglich den Weg in die Gaskammer antreten mussten. Zusammen mit 20 anderen Kindern wurde Elzbieta dann in den „Experimentalblock“ verlegt; alle erhielten von Mengele an drei Tagen Injektionen in den Rücken. Die Hälfte dieser Gruppe starb. Elzbieta war eines von nur drei Kindern, die die Menschenversuche überlebten.

Im Januar 1945 wurde Elzbieta mit wenigen anderen im Lager zurückgelassenen Kindern von der Roten Armee befreit und medizinisch betreut. Sie litt an Geschwüren infolge von Hundebissen, beidseitiger Taubheit und dem Verlust der Sprache. Zwischen Januar und Oktober 1945 irrte sie durch das Land. Im Dezember 1945 wurde sie von ihrer Mutter, die das Vernichtungslager und den „Todesmarsch“ der Häftlinge – eine Lagerevakuierung angesichts der anrückenden Roten Armee – ebenfalls überlebt hatte, in einem Kinderheim in Gorzów Wielkopolski entdeckt. Von den mehr als 40 „Auschwitz-Kindern“, die in Gorzów ihr Zuhause gefunden hatten, ist sie allein übrig geblieben.

Über die Erlebnisse ihrer Kindheit hat Elzbieta Chylinska viele Jahre lang nicht sprechen können, auch nicht mit ihren beiden Kindern. Ihre Tochter wurde erstmals bei einer Besichtigung des Konzentrationslagers Auschwitz mit der Schulklasse von einer Lehrerin über das Schicksal der Mutter aufgeklärt.

Elzbieta, deren Geschichte hier wiedergegeben wurde, erhielt im September 2007 in unserer Klinik ein neues Kniegelenk. Vor ihrer Rückreise, nach zweiwöchigem Aufenthalt, konnten wir sie dazu bewegen, über ihre Erlebnissse zu sprechen. Sie hatte Vertrauen gefasst.
Priv.-Doz. Dr. med. Michael Schulte
E-Mail: schulte@diako-online.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema