ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2009Bologna-Prozess: Verschlechterung der Patientenversorgung
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Das musste ja kommen. Die aufgeworfene Diskussion erscheint irgendwie von gestern. Die Approbationsordnung bietet den Fakultäten viele hervorragende Möglichkeiten zur Gestaltung eines attraktiven Medizinstudiums. Bestenauswahl im eigenen Auswahlverfahren, Mentorenprogramm, Klinische Medizin im ersten Studienjahr, problemorientiertes Lernen, Unterstützung für ein Semester Auslandsstudium, Stipendien für die Anfertigung exzellenter Doktorarbeiten, Wahlpflichtfach in der Sozialstation, all das sind Selbstverständlichkeiten an der Medizinischen Fakultät der Universität Lübeck, die von den Studierenden innerhalb der Regelstudienzeit gerne angenommen und erfolgreich absolviert werden. Gerade denken wir über wünschenswerte Verbesserungen nach – etwa die Wiedereinführung der Prüfung vor Eintritt in das praktische Jahr – da treibt die Politik eine neue Sau durchs Dorf. Ein europäischer Hochschulraum mit Bachelors oder Masters of „Irgendwas“ muss nun auch für die Medizin her. Die Erfahrungen aus anderen Fächern werden offenbar nicht zur Kenntnis genommen. Viele Experten haben längst erkannt, dass „Modularisierung nach Gutdünken“ mit der damit einhergehenden Evaluitis das Gegenteil von Mobilität erreicht hat. Selbst innerhalb Deutschlands ist es schwer geworden, den Studienort zu wechseln. Wer hat denn gezeigt, dass sich durch Bachelor-/Masterstrukturen die Qualität verbessert hat? Die Bundes­ärzte­kammer und das Pendant in Frankreich haben Alarm geschlagen und fürchten zu Recht eine Verschlechterung der Patientenversorgung. Wenn der Prodekan für Studium und Lehre der Universitätsmedizin Berlin die gleichzeitige Einführung einer Bachelor- und Masterstruktur befürwortet, möge er seine Fakultät gerne vom Sinn überzeugen. Die von der ZVS nach Berlin geschickten Studenten werden sich fügen (müssen). Klar ist jetzt schon, dass der teuerste Studiengang mit den niedrigsten Abbrecherquoten noch teurer wird. Zum Nulltarif ist Bachelor/Master nicht zu haben. Vielleicht gelingt es aber ja in einem ersten Schritt, dass zunächst die ZVS für die Zuweisung unserer Abiturienten mit Studienwunsch Medizin den europäischen Hochschulraum nutzen darf. Hier sollten die zuständigen Ministerialdirigenten initiativ werden. Die Politik würde belobigt werden.
Prof. Dr. med. Werner Solbach, Dekan,
Prof. Dr. med. Jürgen Westermann, Studiendekan, Fakultät für Medizin, Universität Lübeck,
Ratzeburger Allee 160, 23538 Lübeck
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