ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2009Krankheitsbegriff: Abwechslungsreiche Lektüre

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Krankheitsbegriff: Abwechslungsreiche Lektüre

Lehnert, Bernhard

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Dominik Groß, Sabine Müller, Jan Steinmetzer (Hrsg.): Normal – anders – krank? Akzeptanz, Stigmatisierung und Pathologisierung im Kontext der Medizin. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2008, 495 Seiten, kartoniert, 39,95 Euro
Dominik Groß, Sabine Müller, Jan Steinmetzer (Hrsg.): Normal – anders – krank? Akzeptanz, Stigmatisierung und Pathologisierung im Kontext der Medizin. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2008, 495 Seiten, kartoniert, 39,95 Euro
„The two big turning points in my life were, when my father sent me to Oxford and when society sent me to prison“, schrieb Oscar Wilde, nachdem er aufgrund homosexueller Beziehungen zu zweijähriger Haft und schwerer Zwangsarbeit verurteilt worden war. Dieser Vorgang ist für uns heute so unverständlich, weil sich die allgemeine Einschätzung und Wertung der Homosexualität so grundlegend geändert haben. Ein gesellschaftlicher Umbruch, der nicht zuletzt auch mit der medizinischen Bewertung des Phänomens Homosexualität zu tun hat. Daraus erwächst unmittelbar die Frage, wie viele unserer heutigen Ansichten künftige Generationen verwerfen werden müssen.

Der Band nähert sich der Frage der Einordnung besonderer menschlicher Phänomene in die Kategorien „Normal – anders – krank“ aus den verschiedensten Richtungen kommend, jedoch immer mit medizinischem Bezug zu unserem Begriff vom „Kranken“. Die Herausgeber haben Beiträge von 20 Autoren zusammengetragen, die in einem mehr als 450 Seiten starken Band Aspekten rund um den Komplex des Normalen, Anderen und Kranken nachgehen.

In einem etwa 75 Seiten umfassenden einführenden Teil A beleuchten vier Autoren zunächst abstrakt aus ihrer jeweiligen Sichtweise die Trias der Begriffe „Normal – anders – krank“ und damit zugleich den Krankheitsbegriff als solchen. Nach diesen grundlegenden Beschreibungen beschäftigen sich die Teile B bis G exemplarisch mit konkreten Besonderheiten menschlichen Seins, die sich einer einfachen Einordnung in ein simples, starres Raster von gesund und krank widersetzen.

Den Anfang macht der Themenkreis Homosexualität. Bei der Schilderung der geschichtlichen Entwicklung ihrer historischen Wahrnehmung und ihres Wegs vom Verbot bis zum heutigen Stand gelingt – sozusagen im Vorbeigehen – auch die Beschreibung der Zusammenhänge zwischen medizinisch wissenschaftlicher Entwicklung und gesamtgesellschaftlicher Entwicklung: „Als 1929/30 der Strafrechtsausschuss des Deutschen Reichtags die teilweise Entkriminalisierung des homosexuellen Geschlechtsverkehrs (. . .) beschloss, geschah dies zwar aufgrund der Akzeptanz der Theorie von der Angeborenheit der Homosexualität, wie sie Hirschfeld seit 1897 vertreten hatte. Aber zu diesem Zeitpunkt war seine Lehre bereits weitgehend widerlegt worden.“

Die folgenden Teile des Buchs beinhalten jeweils aus der Sicht verschiedener Autoren die Themenkreise Transsexualität und Intersexualität, Körperwahrnehmung und Identität, Zwangsbehandlung, Hochbegabung und Inselbegabung und Behinderung. Wollte man dem Buch etwas vorhalten, so wäre es wahrscheinlich die Schwerpunktbildung im Bereich dieser augenfälligen Besonderheiten. Weniger auffällige, da bereits der Gewohnheit anheimgefallene Alltagsphänomene wie Fettleibigkeit und Nikotinabhängigkeit kommen im Band eher zu kurz, obwohl auch sie die Frage „normal – anders – krank?“ aufwerfen. Für den wissenschaftlich oder an Spezialfragen Interessierten runden zwei sehr umfangreiche Bibliografien das Buch ab.

Den Wert des Buchs für die Philosophie und Medizinethikspezialisten werden die Fachkreise in Zukunft bestimmen müssen. Was aber bedeutet das Buch für den nicht diesen Fachkreisen angehörigen Arzt? Zunächst einmal erhält der Käufer eine Reihe in sich geschlossener Aufsätze, die überraschend angenehm zu lesen, dennoch solide wissenschaftlich fundiert und sehr abwechslungsreich sind: Die Vielzahl der Autoren vertritt unzählige Fachdisziplinen (unter anderem Historiker, Philosophen, Psychiater, Humangenetiker, Soziologen, Psychologen, Neurobiologen, Phoniater, Zahnärzte) sowie deren sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Dies führt zu einer sehr abwechslungsreichen Lektüre, die sich zudem durch ihre sachliche Fundiertheit sehr positiv von manch moralisierender Betroffenheitsliteratur abhebt. Wer Teilaspekte vertiefen möchte, kann in jedem Beitrag auf ausführliche Literaturverweise zurückgreifen. Das Buch kann damit jedem empfohlen werden, der sich mit den Grenzen unseres Krankheitsbegriffs und der damit verbundenen sozialen Verantwortung der Medizin befassen möchte.
Bernhard Lehnert

Dominik Groß, Sabine Müller, Jan Steinmetzer (Hrsg.): Normal – anders – krank? Akzeptanz, Stigmatisierung und Pathologisierung im Kontext der Medizin. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2008, 495 Seiten, kartoniert, 39,95 Euro
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