ArchivDeutsches Ärzteblatt19/1997„Furtwängler, Kategorie 4„: Ein Prominenter im Kreuzverhör

VARIA: Feuilleton

„Furtwängler, Kategorie 4„: Ein Prominenter im Kreuzverhör

Steiner-Rinneberg, Britta

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Wilhelm Furtwängler war der führende Dirigent der Hitlerzeit. Was man ihm später zum Vorwurf machte, war, in Deutschland geblieben zu sein: unter einer Diktatur, die unvorstellbare Grausamkeiten verübte (die ihm nicht ganz entgangen sein dürften), die ihn zwar künstlerisch gängelte, aber darüber hinaus ungeschoren ließ.
1946 mußte Furtwängler sich einem Entnazifizierungsprozeß stellen, er war gezwungen, sich zu rechtfertigen, obwohl er sich bis zuletzt ohne "Schuld" fühlte. Dies, obgleich er ab 1933 Komponisten wie Mahler und Hindemith befohlenermaßen nicht mehr aufführte. Der Untersuchungsausschuß sprach ihn letztlich in allen Punkten der Anklage frei. Furtwängler starb 1954 im Alter von 68 Jahren.
Ronald Harwood hat ein Stück über diese Verhandlung geschrieben, das bereits in England, den USA und Israel erfolgreich über die Bühne ging und nun im Wiesbadener Staatstheater seine deutsche Erstaufführung erfuhr. Harwood befaßte sich eingehend mit der "Schuld- oder Mitläuferfrage". Eine Antwort gibt er bewußt nicht: das Publikum soll nach diesem Dialog selbst entscheiden, auf wessen Seite es steht. Auf der Bühne entstand eine eindrucksvolle Trümmer-Szenerie, in die die karge Amtsstube mit ein paar Holztischen und Stühlen und einem Grammophon hineingesetzt wurde, aus dem immer wieder Beethoven und Bruckner ertönen. Im spartanischen, freudlosen Raum zwei Männer, die sich fremder kaum sein können: Major Steve Arnold ist ein amerikanischer Offizier mit "selbstentwickelter Verhörmethode", die den anderen erst fertigmachen und dann zum Reden bringen soll. Bernd Rademacher spielt und spricht diesen Angestellten einer Versicherungsgesellschaft insgesamt überzeugend. Ihm gegenüber die noble Erscheinung Furtwänglers, der diesem rüden Befrager gegenüber Rede und Antwort steht. Bernd Ripken gibt den Maestro in Ton und Attitüde zurückhaltend, dann mehrmals erregt auffahrend. Wenn es den Major des Hochgestochenen zuviel dünkt, brüllt er den anderen zusammen: "Mann, ich habe Auschwitz, habe die Leichenberge gesehen!" Was Furtwängler sich zu der Behauptung versteigen läßt, Musik sei nicht nur als Kunst, sondern als Allheilmittel zu betrachten, das selbst ein Auschwitz und Bergen-Belsen vergessen mache . . . Jeder hält verbissen an seiner Meinung fest. Starker langer Beifall für den anwesenden Autor und die Hauptdarsteller. Ein Stück Zeitgeschichte, das dem Hörer die Antwort auf Harwoods gestellte Frage nicht eben leicht macht.
Britta Steiner-Rinneberg
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote